Wo wird’s heikel? Slalom-Tour auf der B27

Für Lasterfahrer bergen Schmalspur-Fahrbahnwechsel in der Baustelle viel Risiko

Von Uschi Hahn

Der Asphalt ist nass vom Nieselregen. Die hellen Lichter des Gegenverkehrs spiegeln sich auf der Straße. Wir haben die Aichtalbrücke hinter uns. Gleich fängt die Baustelle an. Zeljko Jurkic blickt kurz auf den Tacho des Fahrschul-Lkw. Knapp 80 Stundenkilometer. „Alles okay“, sagt Rainer Pabst, der neben ihm sitzt, „aber gleich wird’s eng.“

Für Lasterfahrer bergen Schmalspur-Fahrbahnwechsel in der Baustelle viel Risiko

Auch das ist eine gefährliche Situation: An der Walddorfhäslacher Auffahrt gibt es keine Beschleunigungsspur. Wer hier auf die B27 in Richtung Stuttgart fährt, muss sich aus dem Stand einfädeln. Zum Ausweichen gibt es kaum Platz, die linke Fahrspur ist hier nur zwei Meter breit. Bilder: Metz

Wir sind zu viert unterwegs. Die beiden Fahrschullehrer, der Fotograf und die Reporterin. Das TAGBLATT wollte wissen, weshalb es auf der B27-Baustelle zwischen Walddorfhäslach und Pliezhausen in den vergangenen zwei Wochen so oft gekracht hat (siehe Kasten).

Pabst und Jurkic von der Fahrschule Mex1 in Tübingen waren sofort bereit, die Strecke mit uns abzufahren. Pabst, 50 Jahre alt, ist seit 27 Jahren Fahrlehrer und unterrichtet alle Klassen, also auch Fahrschüler, die den Lkw- oder den Busführerschein machen wollen. Jurkic, 32, macht den Job seit 2012. Als Fahrlehrer hat er auch die Fahrerlaubnis für 40-Tonner.

So spontan die beiden sich für die Testfahrt bereit erklärten, haben auch die Mössinger Siegfried und Stefan Nill ihren Schul-Lkw zur Verfügung gestellt. Der Motorwagen eines Gliederzugs. Den Hänger haben wir stehen lassen. Auch so ist das ohne Außenspiegel 2,55 Meter breite Fahrzeug knapp 9,50 Meter lang. Mit Hänger wären es 18 Meter.

Jetzt geht es ganz schnell

Wir haben die Baustelle erreicht. Erlaubt ist hier auch für Pkw noch Tempo 80. Jetzt geht es ganz schnell. Kaum ist rechts das Tempo-60-Schild aufgetaucht, kommt die erste Verschwenkung. Der Verkehr wird einspurig auf die Gegenfahrbahn gelenkt. Jurkic lenkt den Zweiachser nach links, knapp an der Betongleitwand vorbei. „Nicht zu weit nach links“, murmelt Pabst und lehnt sich wieder entspannt zurück. Die Fahrbahnabsenkung war am Schwanken des gesamten Führerhauses deutlich zu spüren. „Das wird nachher noch mehr“, kündigt Pabst an.

Einspurig geht es weiter. Erlaubt sind wieder 80, auch für schwere Lkw. Die mit gelben Reflektoren schwach beleuchtete Betonwand gilt als bauliche Trennung zum Gegenverkehr. Jurkic bremst ab. 60. Jetzt kommt der Gegenschwenk, zurück auf die eigentliche Fahrspur nach Süden. Kurz sind wieder 80 Stundenkilometer erlaubt.

Es wird noch enger

Es wird spannend. Die zweite Verschwenkung nach links, steiler diesmal, noch enger. Im Führerhaus wird es still. Auf 60 runterbremsen, vorsichtig nach links lenken. Beim Fahrbahnwechsel geht ein Ruck durch das Fahrzeug. Weil es kurz bergab geht, ziehen die 10 Tonnen Eigengewicht den Lkw nach links, auf die von oben kaum erkennbare Betonabsperrung zu. Die Federung lässt das Führerhaus nachschaukeln. Jetzt bloß nicht abrupt gegenlenken. „Achtung, da kommt der Bordstein hoch“, macht Pabst seinen Kollegen auf das Hindernis rechts aufmerksam. Dann ist die Gefahrenstelle passiert. Jurkic atmet aus. Alles gut.

An dieser Engstelle musste Rainer Pabst vergangenen Montagabend einem Fahrschüler ins Lenkrad greifen. Abbremsen, der Schwenk nach links: Es war alles zu schnell gegangen, der Lkw drohte zu weit nach links zu kommen. Dann wäre das passiert, was den Verkehr hier schon drei Mal zum Erliegen gebracht hat: Der Lkw hätte die Betonwand berührt, diese wäre auf die Gegenfahrbahn gekippt oder der Lkw wäre aufgesessen. Pabst ist das Eingreifen gewohnt. Er fährt mit seinen Fahrschülern oft durch Baustellen. gerade nachts. „Die müssen das ja lernen“, begründet der 50-Jährige den Stresstest. Deshalb kennt er auch die Probleme gut, die solche häufigen Fahrbahnverschwenkungen machen. Bereits vor der Testfahrt hatten er und Jurkic die häufigen Tempowechsel als zusätzliches Risiko benannt. „Zwischendurch 80 ist hier einfach deppert“, sagt Pabst. „Ich war ständig am Abbremsen und wieder Beschleunigen“, fasst Zeljko Jurkic die 6,7 Kilometer lange Slalom-Tour zusammen.

Durchgängig Tempo 60

Damit soll jetzt Schluss sein. Das Regierungspräsidium (RP) Tübingen hat für den Baustellenbereich durchgängig Tempo 60 angekündigt. Schon bisher sei mit der Verkehrsführung durch die Baustelle „alles vorschriftsmäßig“ gewesen, betonte gestern der RP-Sprecher Steffen Fink. Man habe sich an die Richtlinien gehalten. „Wir bewegen uns in einem gewissen Spannungsverhältnis zwischen Sicherheit und Verkehrsfluss“, erklärt Steffen, weshalb bisher trotz der insgesamt beengten und gefährlichen Situation der Verkehr in der Baustelle immer wieder auf 80 beschleunigt wurde. Doch es habe „einfach diese vielen Unfälle“ gegeben, begründet er, weshalb das RP in Absprache mit der Polizei nun doch „präventiv“ die durchgängige Beschränkung auf 60 Stundenkilometer beschloss.

Am heutigen Freitag sollen die Schilder aufgehängt werden. Ab Samstag sollen zu Beginn der Gleitwände auch noch Leitschwellen mit reflektierenden Minibaken die Verkehrsteilnehmer warnen. Mitte Dezember wird die Baustelle geräumt. Für die letzte Bauphase der Brückensanierungen auf der B27 sollen von Frühjahr bis Herbst nächsten Jahres zwei Fahrspuren zur Verfügung stehen.

Rainer Pabst hält die 60er-Regelung für längst überfällig. Man müsse, sagt der langgediente Fahrlehrer, auch immer überlegen: „Wie fit sind die Fahrer?“ Wer hier abends oder nachts seinen Lkw steuert, hat seine maximal zehn Stunden Lenkzeit oft schon fast rum. „Die wollen bloß noch heim.“


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10.11.2017 - 01:00 Uhr