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Höllenstrafen an der Wolga

Herbe Seelenmusik: Janáceks "Katja Kabanova" an der Staatsoper Stuttgart

Wie ein russisches Märchen - mit bösem Ende. Der künftige Opernintendant Jossi Wieler inszeniert Janáceks "Katja Kabanova" sehr behutsam und lebensweise - mit schönen Stimmen und starkem Orchester.

11.05.2010
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Stuttgart Nein, in diesem Wolgastädtchen namens Kalinow scheint das Leben öde zu sein. Die Männer, naja, sie trinken und prügeln. Die Frauen suchen ihr Heil wahlweise in Bigotterie oder in erotischen Affären - im schlimmsten Fall gleich in beidem, so wie die Titelfigur in Leos Janáceks "Katja Kabanova".

Olle Klischees? Vielleicht. Doch die Art, wie der künftige Opernintendant Jossi Wieler im Regie-Duo mit Sergio Morabito diese Geschichte erzählt, ist eher behutsam, vielschichtig, feinfühlig. Nie zieht er die Figuren ins Lächerliche, auch wenn sie sich in ihrem streng eingezäunten Leben (Bühne: Bert Neumann) ununterbrochen quälen, abstrampeln und streiten. Wieler/Morabito beobachten genau, blicken in die Seelen und setzen das Ganze zu einem Gesellschaftsporträt zusammen, das eher zart und bitter als deftig und farbprall ausfällt.

Die verheiratete Katja zerreibt sich zwischen der flammenden Liebe zu einem anderen Mann und quälenden Sündevorwürfen - bis zum Freitod im Wasser. Dafür findet die Regie eine vielsagende Bühnenchiffre: ein Großplakat, das auf der Vorderseite eine idyllische Wolgalandschaft zeigt ("Zuhause ist da, wo das Herz ist") - und auf der Rückseite "Höllenstrafen", ein spätmittelalterliches Folter-Inferno.

Kurzum: Die erste, mit Spannung erwartete Stuttgarter Regiearbeit Jossi Wielers seit seiner Berufung zum Opernintendanten ab 2011 zeigt wieder, dass der 58-jährige Schweizer eher mit der Goldfeile als mit dem Vorschlaghammer arbeitet. Es gibt Momente, in denen sogar folkloristische Stimmung aufkommt - mit Bauernkitteln, Trachten und Prozessionen. Doch gleichzeitig bricht die Regie dieses russische Flair wieder, indem sich ein malerisches Wohnhaus als bunte Märchen-Pappkulisse auf die Bühne schiebt - und freundlich-ironische Distanz verbreitet. Das mit den fahrbaren Hintergründen hat aber auch noch eine andere Dimension. So hockt die Kabanov-Familie mit all ihren unterdrückten Sehnsüchten vor einer riesigen Kulissenwand, die ein puppenstubenhaftes Wohnkücheninterieur detailgetreu zeigt - ein sozialdokumentarisches Großfoto von Martin Rosswog. Realität wird als Kulisse nur zitiert: So wirkt die quengelnde Familie vor diesem Hintergrund oft seltsam unwirklich, geisterhaft. Sie sitzen da wie unerlöste Gefangene im eigenen Familien-Fotoalbum. Am Ende lassen es Wieler/Morabito auf der Bühne richtig trübe regnen - schließlich geht die Oper auf Aleksander Ostrowskijs Drama "Das Gewitter" zurück.

Das Ensemble zeigt fast durchweg starke Stimmen. Als eigenwilligen Kniff hat die Regie die bei Janácek verwischte Figur des Provinzintellektuellen Kuligin aufgewertet: Heinz Göhrig singt ihn als stimmlich glühenden Aufklärer, der seinen Zeitgenossen Blitzableiter empfiehlt, was ausgerechnet Johann Tillis brutaler Menschenschinder Dikoj mit mächtigem Bassgepolter als Teufelszeug ablehnt.

Junge Paare wie Matthias Klinks feuriger Kudrjasch und Tina Hörholds stimmlich brillante Warwara müssen es heimlich tun - versteckt hinterm "Höllenstrafen"-Plakat. Und Torsten Hofmanns ständig in Tenor-Höhen verzweifelter Katja-Gatte Tichon kann sich gegen seine schrill herumgeifernde Mutter nicht durchsetzen (toll: Leandra Overmann). Dann aber Mary Mills: Ihre Katja muss - trotz qualvoller Selbstbezichtigungen - als Ehebrecherin in dieser scheinheiligen Umgebung scheitern. Selten hat man, oft im Duett mit ihrem Lover Boris (viel Tenorschmelz: Pavel Cernoch), schönere, seliger schwebende Liebes- und Klage-Kantilenen gehört.

Welche Stürme und Gewitter sich im Innern der Menschen abspielen, davon kündet das glänzend aufspielende Staatsorchester unter Gastdirigent Michael Schønwandt in Janáceks sprachähnlichen Kurzmotiven - grusliges Tremolo, scharfzackige Ostinati an der Schmerzgrenze und sehnende Streichersüße. Eine Seelenkampfmusik, die berührt. Langer, brausender Beifall.

Termine: 12., 15. und 20. Mai.

Herbe Seelenmusik: Janáceks "Katja Kabanova" an der Staatsoper Stuttgart
Die amerikanische Sopranistin Mary Mills - hier in einer Szene mit Torsten Hofmann (Tichon) - singt in "Katja Kabanova" die Titelrolle. Foto: ddp

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11.05.2010, 12:00 Uhr
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