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Lebensmittel-Erpressung

Giftmischer mit Geldproblemen

„Produkterpresser“ wie der Täter von Friedrichshafen sind meist weder vorbestraft noch gewalttätig. Sie agieren gern aus dem Verborgenen – an Geld kommen sie so gut wie nie.

29.09.2017
  • ROLAND MÜLLER

Friedrichshafen. Eine unauffällige Figur sieht anders aus. Wer geht schon mit Mütze und schwarzen Handschuhen an einem milden Septembertag zum Einkaufen? Als der mutmaßliche Täter vergangene Woche in einem Supermarkt in Friedrichshafen gefilmt wird, ist er offenbar darauf bedacht, keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, Brille und Mütze dürften Tarnung sein. Rechnet er mit den Kameras, als er die Gläser mit vergifteter Babynahrung in die Regale stellt?

Von einem „herausragenden Erpressungsfall“ und einem „sehr skrupellosen Täter“ spricht Uwe Stürmer, Vizepräsident der Konstanzer Polizei. Am Samstag vor einer Woche war eine Mail bei mehreren Supermarktketten, der Polizei und Verbraucherschutzstellen eingegangen – mit der Drohung, dass Lebensmittel im In- und Ausland vergiftet werden sollen. Gefordert werde laut Polizei ein „niedriger zweistelliger Millionenbetrag“. Dass es dem oder den Tätern ernst ist, stellen die Ermittler fest, als sie Hinweisen aus dem Schreiben nachgehen: In Friedrichshafener Supermärkten finden sie fünf mit dem giftigen Frostschutzmittel Ethylenglycol versetzte Babynahrung. Der Täter nehme „den Tod von Menschen billigend in Kauf“, sagt Stürmer. „Wir nehmen die Drohung sehr ernst“, sagt Staatsanwalt Alexander Boger.

Tödliches Gift im Babybrei, Blausäure im Senf: Mit solchen Schlagzeilen lösen Produkterpresser große öffentliche Aufmerksamkeit aus. Viel mehr aber auch nicht: Die Masche gilt als eine der aussichtslosesten, die Kriminologen kennen. „Ein erfolgreiches Geschäft ist das für die Täter so gut wie nie“, sagt der Rechtsanwalt Dr. iur. Alexander Moseschus, der vor einigen Jahren ein Standardwerk zum Thema verfasst hat. „In aller Regel scheitert es in Phase drei: der Geldübergabe.“ Wenn der Erpresser nach dem Geldkoffer greife, klickten meist die Handschellen.

„Erste Straftat von Amateuren“

Das Landeskriminalamt (LKA) zählt pro Jahr „im Schnitt eine einstellige Zahl“ von Produkterpressungen. In den meisten Fällen bleibe es bei der Drohung, nur „in den seltensten Fällen“ werde tatsächlich vergiftete Ware ausgelegt – und wenn, dann sehe man den Produkten an, dass etwas nicht stimme. „Meistens wollen die Täter nicht, dass wirklich jemand zu Schaden kommt“, sagt ein LKA-Sprecher. Die Zahl der Fälle sei über Jahre stabil.

Eine Theorie besagt, dass die intensive Presseberichterstattung, etwa über vermeintliche Genies wie den 1994 gefassten Kaufhaus-Erpresser „Dagobert“, Nachahmer dazu verleitet, die geringen Erfolgschancen auszublenden. Zudem zieht diese Form der Kriminalität einen speziellen Tätertypus an: Es handle sich laut den Erhebungen von Moseschus um Männer im mittleren Alter, die meist weder vorbestraft noch gewalttätig sind. Statt auf „körperliche Kraft und Draufgängertum“ zu setzen, agierten sie mit „Tücke und geistiger Kraft“ aus dem Verborgenen. Die Produkterpressung sei demnach häufig eine „erste Straftat von Amateuren“ – und eine Verzweiflungstat aufgrund akuten Geldmangels.

Doch auch Rachegedanken spielten beim Motiv eine Rolle, „die Täter fühlen sich oft ungerecht behandelt“, sagt Moseschus, der dutzende Gerichtsurteile ausgewertet hat. Die aufwendige Planung und der „gehobene Bildungsgrad“ spreche für eine gewisse Intelligenz der Täter: „Doch rein nach Brutto und Netto betrachtet, sind die Täter dumm“, so Moseschus.

Allerdings zeigt sich seit kurzem ein neuer Trend, in der ominösen „Phase drei“ doch an Geld zu kommen. Immer öfter fordern Erpresser ihr „Lösegeld“ nicht im Koffer, sondern in der Digitalwährung „Bitcoin“.

Insektizid im Marzipan

Juli 2017: Das Landgericht Bonn verurteilt einen Rentner zu drei Jahren und neun Monaten Haft. Der 74-Jährige hatte mit der Vergiftung von Gummibärchen gedroht. Er forderte eine Million Euro in der Internet-Währung Bitcoin. In Dortmund läuft der Prozess gegen zwei Männer. Sie sollen vergifteten Brotaufstrich in mehreren Lidl-Filialen deponiert haben. Sie forderten fünf Millionen Euro in Bitcoin.

März 2017: Ein 38-Jähriger wird in Kiel zu einer Haftstrafe von vier Jahren und neun Monaten verurteilt. Er hatte auf Schulhöfen mit Insektiziden vergiftete Marzipanherzen ausgelegt, forderte von Coop drei Millionen Euro in Bitcoin.

Oktober 2015: Ein 38-Jähriger wird in Köln wegen versuchter Erpressung der Supermarktkette Rewe zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Er hatte 15 Millionen Euro gefordert und gedroht, Lebensmittel zu vergiften.⇥dpa

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29.09.2017, 06:00 Uhr
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