Kommunale Unternehmen

Gieriger Blick auf städtische Daten

Von IGOR STEINLE UND ALEXANDER BÖGELEIN

Das Geschäftsmodell der Stadtwerke ist durch den digitalen Wandel bedroht. Google & Co. wollen an die Informationen aus den smarten Stromnetzen.

Gieriger Blick auf städtische Daten

Die Leitstelle der Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm. Die Fülle an kommunalen Daten weckt Begehrlichkeiten. Foto: Marc Hörger

Berlin und Ulm. Der Google-Mutterkonzern Alphabet macht der Autoindustrie schon länger Konkurrenz mit seinem selbstfahrenden Fahrzeug. Das US-Unternehmen will auch die Bau- und Immobilienbranche aufmischen. Dazu hat es die Einheit „Sidewalk Labs“ gegründet. In Toronto entwickelt diese nun ein 50 000 Quadratmeter großes Areal am Hafen. Nebenan soll ein smartes Stadtviertel entstehen – mit Dingen, die bis vor kurzem noch als Utopie galten: selbstfahrende „Taxibots“, die unterirdische geregelte Abfallentsorgung und natürlich mit eigener Energieversorgung.

Viele kommunale Unternehmen sind besorgt, dass ihnen mit der Ausbreitung digitaler Dienstleistungen das Geschäftsmodell wegbricht. Bisher waren Stadtwerke für Leistungen der Daseinsvorsorge zuständig, jetzt treten immer mehr Privatfirmen auf den Plan. Sei es in Singapur, Südkorea, China oder Saudi-Arabien: Beim Wandel hin zur digitalen Stadt wittern private Unternehmen profitable Geschäfte – auf der Grundlage städtischer Daten.

„Die Städte wissen gar nicht, auf was für Schätzen sie sitzen“, sagt die Stuttgarter Fraunhofer-Forscherin Natalie Pfau-Weller. Unternehmen wie Google hätten ein riesiges Interesse an diesen Daten. Pfau-Weller befürchtet, dass klamme Kommunen sie verscherbeln könnten, weil sie selbst nichts damit anzufangen wissen. Mit Verkehrsinformationen etwa könnten Unternehmen Geschäftsmodelle wie Fahrdienste entwickeln, die die Rentabilität des Nahverkehrs schmälern. Dieser müsste mit noch mehr Steuergeldern bezuschusst werden. Nicht ohne Grund forderte der Verband kommunaler Unternehmen kürzlich, dass kommunale Daten nicht kostenlos herausgegeben werden dürfen. Denn die Konsequenz wäre, dass internationale Konzerne Geschäfte mit diesen Daten machen – auf Kosten der Steuerzahler.

Stromerzeugende Straßen

Die Herausforderung lautet also, dass Städte lernen, mit ihren Daten umzugehen. Mit dem Thinktank „Das progressive Zentrum“ haben die kommunalen Verbände ein Projekt gestartet, wie das Stadtwerk der Zukunft aussehen könnte. Mit welchen Geschäftsmodellen dieser Wandel noch gelingen könnte, wurde kürzlich im Berliner Wirtschaftsministerium angedeutet. Bei einer „Start-up-night“ stellten Jungunternehmer der Kommunalwirtschaft ihre Ideen vor, von stromerzeugenden Straßen bis hin zu selbstreinigenden Wasserrohren.

Dabei wurde aber die Diskrepanz zwischen Start-ups und Stadtwerken deutlich. Karsten Specht brachte sie auf den Punkt: „Bei uns gibt es keine Kultur des Scheiterns. Bei uns muss es funktionieren“, sagte Hans-Heinrich Kleuker, der Chef des Oldenburgischen Wasserverbands.

Zu den Städten, die das Thema Digitalisierung aktiv angehen, gehört Ulm. Dessen Oberbürgermeister Gunter Czisch beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Thema und dessen Folgen für die Selbsverwaltung. „Überall dort, wo die Themen Sicherheit und Vertrauen im Vordergrund stehen, sind die Städte gefordert“, betont er beispielsweise mit Blick auf sensible Daten in smarten Stromnetzen, aus denen mühelos Rückschlüsse auf die Lebensgewohnheiten der Menschen gewonnen werden können. Daher treibt Ulm die Idee der „digitalen Stadtwerke“ voran.

Für Czisch ist klar: Die Strom- und Datenleitungen, ebenso wie die IT-Struktur, in der diese Daten koordiniert werden, müssen der Stadt gehören. Da haben wir eine Garantenfunktion gegenüber unseren Bürgern“. Eine Stadt müsse Infrastruktur für alle bereitstellen, völlig ungeachtet von Marktinteressen. „Digitale Infrastruktur ist Daseinsvorsorge.“


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07.11.2017 - 06:00 Uhr