Gerichtsvollzieher: „Das war keine Bösartigkeit“

Herbert Gräb hätte am Montag die Wohnung in der Biesingerstraße 26 zwangsräumen sollen

Von Marike Schneck

Wir hatten einfach Glück“, sagt Gerichtsvollzieher Herbert Gräb (62) nach seinem Einsatz in der Biesingerstraße 26. Dort war am Montagmorgen eine Zwangsräumung eskaliert.

Herbert Gräb hätte am Montag die Wohnung in der Biesingerstraße 26 zwangsräumen sollen

Herbert Gräb. Privatbild

Der 69-jährige Walter R. schoss mit einer Pistole auf Herbert Gräb und dessen Begleiter vom Ordnungsamt, ehe der Mann vom Balkon stürzte. Das Haus hatte er vorher angezündet. Es brannte aus.

Ob er sich im Nachhinein ärgert, dass er zu dem Termin nicht die Polizei mitgenommen hat? „Nein“, sagt Gräb. „Hätte ich die Polizei dabei gehabt, würde ich mir jetzt sicher Vorwürfe machen.“ Für Außenstehende ist das schwer nachzuvollziehen. Aber Gräb sagt, er setze bei seiner Arbeit grundsätzlich auf Deeskalation und Verständnis. „Man muss mit den Leuten reden.“ Ist bei einer Räumung von Anfang an die Polizei dabei, dann schaffe das nur Ablehnung und fördere Aggressivität. „Dann kommt man an die Menschen nicht mehr ran.“

So ging der Gerichtsvollzieher auch am Montag ohne Vorbehalte an die Arbeit. Die Räumung war auf 9 Uhr angesetzt, der Ordnungsamts-Kollege und Gräb waren schon vorher da und warteten auf die Spedition. Walter R. stand da schon auf dem Balkon. Wenig später schlugen die Flammen aus dem Haus. „Was machst du denn für einen Scheiß?“, habe er dem Mann noch zugerufen, erzählt Gräb. „Komm raus, es brennt!“ Darauf habe der Mann aber nur eine Antwort gehabt: Er schoss – und verfehlte die Männer nur knapp.

Dennoch hat Herbert Gräb Mitleid mit dem Mann. „Das war keine Bösartigkeit gegen uns, die ihn zu seinem Handeln getrieben hat, sondern seine Hilflosigkeit.“ Hätte der 69-Jährige ihnen wirklich schaden wollen, meint Gräb, dann hätte er sie ins Haus gelassen. „Dann hätten wir angesichts der Waffe und des Feuers keine Chance gehabt.“

In einer Strafanzeige gegen den Universitäts-Rektor und im Internet hatte Walter R. eine Woche zuvor noch seine Selbsttötung angekündigt. Der Gerichtsvollzieher war darüber nicht informiert. „Aber auch wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich nicht anders entschieden“, sagt er. Zudem wolle er sowas vor einer Räumung gar nicht wissen. „Ich will unbeeinflusst hingehen und mit den Betroffenen nach einer Lösung suchen können.“ Den 69-Jährigen hat Gräb 2014 bereits im persönlichen Gespräch als „sehr netten, freundlichen Mann“ kennengelernt. „Das zeigt wieder: Man sieht in die Menschen einfach nicht rein.“

Herbert Gräb, der auch Ortsvorsteher im Ammerbucher Ortsteil Reusten ist, arbeitet seit 37 Jahren als Gerichtsvollzieher. Am Mittwochmorgen hatte er schon die nächste Zwangsräumung zu vollziehen. Angst habe er nach dem Erlebnis vom Montag nicht gehabt. „Da bin ich sattelfest. Ich hab‘s überlebt. Jetzt geht’s weiter.“


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


23.03.2017 - 01:00 Uhr