„Es ist ein großes Puzzle“

Hochklassige Miniserie an vier Abenden

Von MAGDI ABOUL-KHEIR

Hans-Christian Schmid gehört seit gut 20 Jahren zu den besten deutschen Kinomachern. Nun hat er eine Fernsehserie gedreht: „Das Verschwinden“ ist ein Ereignis.

Hochklassige Miniserie an vier Abenden

Schaut gern ganz genau hin: der Filmemacher Hans-Christian Schmid. Foto: Gerald von Foris

Berlin. Der Zug von Berlin nach Stuttgart hat Verspätung, aber dann ist Hans-Christian Schmid (53) da. Und wie: hoch konzentriert, ruhig zuhörend, überlegt antwortend. Genauso wie er Filme dreht, seit er an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen studiert hat und 1995 mit der Erfolgskomödie „Nach fünf im Urwald“ bekannt wurde. Es folgten Filme wie die Internats-Geschichte „Crazy“ (2000), das Exorzismus-Drama „Requiem“ (2006) und „Sturm“ (2009) über die Aufklärung von Kriegsverbrechen.

Nun hat Schmid mit „Das Verschwinden“ seine erste TV-Miniserie gedreht, vier 90-Minüter, die von Sonntag an im Ersten zu sehen sind. Das Verschwinden ist der Anfang: Eine junge Frau ist wie vom Erdboden verschluckt, und ihre Mutter (Julia Jentsch) macht sich daran, sie zu suchen, auch weil die Polizei sehr zögerlich ermittelt. Nach und nach setzen Schmid und sein Co-Autor Bernd Lange das Bild einer oberpfälzischen Kleinstadt zusammen, ein soziologisch-ethisches Panoptikum entsteht – im Vorspann sind Puzzleteile zu sehen.

Puzzeln Sie gern?

Hans-Christian Schmid: Ich nicht, nur meine Töchter (lacht). Aber ja, „Das Verschwinden“ ist ein großes Puzzle.

Der Ermittler Köhler sagt in Ihrem Film: „Das ist eine kleine Stadt. Hier leben gute Leute, die nicht immer Gutes tun.“ Das klingt wie ein Schlüsselsatz.

Ich vermute, Sie haben Recht. Die Figur spricht da aus, wie wir Autoren uns das Leben in einer Kleinstadt vorstellen. Es sollte halt nicht wie auf dem Präsentierteller daherkommen, sondern gut eingebettet sein (lacht). Aber ja, ich bin davon überzeugt, dass es viele Gründe gibt, dass gute Menschen Nicht-Gutes tun. Und so kommt es ja auch in unserer fiktiven Stadt Forstenau.

Sie sagen fiktiv, aber diese oberpfälzische Kleinstadt nahe der tschechischen Grenze wirkt sehr realistisch. Wie wichtig ist es für Sie, eine solche Geschichte genau zu verorten – geografisch, sprachlich, sozial?

Ich habe Dokumentarfilm studiert, ich schaue schon gern der Wirklichkeit zu und verankere die Erzählung gern im Realen. Aber wie der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski gesagt hat: Wenn es hart auf hart kommt, stößt man beim Dokumentarischen an einen Punkt, wo einem die Leute die Tür vor der Nase zuschlagen. Und dann muss man eben doch wieder auf Erfindung zurückgreifen. Aber ich weiß, dass das dann Fiktion ist und dass ich als Autor verdichte. Und natürlich kann ich in einem solchen Fall nicht nur Schauspieler besetzen, die Oberpfälzisch sprechen – da mache ich Abstriche, klar. Doch ich bin in einer Kleinstadt an der Grenze zu Österreich aufgewachsen, ich kenne dieses Leben. Ich empfinde es als Mangel, wenn ein solcher Film keinen Ortsbezug hat. Das wird rasch ungenau.

Wie stark prägt Sie Ihre Herkunft aus Altötting?

Kleinstadt interessiert mich grundsätzlich. Vieles von dem, was in Deutschland passiert, passiert vor allem in Kleinstädten: Wir Filmschaffenden oder Journalisten sitzen in den Großstädten, schauen aufs Land und erschrecken dann, wenn die AfD 20 Prozent bekommt wie jetzt in Deggendorf. Als Filmemacher beschreitet man in Kleinstädten auch nicht so ausgetretene Wege – bevor ich jetzt den fünften Berlin-Krimi mache, zieht es mich eher in diese Ecken. Es sagt wohl schon etwas aus, dass ich vor fast 20 Jahren nach Berlin gezogen bin und dort noch kaum Drehtage hatte.

