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Umstrittenes Pflanzengift

Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu erregen

Wenn das Unkraut auf Getreidefeldern überhand nimmt, greifen Landwirte auch kurz vor der Ernte noch zu Pflanzengift. Dass es über die Nahrungskette in den Menschen gelangt, zeigt eine Studie der Uni Leipzig.

10.08.2012
  • PETRA WALHEIM

Stuttgart Die Empfehlung kommt harmlos daher. Unter der Rubrik "Pflanzenbau-Hinweise" empfiehlt ein landwirtschaftliches Fachblatt den Bauern bei starkem Unkrautbefall im Getreidefeld glyphosathaltige Produkte einzusetzen - "zur Ernteerleichterung". Glyphosat ist ein Pflanzengift, das angebliche Unkräuter vernichtet. Es steht im Verdacht, Erbgut zu schädigen und Krebs auszulösen. Das Blatt weist zwar darauf, dass beim Einsatz der Mittel die Wartezeiten bis zur Ernte von 7 oder 14 Tagen unbedingt einzuhalten sind. Aber sind die Mittel bei der Ernte dann wirklich nicht auf dem Getreide? Landen sie über das Getreide gar später im Brot?

Eine bislang noch nicht veröffentlichte Studie der Uni Leipzig scheint genau das zu bestätigen: In fast allen Urin-Proben von Probanden, die nichts mit der Landwirtschaft zu tun hatten, fanden die Forscher Glyphosat. Die zuständige Professorin Monika Krüger vom Institut für Bakteriologie und Mykologie ist jedoch nicht bereit, Auskunft zu geben. So bleibt unklar, in welcher Konzentration das Glyphosat in den Urin-Proben nachgewiesen wurde und ob das Gift in der festgestellten Menge gesundheitsschädlich ist.

All das sei noch nicht ausreichend erforscht, heißt es aus der Pressestelle der Uni Leipzig. Auch deshalb wolle die Professorin sich nicht mehr äußern. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" hatte sie Anfang Juli noch gesagt, die Studie zeige, dass Glyphosat höchstwahrscheinlich mit der Nahrung aufgenommen und über die Nieren ausgeschieden werde.

Landwirte können das Herbizid auf die Felder ausbringen, wenn diese vor der Ernte von Unkraut durchwuchert sind. Es vernichtet alle Pflanzen außer dem Getreide, weil dieses gentechnisch so verändert ist, dass es von Glyphosat unbehelligt bleibt. Wenn auf den Feldern nur Getreide steht, erleichtert das den Landwirten die Ernte, es spart Kosten für die Trocknung des Korns und die Reinigung der Maschinen.

Wie viele Bauern es tatsächlich einsetzen, ist unklar. In Baden-Württemberg werde Glyphosat nur im Notfall ausgebracht, versichert Marco Eberle, Referent für Produktion und Vermarktung beim Landesbauernverband. Das Ausbringen von Herbiziden vor der Ernte sei unter den Landwirten im Land nicht üblich. "Die Mittel kommen nur in Notsituationen zum Einsatz", sagt er. Also nur, wenn das Unkraut im Getreidefeld überhand nehme und die Ernte fast unmöglich mache.

Dr. Michael Glas, stellvertretender Direktor und Abteilungsleiter Pflanzengesundheit und Produktqualität beim Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg in Karlsruhe, räumte in einem Interview für die Fachzeitschrift BWagrar jedoch ein, dass die Felder in diesem Jahr durch die Spätfrostschäden im Februar lückig und stark von Unkraut befallen seien. Die Landwirte hätten deshalb mehr Glyphosat ausgebracht als sonst.

Die Verkaufszahlen zeigen eine deutliche Tendenz hin zum Glyphosat: In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Verkaufsmenge von Glyphosat in Deutschland fast vervierfacht. Nach Zahlen des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit stieg die Menge von 1421 Tonnen 1995 auf knapp 5400 Tonnen im Jahr 2011. Marco Eberle erklärt die Zunahme damit, dass immer mehr Landwirte als Erosionsschutz auf das Umpflügen des Bodens verzichten und, um des Unkrauts Herr zu werden, stattdessen im Herbst Glyphosat einsetzen.

Matthias Strobl, Referent für Agrarpolitik und Naturschutz beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), sieht den Einsatz von Glyphost trotzdem kritisch. Für ihn stehen dem geringen Nutzen erhebliche Risiken für Verbraucher und Umwelt gegenüber. Er fordert ein Verbot des Einsatzes von Glyphosat kurz vor der Ernte. "Wir halten den Wirkstoff bei weitem nicht für so unproblematisch, wie es die staatlichen Zulassungsbehörden bisher suggerieren", sagt er.

Auch Abgeordnete der Fraktion der Grünen im Bundestag forderten in einem Antrag im November 2011, die Zulassung von Glyphosat solle ausgesetzt und neu bewertet werden. Sie begründeten den Antrag damit, dass es deutliche Hinweise von Wissenschaftlern mehrerer Länder auf Gefahren für Mensch und Umwelt gebe. Der Bundestagsausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hat den Antrag im Februar 2012 als unbegründet abgelehnt. Dessen ungeachtet hätte Glyphosat in diesem Jahr neu überprüft und bewertet werden müssen, weil die Zulassung ausläuft. Die Europäische Kommission hat die Risikoüberprüfung jedoch auf 2015 verschoben und die Zulassung ohne Neubewertung verlängert. Greenpeace und das Pestizid-Aktions-Netzwerk PAN haben dagegen Klage beim europäischen Gerichtshof eingereicht.

Die Diskussion um den Nachweis von Glyphosat im Menschen sieht Eberle vom Bauernverband kritisch. Um das Risiko bewerten zu können, müsse man die Konzentration kennen und wissen, ob die gesetzlichen Grenzwerte überschritten würden. Erst dann könne eingeschätzt werden, ob die Rückstände gesundheitsgefährdend seien. Mit den heutigen feinen Analysemöglichkeiten könnten verschwindend geringe Mengen eines Stoffes nachgewiesen werden. Das sage aber nichts über die Gefährdung aus.

Auf die Grenzwerte beruft sich auch Franz Utz, der bei der ZG Raiffeisen in Karlsruhe unter anderem für das Getreide zuständig ist. Jede Getreidelieferung, die die Landwirte zur ZG brächten, werde auf Rückstände geprüft, versichert er. Der Landwirt müsse per Unterschrift bestätigen, dass sein Getreide gesund sei. Von jeder Lieferung werden Proben gezogen, die in einem Labor untersucht werden. Liegen die Rückstands-Werte über den Grenzwerten, wird das Getreide nicht angenommen. "Wir hatten in den letzten Jahren keine Probleme", sagt Utz. Seine ZG Raiffeisen bringe qualitativ hochwertiges und unbelastetes Getreide in Umlauf.

Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu erregen
Spritzaktion auf einem Rapsfeld: Sind die Felder frei von Unkraut, erleichtert das die Ernte. Um das zu erreichen, müssen Landwirte manchmal Herbizide einsetzen. Der darin enthaltene Wirkstoff Glyphosat ist umstritten, weil er im Verdacht steht, bei Mensch und Tier das Erbgut zu schädigen und Krebs auszulösen. Foto: dpa

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10.08.2012, 12:00 Uhr
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