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Spitzelvorwurf gegen Horst Fassel erneuert

„Ich bin nicht Filip“

Ist der Literaturwissenschaftler Horst Fassel doch ein Securitate-Spitzel? Neue Funde sollen das belegen. Fassel wiederum streitet alles ab.

12.07.2010
  • Wilhelm triebold

Tübingen. Horst Fassel versucht sich zu wehren, soweit das seine Kräfte zulassen. Nachdem ihn die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller in die gefährliche Nähe des rumänischen Geheimdienstes Securitate gerückt hatte (das TAGBLATT berichtete), strengte der krebskranke ehemalige Geschäftsführer des Tübinger Donauschwäbischen Instituts eine Verpflichtungserklärung an. Danach sollte Herta Müller es unterlassen, weiterhin den Eindruck zu erwecken, Fassel habe auch nur mittelbar mit dem gefürchteten Geheimdienst des Ceaucescu-Regimes zu tun gehabt.

„Ich bin nicht Filip“
Horst Fassel in jüngeren Jahren. 1981 stellte er den Ausreiseantrag, 1983 durfte er nach Westdeutschland übersiedeln.

In dem zitierten Dokument, das Herta Müller in ihrer Opfer-Akte „Cristina“ gefunden hatte, ist der fatale handschriftliche Vermerk mit Fassels Namens allerdings auf den „10. Oct. 1986“ datiert – was bemerkenswert ist, denn das Tübinger Institut wurde erst neun Monate später gegründet. „Auch wenn der Securitate viel zuzutrauen ist“, wundert sich Horst Fassels Stuttgarter Anwalt in seinem Schriftsatz an Herta Müllers Münchner Rechtsbeistand, „wird man ihr keine hellseherischen Fähigkeiten zuschreiben können. Eine Aufforderung, an ein noch gar nicht gegründetes Institut und dort an einen Mitarbeiter, der erst ein Jahr später seine Arbeit aufnehmen würde, Material zu verschicken, wäre sinnlos.“

Auch dass Fassel 15 Jahre nach Ende der Ceaucescu-Diktatur vom rumänischen Kulturministerium für seine wissenschaftlichen und kulturellen Verdienste ein Orden verliehen bekam, dürfe ihn nicht in Spitzel-Zusammenhänge stellen, mahnte der Anwalt. Herta Müller hatte dagegen mit deutlichem Hinweis auf Fassel geschrieben: „Man geniert sich nicht im freien Rumänien, die Ordensverleihung der Franzosen ‚Ritter der Ehrenlegion‘ abzukupfern, um Securitate-Spitzel zu belohnen.“ Sein Mandant habe mit seiner Ehefrau „viele Jahre selbst unter dem rumänischen Regime gelitten“, unterstrich der Anwalt.

Herta Müller freilich denkt nicht daran, diese Unterlassungserklärung zu unterschreiben. Bei dem unpassenden Datum handle es sich „offenkundig um einen Schreibfehler“, lässt sie mitteilen, um einen „Zahlendreher“: Es müsse der „10.10.1989“ heißen. Das beweise ein Vergleich mit jener Akte, die über Herta Müllers Ex-Mann Richard Wagner („Ziaristul“ - „Der Journalist“) geführt wurde.

Das prominente Paar gehörte zur „Aktionsgruppe Banat“, die wegen angeblicher Staatsgefährdung Mitte der 1970er-Jahre unterwandert und überwacht, schließlich zerschlagen wurde. Einige von ihnen retteten sich danach in den „Adam-Müller-Guttenbrunn-Kreis“, wo sie allerdings ebenfalls ausgehorcht und ausgeforscht wurden. Wer sich auch nur nachträglich in diesen Sumpf allgegenwärtigen Misstrauens begibt, der muss schaudernd zur Kenntnis nehmen, dass die Überwachungsmechanismen der Securitate früher und auch später immer bestens funktionierten. Waren es zuerst Spitzel mit Decknamen wie „Voicu“ und „Gruia“, die jene nicht konformen Banater Aktionisten ans Messer lieferten, brachte später ein gewisser „Mayer“ fleißig und verlässlich Nachrichten aus dem Innenleben des „Müller-Guttenbrunn-Kreises“ dar.

„Ich bin nicht Filip“
Schreibfehler, Zahlendreher? Dieser Spitzelbericht datiert vom „10. Oct. 1986“, einem Zeitpunkt, an dem das Donauschwäbische Institut in Tübingen noch gar nicht existierte. Unter Punkt 3 heißt es, „Materialien sollen auch an Fassel, Horst, an die Anschrift des ,Instituts‘, wo er gerade arbeitet, versendet werden, mit der Bitte, sie in der Öffentlichkeit zu verbreiten.“ Ausschnitt aus den den Akten der rumänischen „Birthler-Behörde“ C.N.S.A.S.

