Glosse

Grüne Hölle, gelbe Zelle

Von MADELEINE WEGNER

Tübingen. Ökospießer-Hauptquartier , Mekka des besseren Menschen, grüne Hölle: Was muss das für ein Viertel sein, dem unfreundliche Großstädter solche Namen verpassen? Wenn's jemand wissen muss, wie es wirklich im Tübinger Französischen Viertel aussieht, dann die Bewohner selbst. Einen Einblick ins Innenleben dieses berühmt-berüchtigten Quartiers gibt's derzeit beim „Ortsgespräch“ in einer ausrangierten Telefonzelle. Die Leitung in die Welt hinaus ist freilich gekappt, denn das Funkhäuschen haben Künstler und Mitarbeiter des Stadtmuseums in eine „Sammelstation für Geschichten“ umfunktioniert.

Die Bewohner sind aufgefordert, „Geschichten, die sonst vielleicht nur hinter vorgehaltener Hand erzählt“ werden, hier in den Hörer zu raunen. Wo früher das Telefonbuch hing, baumelt nun ein Foto-Album zur Geschichte des Viertels. Und Ordner mit weiteren Infos, etwa, dass der einzige Lebensmittelladen im Quartier ein Naturkostladen ist. Oder auch Rezepte im „Nachbarschafts-Kochbuch“: vegetarische Bolognese, Hirse-Quinoa-Bratlinge und „vegane Burger mal anders“.

Auf Knopfdruck zu hören gibt es Geschichten der Bewohner: Von der Mutter, die ihre Tochter nachts auf der Aixer Straße zur Welt brachte. Von den Pfauen, die sich – aus dem alternativen „Wagenburg“-Camp ausgebüxt – im Treppenhaus verirrt hatten. „Ach du Heiliger, wo bin ich hier eigentlich gelandet?“, fragt sich hingegen ein Mann, der um 5.20 Uhr erlebt, wie Strafzettel an Falschparker verteilt werden: „Ach ja, in Tübingen, im Franz-Viertel.“ Madeleine Wegner


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10.11.2017 - 06:00 Uhr