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Jakob Adam Völl, Jakob Staiger und Christian Rilling – und ihre Fahrt in die Schweiz

Gomaringer Auswanderer (2): Tod im Berg

Sie hofften auf bessere Verdienstmöglichkeiten als in der Heimat. Deshalb zogen drei junge Gomaringer 1854 in die Schweiz. Doch statt Wohlstand fanden sie den Tod.

09.09.2015
  • kathrin löffler

Gomaringen. Es war ein revolutionäres Projekt: Erstmals wurde in der Schweiz ein ganzes Gebirge durchbohrt. Und erstmals gruben die Arbeiter von beiden Seiten gleichzeitig. Doch am 28. Mai 1857 überschattete das schwerste Unglück in der Schweizer Eisenbahngeschichte den Bau des Hauensteintunnels.

In einem der Lüftungsschächte fingen die Stützbalken Feuer: Der Schacht diente gleichzeitig als Rauchabzug für die Tunnelschmiede. Erst stürzten die brennenden Sparren herab, dann polterten gewaltige Erdmassen in den Tunnel. Sie schnitten 52 Bauarbeiter von der Außenwelt ab.

Rettungskräfte leiteten erst von oben das Wasser eines ganzen Weihers durch den Schacht. Dann versuchten sie im bis dahin ausgehobenen Tunnel, einen Durchgang durch den eingestürzten Schutt zu graben. Doch als sie den vom Wasser ganz lehmigen Haufen anbohrten, traten giftige Kohlenoxidgase aus. Elf Einsatzkräfte starben an der Vergiftung. Bei weiteren Bergungsversuchen wurden immer wieder Helfer ohnmächtig. Alle Mühen, die Luftzirkulation in Gang zu bringen, scheiterten.

Acht Tage nach der Katastrophe gelang es den Rettern, die Einsturzmassen zu durchbrechen. Hinter der Barrikade fanden sie alle 52 Eingeschlossenen tot vor. Wahrscheinlich waren sie schon am ersten Tag nach dem Desaster an der Wirkung der Giftgase gestorben. Auch drei junge Gomaringer waren unter den Opfern.

Schweizer Tunnelbau in Handarbeit

Jakob Adam Völl, Jakob Staiger, beide 20 Jahre alt, und der 16-jährige Christian Rilling brachen 1854 aus ihrem Heimatflecken auf. Über Rorschach, Winterthur, Zürich, Pfäffikon und Bern landeten sie am Hauenstein. Die Schweiz war Mitte des 19. Jahrhunderts gelobtes Land für tatkräftige Württemberger. Die Nachbarnation benötigte zahlreiche Arbeitskräfte für den Eisenbahnbau. Eine Anstellung versprach mehr Lohn, als im Schwäbischen zu verdienen war.

An der Bahnstrecke Olten-Sissach schafften von 1854 bis 1858 rund 5.500 Männer, davon 2.630 aus Württemberg. Die meisten Tunnelarbeiter kamen auf der Südseite in Trimbach bei Privatleuten unter oder in Baracken.

Anfangs waren die Einheimischen den Fremden gegenüber wohlgesonnen. Doch das änderte sich. Unter anderem munkelte man, der württembergische Bauleiter bevorzuge seine Landsleute. Pickel und Schaufel mussten die Arbeiter selbst bezahlen und mitbringen – das war Einstellungsvoraussetzung.

Der Hauensteintunnel entstand komplett in Handarbeit. Mit seinen 2,496 Kilometern war er bei der Fertigstellung der zweitlängste Tunnel der Welt. Doch der englische Ingenieur Thomas Brassey hatte die Tücken des Jura-Gesteins unterschätzt. Vor allem von der Nordseite drang immer wieder Wasser ein und drohte, Arbeiter zu ertränken.

Männer und teils auch Kinder waren unter Tage großen Gefahren ausgesetzt, sie atmeten Staub und stickigen Qualm des Schwarzpulvers von den Sprengungen ein. Insgesamt gab es während der vierjährigen Tunnelbauzeit 150 Unfalltote und viele Verletzte.

Die Leichen des Einsturzunglücks konnten nicht in ihren Heimatort überführt werden. In einem Massengrab setzte man sie auf einem alten Friedhof vor Ort bei. Ihre Namen stehen auf Marmortafeln in ein Denkmal gemeißelt. Die Gomaringer Familien der Verunglückten bekamen am 26. Mai 1858 eine Entschädigung von jeweils 200 Franken.

Kaplan Bläsi sagte bei der Beerdigung: Die Scheidewand zwischen Christen deutscher, französischer, italienischer und englischer Zunge sei verschwunden. Und weiter: „Bevor die menschliche Erfindungskraft Ost, West, und Süd mit Nord mittels des Tunnels verbinden und die Nationen im Leben zusammenbringen konnte, sollten diese vorerst durch den Tod verbunden werden und alle Unterschiede zwischen denselben verschwinden. Sonderbar!“

Gomaringer Auswanderer (2): Tod im Berg
52 Arbeiter erstickten vermutlich an Gasen im Hauensteintunnel. Bild: ST

1.460 Gomaringer sind als Auswanderer dokumentiert, mit Eltern und Kindern rund 7.000 Personen. Ab dem 29. Oktober befasst sich eine Ausstellung im Schloss mit diesem Thema. Noch vorher erscheint der Band „Das Glück in der Fremde gesucht – Gomaringer Auswanderer 1679 bis 1957“. Beatrice Burst hat ihre Schicksale erforscht. Das TAGBLATT stellt einige von ihnen vor.

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09.09.2015, 12:00 Uhr
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