Inzwischen hat das große Enttarnen und Abrechnen begonnen. Die Pseudonyme der Spione bekommen Klarnamen und Gesichter, auch wenn diese sich nicht immer wiedererkennen. Der Publizist Franz Thomas Schleich leugnet weiterhin standhaft, mit dem Spitzel „Voicu“ identisch gewesen zu sein, wie Herta Müller und Wagner dies vermuten. Hinter „Gruia“ wiederum soll sich der Schriftsteller Peter Grosz verbergen, der jetzt in Oppenheim um Ruf und Lehrerbezüge kämpft (als Festspielleiter wurde er dort bereits gefeuert). Und die Quelle „Mayer“ wurde schließlich als Hans Mokka geoutet, der allerdings schon vor 12 Jahren verstorben ist.

Mokka erschien den Spitzeljägern aus dem einstigen Banater Aktions-Umfeld auch das Missing Link zu Horst Fassel, der zeitweilig Mokkas Stiefsohn gewesen ist. Im erwähnten „Cristina“-Aktenvermerk mit Fassels Namen taucht umgehend auch ein Hinweis auf „Mayer“ auf, der in Sachen Herta-Müller-Verleumdung ebenfalls zu unterweisen sei - was läge da also näher, wenn „Mayer“ denn Mokka ist, dass dieser auf Auslandtouren eben auch den Schwiegersohn instruiert oder zumindest instrumentalisiert hat? Zumal „Mayer“ in einem weiteren Bericht Fassel ausdrücklich als Gewährsmann für Beobachtungen über die donauschwäbische Landsmannschaft anführt.

„Ich bin nicht Filip“
IM „Mayer“ berichtet: „Bezugnehmend auf die Aktivitäten der Landsmannschaft schlussfolgere ich folgendes: Aus den Aussagen von Horst Fassel resultiert, dass die Landsmannschaft der Schwaben im Umbruch ist.“ Offen bleibt, ob der hier mit Klarnamen genannte Fassel wissentlicher Zuträger war oder „Mayer“ an seine Informationen anders gekommen ist.

Horst Fassel bestritt, auch gegenüber dem TAGBLATT, von Anfang an diesen Zusammenhang. Tatsächlich erscheint die Beweislage gegen ihn bislang eher dürftig und wenig überzeugend. Der angesehene Germanist Dieter Schlesak hatte im Januar, der Beitrag erschien im Berliner „Tagesspiegel“, sein Unbehagen über eine „Aufarbeitungsmoral“ geäußert, die sich nur mit der weitaus harmloseren, dafür aber „bunteren“ und „mediengerechteren“ Ceaucescu-Ära befasst, die aber die wirklichen Opfer aus der Frühzeit vernachlässigt. Und die „neue Opfer produziert, die als Täter vorgestellt - denn zum Guten gehört ja das Böse - jene Diktaturzeit anschaulich und fast greifbar machen.“

Schlesak ist wie der Literaturkritiker Gerhardt Csejka, der als Älterer der „Banater Aktionsgruppe“ angehörte, gewiss unverdächtig, jemals mit der Securitate sympathisiert zu haben. Csejka hatte die „Reduzierung der Angst“ am eigenen Leibe erfahren, „auch der Gedanke an die ständige Präsenz der Securitate-Lauscher war in der Folgezeit weit weniger verhaltensbestimmend als in der Zeit davor.“ Es habe da, ergänzt Schlesak, keineswegs nur den Literatenwiderstand der „Aktionsgruppe Banat“ gegeben, „der als Randerscheinung in den Quellen kaum, meist gar keine Erwähnung findet“. Die Gruppe um Herta Müller und Wagner habe „nur im Alleingang“ gewirkt und „keinerlei Verbindung oder gar Solidarität mit den realen sozialen Aktionen“ gezeigt, so Schlesak.

Muss deshalb womöglich jetzt eine haltbare Legende geschaffen werden, die eine zweifellos niederträchtige Behandlung, wie sie Herta Müller und andere in Rumänien erfahren mussten, in einem noch unmenschlicherem Licht erscheinen lässt? „Man kann sich der vielen selbstgerechten Moralisten, Widerständler, Dissidenten und tapferen Autoren der späteren, der sanften Tauwetter- und Ceausescu-Zeit kaum erwehren“, meint Schlesak im „Tagesspiegel“. Und zeigt damit auch auf jene, die nicht nur den als Informant „Walter“ enttarnten Literaten Werner Söllner zu einem bitteren Bekenntnis auf der vergangenen Münchner Securitate-Tagung getrieben haben.

In einem Punkt hat Herta Müller allerdings Recht. Die Securitate, vertraute sie neulich „Report Mainz“ an, sei durchaus auch ein deutsches Problem. „Sowohl Opfer wie auch Täter sind jetzt hier und deutsche Staatsbürger.“ Wissenschaftler gehen davon aus, dass zwischen es 500 und 2000 einstige Securitatespitzel in Deutschland gebe. Anders als Müller bemängelt aber etwa Schlesak, dass nicht „die anderen IMs, die wirklich Menschenvernichtendes betrieben haben“, ins Visier und Kreuzfeuer der jagenden Securitateopfer geraten, sondern jemand wie Werner Söllner.

