Tübingen

Gesinnungstiraden

Von Jürgen Hemeyer, Tübingen

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer sieht sich durch das relativ schlechte Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl in Tübingen bestätigt. Matthias Schuh warf ihm in einem Leserbrief vom 28. September deshalb „kompletten Realitätsverlust“ vor.

Boris Palmer hat seinem Buch „Wir können nicht allen helfen“ die Flüchtlingsproblematik differenziert und praxisnah dargestellt. Die Lektüre lohnt sich. Matthias Schuhs Erguss über „monatelang sorgsam gepflegten und verbreiteten Mist“ Boris Palmers könnte man als Realsatire abtun. Leider ist seine Reaktion beispielhaft für einen verbreiteten pawlow‘schen Reflex auf die Benennung konkreter Flüchtlingsprobleme. Statt rationalem Diskurs folgen Gesinnungstiraden mit Beleidigungen und Unterstellungen: Der „völkische Diskurs“ werde „wieder hoffähig“ gemacht. Besorgten Bürgern werden „irrationale Ressentiments“ unterstellt. Offenbar ist Herr Schuh blind für die Erkenntnisse aus der Wahl, dass es sich hierbei um die große Mehrheit handelt. Graf Lambsdorff beschrieb diesen Mechanismus in der letzten Talkshow. Die Angst, in die rechte Ecke gestellt zu werden, hielt viele Bürger davon ab, ihre Sorgen zu artikulieren. Das ist der Boden, auf dem die AfD gewachsen ist und der zum Erstarken ihres rechten, teilweise faschistoiden Flügels geführt hat.

Es geht nicht darum, „der AfD das Wasser abzugraben“. Es geht schlicht um die Lösung des Integrationsproblems. Dazu kann auch die Bearbeitung sich gegenseitig bestärkender dumpfer Ressentiments von „links“ und „rechts“ beitragen.


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


05.10.2017 - 01:00 Uhr