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Das Haus des Lebens ist zu

Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof wackeln bedenklich

Der jüdische Friedhof in Hechingen besteht seit 350 Jahren. Vor kurzem wurde „das Haus des Lebens“, wie die Juden ihre Friedhöfe nennen, geschlossen. Die Erosion hat die alten Grabsteine ins Rutschen gebracht und drückt auf die Friedhofshalle.

02.04.2011
  • Susanne Mutschler

Hechingen. Bereits im vergangenen Herbst war das lauschig am Waldrand gelegene Areal plötzlich zu – die Öffnungszeiten waren eh begrenzt: Als die Hechinger Stadtführerin Hanne Grunert einigen der Teilnehmer der Tagung „Juden in der Textilindustrie“ den jüdischen Friedhof zeigen wollte, stellte sie fest, dass dieser von der Hechinger Stadtverwaltung auf unbestimmte Zeit geschlossen worden war. „Niemand konnte mir sagen, ob er jemals wieder öffnet“, erzählt sie. Für sie ist der Friedhof „ein ganz besonderer Ort – ein wunderschöner stiller Platz, an dem sich die ganze Geschichte der jüdischen Gemeinde ablesen lässt“.

„Ein rührend Bild irdischer Vergänglichkeit, stiller Abgeschiedenheit und sanfter Wehmut“, hatte einst Samuel Mayer, der letzte Rabbiner Hechingens, formuliert. Er starb 1875 und ist einer der über 1000 Toten, die der jüdische Friedhof birgt. Rund 650 Grabsteine, die meisten aus Sandstein, sind erhalten.

Mitte des 17. Jahrhundert hatten die Hechinger Juden die Erlaubnis bekommen, ihre Verstorbenen weit außerhalb der Stadt am Hang des verachteten Galgenberges zu begraben. Weil das Gelände zur Allmende gehörte, mussten sie Pacht dafür bezahlen. 1764 gestattete Fürst Joseph von Hohenzollern, dass die Juden einen Zaun um ihr Gräberfeld zogen. Der Galgen auf dem Hügel wurde erst unter der Herrschaft von Fürst Hermann Friedrich Otto (1798 – 1810) entfernt. Damals bekam der jüdische Friedhof auch eine Außenmauer. 1907 wurde die von Friedrich Wilhelm Laur entworfene Friedhofskapelle mit Kuppeldach gebaut.

Im Sommer erhebliche Schäden festgestellt

Im Sommer 2010 stellten Peter Blumhagen vom Hechinger Friedhofsamt und der Hechinger Statiker Sigurd Dehn bei einem Kontrollgang über den jüdischen Friedhof „erhebliche Schäden“ fest. Blumhagen hatte ein technisches Prüfgerät dabei, eine Art Stoßsimulator, mit dem er die Standfestigkeit der Grabmale testete. 60 der Grabsteine reagierten darauf mit Wackeln. „Wenn einer der Steine umfällt, dann sind wir dran“, so erklärt der Beamte, was man im Verwaltungsdeutsch unter Verkehrssicherungspflicht versteht.

Noch schlimmer steht es um die Außenmauern des Friedhofs und die Kapelle neben dem Eingangstor. Die Fundamente seien seit Jahren durch die Erosion unterspült und hätten sich „hangseits“ gesetzt, erklärt Dehn. In den Wänden und dem Kuppeldach hätten sich bereits so breite Risse geöffnet, dass „man die Hand hineinstecken kann“. Es bestehe die Gefahr, dass sich das Gebäude weiter senke und es – „nicht heute und wahrscheinlich auch nicht morgen“ – ganz zusammenbrechen werde.

„Wir mussten den Friedhof sperren, es ist einfach zu gefährlich für die Leute“, sagt Verwaltungsmann Blumhagen. Klärende Gespräche mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft (IRG) in Stuttgart, der rechtlichen Eigentümerin des Hechinger Friedhofs, hält er für dringend nötig. „Die Sache beschäftigt uns schon seit langem.“ Allein die Grabsteine wieder aufzurichten und mit neuen Fundamenten gegen das Abrutschen zu sichern, würde rund 24 000 Euro kosten. Das Unterfangen der Außenmauer und der Friedhofshalle könnte bis zu einer halben Million Euro teuer werden, hat er vorausschauend ausgerechnet.

Der jüdische Friedhof in Hechingen ist denkmalgeschützt. Formalrechtlich habe er bei der Denkmalbehörde denselben Status wie etwa ein Kriegerdenkmal. Die Hechinger Stadtverwaltung sei nur zur Gartenpflege verpflichtet.

Gleichzeitig ist Blumhagen bewusst, dass es zur jüdischen Vorstellung von ewiger Ruhe passt, wenn die Grabmale verwittern und überwuchert werden. Sie dürften abbröckeln, sich im Laufe der Zeit senken und vielleicht sogar ganz zum Liegen kommen. „Ein jüdischer Friedhof ist eine Ruhestätte für die Ewigkeit, kein Park“, bekräftigt auch Klaus Neuberger, Sekretär bei Stuttgarter Religionsgemeinschaft.

Jene habe außer dem Friedhof in Hechingen weitere 53 jüdische Begräbnisstätten in ihrer Obhut. Alle Friedhöfe der im Holocaust ausgelöschten Gemeinden in Baden-Württemberg seien in den Besitz der Stuttgarter Religionsgemeinschaft übergegangen, weiß Neuberger. Mit ihren derzeit 3300 Mitgliedern könne die kleine Stuttgarter Gemeinde die Instandhaltung aller Friedhöfe nicht leisten. Man sei schon froh, wenn jeder Friedhof einmal im Jahr besucht werden könne.

Landesrabbiner kennt die Problematik

Landesrabbiner Nethanael Wurmser kennt die „schwierige Bodenbeschaffenheit“ auf dem Hechinger Judenfriedhof. Auch wenn ihm noch kein offizielles Gutachten vorliegt, weiß er, „dass es kostspielig werden wird“. Es gehe nicht nur um kleine Mäuerchen, der ganze Hang stehe unter Druck, und man dürfe keine Zeit versäumen. „Wenn da nichts passiert, kann der ganze Berg herunterkommen“, fürchtet er.

Trotzdem ist Nethanael Wurmser überraschend zuversichtlich. „Wir werden die nötigen Dinge machen“, verspricht er.

Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof wackeln bedenklich
Viele Grabsteine sind an dem steilen Gelände am Ortsrand Richtung Bodelshausen inzwischen so wackelig und schief, dass der schöne jüdische Friedhof in Hechingen vorerst geschlossen wurde.Bild: Franke

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02.04.2011, 12:00 Uhr
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