Haben Söllner (der Kontakte einräumt) oder Fassel (der sie von sich weist) anderen geschadet? Das ist wohl die entscheidende Frage. Das Leben der anderen. Sie fühlen sich geschädigt, und sie schlagen zurück - blindwütig oder gezielt. „In der gegenwärtigen Pressekampagne geht es jedoch nicht um Todesfälle,“ klärt Schlesak auf, „sondern vor allem um eine späte ,Dissidenz‘ (Luxusdissidenz?), um Verhöre und Verfolgungen, Drohungen und Erfindungen der Securitate, die auch diffamierte, ja, dazu, etwa im Falle von Herta Müller, diese zur IM stilisierte, um mit allen Mitteln einzuschüchtern und zu entwürdigen.“

Auch deshalb gilt für jemanden wie Horst Fassel so lange die Unschuldvermutung, bis das Gegenteil bewiesen ist. Warum, darf man fragen, nennen die Desinformationsprofis der Securitate und IM „Mayer“ ausgerechnet Fassel beim richtigen Namen? Setzt man so eine Agenten-Tarnung aufs Spiel, die ansonsten selbstverständlich war? Könnte es nicht sein, dass Fassel ebenso kompromittiert werden sollte wie, zum Beispiel, Herta Müller? Als Securitate-Spitzel müsste er doch über hübsche passende Decknamen verfügt haben.

Genau solch einer soll jetzt nachgewiesen werden. In Bukarester „Archiva de retia“, dem Archiv des Mitarbeiternetzwerkes der Securitate, sollen Dokumente aufgetaucht sein, die belegen, dass Horst Fassel auch nach seiner Ausreise in der Bundesrepublik als Geheimagent „Filip“ bis 1990 regelmäßig die Securitate über seine Maßnahmen in Deutschland über Wagner und Herta Müller informiert habe.

Er bleibe gelassen, hatte Fassel vor drei Monaten gegenüber dem TAGBLATT die angedrohten Enthüllungen kommentiert. Von denen lässt sich bislang nur ein „streng geheimes“ Schreiben der Securitate präsentieren, das belegen soll, wie „Filip“ im Mai 1981 die ehemaligen Banater Aktionisten um Richard Wagner und William Totok in Temeswar ausspähte. Tatsächlich geht es da um prekäre Punkte wie illegale Grenzübertritte - mit diesem Bericht dürfte „Filip“ die Gesprächspartner hochgradig in Gefahr gebracht haben.

Informant „Filip“ sei ein Hochschullehrer der Universität Jassy gewesen, schlussfolgern nun die Interpreten des Spitzelberichts. Und halten nun Horst Fassel dafür. Der beteuert, vom TAGBLATT jetzt danach befragt, im Jahr 1981 nicht einmal in Temeswar und schon gar nicht auf dem Treffen gewesen zu sein. Folglich sei er auch nicht jener gesuchte informelle Mitarbeiter. „Ich bin nicht Filip!“

Demnächst also mehr aus diesem Theater, das mehr einem Schwurgerichtssaal oder auch einem Tollhaus gleicht. Dieter Schlesak hatte in seinem „Tagesspiegel“-Artikel kritisiert, die wahren Täter genössen „einen unverdienten Ruhestand im Osten oder Westen und würden über all diese Auseinandersetzungen unter ,verrückten Schriftstellern‘ nur höhnisch lachen.“

Schwarze und weiße Schafe: Das Donauschwäbische Institut

Das Donauschwäbische Institut, Fassels ehemaliger Arbeitgeber, habe „gemacht, was es machen kann“, verteidigt Geschäftsführer Mathias Beer noch mal das Vorgehen, das die Überprüfung des Postwegs einschloss für die fragliche Zeit, in der Fassel von der Securitate hätte beliefert werden können. Wie bereits vermeldet, ergaben diese Stichproben nichts.

Das Institut hat außerdem Richard Wagner gebeten, die ihm vorliegenden Dokumente zugänglich zu machen. Eine Antwort steht noch aus. Im nächsten Jahr soll es in Tübingen wissenschaftliche Veranstaltung zum Thema geben. Beer appelliert an alle, die Dokumente haben, sie auf den Tisch zu legen. Man werde aber kaum aufgrund einer Kopie die quellenkritische Untersuchung machen, so Beer „da braucht man das Original.“ Überhaupt sei es „nicht so einfach, schwarze Schafe von den weißen zu trennen.“ Und auch Beer findet: „Solange nicht wesentlich belastendes Material zutage gefördert wird, muss man von dem Zustand von vor 2009 ausgehen.“ Also von dem Zeitpunkt, bevor Herta Müller Horst Fassel zu verdächtigen begann.

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