Unser Bild von Ermittlungsarbeit ist durch die Klischees aus Fernsehkrimis geprägt. Bei Ihnen ermittelt aber vor allem eine Mutter, die ihre Tochter sucht. Das führt zu einer ganz anderen Wahrheitssuche, als man es aus dem Genre sonst kennt . . .

Das ist der Ausgangspunkt unserer Geschichte: Wir können jemandem beim Ermitteln zuschauen, der damit keine Erfahrung hat. Das interessiert mich viel mehr, als den soundsovielten Ermittlerkrimi zu drehen. Ich hab mich beim Schreiben immer gefragt: Was würde ich selber tun? Welche Möglichkeiten hätte ich? Könnte ich eine Nacht schlafen, wenn mein Kind weg ist? Wie oft kann ich an die Tür von jemandem klopfen, der mir keine Informationen geben möchte? Das wollten wir bis zu dem Punkt fortführen, an dem klar ist: Dieses Kind taucht auf – oder eben nicht.

Man sagt, Lügen haben kurze Beine. Aber manche sind recht lang, in Ihrem Filme tragen manche 20 Jahre – und dann stolpert doch einer. Glauben Sie, dass Lebenslügen sich immer rächen?

Ich glaube, es ist sehr oft so. Die Familien, die wir zeigen, haben alle mit Lügen und Geheimnissen zu tun, da ist keiner ausgenommen, nicht die alleinerziehende Mutter, nicht die scheinbar Privilegierten. Das ist beim Schreiben wie ein Leitfaden für uns geworden, dass sich diese Lügen einschleichen, sich manifestieren, dass sie nur schwer wieder aus der Welt zu schaffen sind, wenn man erst mal mit ihnen lebt. Aber bestimmt kommen manche Menschen mit ihren Lebenslügen auch durch.

„Requiem“, „Was bleibt“, jetzt „Das Verschwinden“: Die Brüchigkeit von Familien interessiert sie offenkundig sehr.

Das ist das Erzählmaterial, aus dem wir am meisten schöpfen: das Leben im Familienkontext. Und es sind selten die heilen Familien, von denen wir erzählen.

Sie deuten dabei nicht mit dem Zeigefinger auf Menschen. Wie schaffen Sie es, nicht zu didaktisch, moralisch zu werden?

Man muss beim Schreiben darauf achten. Lieber Fragen stellen als fertige Antworten liefern.

Bekannt wurden Sie vor mehr als 20 Jahren mit „Nach fünf im Urwald“. Eine Komödie – Ihre erste und letzte. Hatten Sie Angst, in eine Schublade gesteckt zu werden?

Es stimmt, danach wurde es immer ernster. Aber das hat verschiedene Gründe. Wenn Komödie funktioniert, ist das ein Glücksfall. Die Geschichte von „Nach fünf im Urwald“ bot sich dafür an. Es war mein erster Spielfilm und ich hatte Angst, von Figuren zu erzählen, die ich nicht kenne – dass es komödiantisch wurde, hat sich beim Schreiben aus der Konstellation einfach ergeben. Danach wollte ich das nicht einfach wiederholen. „Crazy“ war noch tragikomisch, aber dann . . . Was eine bewusste Entscheidung war: Nach „Nach fünf im Urwald“, „23“ und „Crazy“ dachte ich, ich habe genug über junge Leute erzählt, ich will jetzt von erwachseneren Themen erzählen. Aber ich möchte nicht ausschließen, wieder einmal eine Komödie zu schreiben. Mein Weltbild ist gar nicht so pessimistisch – wobei die besten Komödien ohnehin von Leuten handeln, die die Welt sehr ernst betrachten.

Können Sie sich vorstellen, noch eine Serie zu drehen?

Unbedingt. Ein halbes Jahr bei den Dreharbeiten so tief in diesen Stoff einzutauchen, das war eine tolle, intensive Erfahrung. Aber ich kann mir auch vorstellen, als nächstes wieder einen Kinofilm zu machen.


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18.10.2017 - 06:00 Uhr