Lebens-Wert

Gänsehaut-Geschichten

Von TEXT: Simone Maier|FOTOS: Emotion-Fotos.eu/Viola Hedtke

Barber Angels Brotherhood ist ein Club von Friseuren, der Obdachlosen in ganz Deutschland kostenlos Haare undBärte schneidet. Mittlerweile haben sich über 50 Friseure aus ganz Deutschland zusammengetan, die einmal im Monat, jeweils sonntags oder montags, mit ihren Scheren in Heime für Wohnungslose und arme Menschen kommen,um ihren „Gästen“ einen neuen Schnitt zu verpassen. Einer von ihnen ist der Tübinger Coiffeur Marc Assenheimer.

Gänsehaut-Geschichten

Im November 2016 gründete Claus Niedermaier die „Barber Angels Brotherhood“. Der Figaro aus Biberach sah eines Abends in den Nachrichten einen Bericht über frierende Obdachlose in Deutschland. Er – in wohliger Wärme und mit einem schönen Glas Wein dasitzend –war so berührt vom Elend dieser Menschen, dass ihm klar wurde, für diese etwas tun zu wollen. Er gründete den Club „Barber Angels Brotherhood“ und ging bei befreundeten Friseuren auf „Mitgliedersuche“.

Einer davon und gleichzeitg Gründungsmitglied ist Marc Assenheimer aus Tübingen. Claus Niedermaier hat ihm im Herbst letzten Jahres das erste Mal in die Idee eingeweiht. Bei den kurz darauf stattfindenden Filmfestspielen in Biberach war Assenheimer wieder mit an Bord und half seinem ortsansässigen Kollegen Niedermaier aus. „Ganz ehrlich, zuerst war ich skeptisch. Das Ganze musste Hand und Fuß für mich haben. Auf eine Bruchlandung hatte ich keine Lust,“ so Assenheimer, der in Tübingen zwei Friseursalons betreibt. Aber das Konzept überzeugte ihn, Niedermaier überzeugte ihn und schon im November starteten die Engel ihre Mission. München war die erste Anlaufstelle. In der „Karla 51“, einem Obdachlosenheim für Frauen, wurde kurzerhand das Café des Wohnheims zum Friseursalon umgewandelt. Da es dort keine Spiegel gab, war der Aha-Effekt für die Frauen nach getaner Arbeit der Figaros umso größer und der Schnitt reine Vertrauenssache. Rund 30 Frauen haben die Barber Angels an diesem Tag zu einer neuen Frisur verholfen. Bezahlt haben alle mit ihrem Lächeln.

„Wird es auch nicht zu kurz?“ fragt eine Bewohnerin ein wenig skeptisch. „Nein, nein,“ beruhigt der Friseur die Dame, die dann auch ganz glücklich ist mit ihrer kurzen Bob-Frisur. „Das sind wahre Glücksmomente,“ so die 60-Jährige, die schon seit Jahren in der Karla 51 wohnt.

Engel in Rockerkluft

Sie sehen zwar aus wie Rocker, ihre Passion ist aber das Haareschneiden. Die Barber Angels tragen schwarze Lederwesten, auf denen das Clublogo prangt. Mit dieser Art Uniform „wollen wir uns neutral mit den Gästen stellen und keine Fuzzi Fuzzi-Designerklamotten tragen,“ so Niedermaier. So kommen sie leichter ins Gespräch. Denn nicht selten liegt am Anfang einer Haar-Schneide-Aktion ein wenig Spannung in der Luft. Doch diese lockert sich rasch auf, dann kommen Gespräche in Gang und es wird gelacht.

Klar ist auch: Die Arbeit mit diesen Gästen ist etwas anders als sonst. Verfilzte und fettige Haare oder auch mal Wunden am Kopf sind keine Seltenheit. Die Barber sind aber bestens gerüstet. Mit Einweg-Waschhauben werden die Haare gewaschen, da die Heime logischerweise keine Friseurwaschbecken haben.

Im Mai dieses Jahres sind die Barber Angels nach Stuttgart gereist. Ein Homerun für Assenheimer. „Achtung! Tolle Aktion!“ stand auf einem gelben Zettel an der Tür der „Olga 46“, der Caritas Tagesstätte für Wohnungslose in Stuttgart. Und weiter „Friseure der Barber Angels kommen, um euch kostenlos eine neue Frisur zu zaubern. Hier sind Profis am Werk.“ Und groß ist dann auch der Andrang. Jeder Platz im Speiseraum ist besetzt, genau wie der Clubraum. Niedermaier und Assenheimer sind an diesem Tag die einzig männlichen Friseure, acht weitere weibliche Kolleginnen sind in Stuttgart mit dabei. Rund 60 neue Frisuren, ob auf dem Kopf oder im Gesicht, entstehen an diesem Montag.

Dann nimmt Hermann auf dem Stuhl vor Marc Assenheimer Platz. Der 60-Jährige lebt seit 40 Jahren auf der Straße und hat seine bestimmt 50 Zentimeter lange Mähne seit 16 Jahren nicht mehr geschnitten. „Meine Haare sind mein ein und alles,“ sagt er stolz. Hat aber nichts dagegen, dass Assenheimer ihm die Spitzen schneidet und den Bart stutzt. Hermann bleibt Assenheimer im Gedächtnis. „Seine Coolness war unglaublich.“ Ein anderer Gast mit langen strähnigen Haaren sieht das Ganze pragamatischer. „Ich nehme einen Vorratssschnitt. Wer weiß, wann so eine Gelegenheit wiederkommt.“

Keine Eintagsfliege

Doch genau das haben sie vor. Wieder zu kommen. Die Aktion in Stuttgart soll keine Eintagsfliege bleiben. Spätestens in einem halben Jahr soll es wieder einen Termin geben. Doch dafür muss der Barber Angels Brotherhood Club noch wachsen. Mehrere hundert Mitglieder sollen es werden. Den Menschen ein Stück Würde wiederzugeben, das Selbstvertrauen zu stärken, das ist die Mission der Barber Angels. Und wenn dann eine Erfolgsmeldung ins Haus flattert, dass einer der Gäste kurz nach dem Besuch der Coiffeure eine neue Stelle gefunden hat, „dann haben wir alles richtig gemacht,“ so Marc Assenheimer.


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23.06.2017 - 08:30 Uhr