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CDU- und FWV-Stadträte ziehen gegen Würdigung der Mössinger Hitler-Gegner zu Felde

Fünf Blogger gegen den Generalstreik

Ein Plakat mit dem Pausa-Kamin, auf dem sie statt der roten Fahne die Deutschlandfahne wehen lassen, sorgte in der Bürgerfragestunde des Mössinger Gemeinderats für Unmut. Dahinter steckt ein Stadtrats-Quartett, das nun auch im Internet den gefeierten Aufstand der Mössinger Hitler-Gegner infrage stellt.

24.01.2013
  • von Ernst Bauer, Eike Freese

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Mössingen. Über Weihnachten hat Ernst Gucker, Sohn des verstorbenen lokalen Generalstreik-Kritikers Paul Gucker, die Seite ins Internet gestellt, auf der örtliche CDU- und FWV-Räte ihre eigene Sicht auf den 31. Januar 1933 darstellen. „Fakten zum Mössinger Generalstreik-Versuch von 1933“ heißt die Adresse. In loser Folge setzen die beteiligten Autoren Beiträge ins Netz, in denen sie (so die Titel) „Die Mär vom roten Mössingen“ widerlegen wollen, eine „Plakataktion gegen das Vergessen“ von Nazidiktatur und DDR-Regime gleichermaßen promoten und mit dem „politischen Mythos Generalstreik“ abrechnen.

Ernst Gucker, der sich dem „Erbe seines Vaters“ verpflichtet zeigt, sagt: „Er war überhaupt nie braun. Er hat gehasst, was da passiert ist“– was die Nazis angerichtet haben. Paul Gucker sei auch kein „Kommunistenfresser“ gewesen. Der Buch-Autor habe allein an der Darstellung der Ereignisse vom 31. Januar 1933 – wie sie Tübinger Kulturwissenschaftler Anfang der 1980er Jahre erforscht und in dem Buch „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ publiziert haben – erhebliche Kritik gehabt.

Deshalb sah sich der Sozialdemokrat Paul Gucker, der lange als Gemeinderats-Berichtserstatter für den Reutlinger General-Anzeiger in Mössingen arbeitete, im Jahr 1986 dazu veranlasst, selbst 182 Seiten in einem lokalen Verlag zu veröffentlichen. „Als Ergänzungsschrift“, wie sein Sohn sagt.

Der Inhalt des Gucker-Buchs, von dem in der Mössinger Stadtbibliothek exakt ein Exemplar liegt, will ein bürgerliches Stadtrats-Quartett, das sich selbst „Interessengruppe für Mössinger Geschichte“ nennt, zum 80. Jahrestag in der Öffentlichkeit bekannter machen. Über ihre Homepage kann man sich die aus Sicht renommierter Wissenschaftler zurecht vergessene Schrift kostenlos herunterladen. Bis gestern Abend zählte die Seite rund 220 Besucher.

Dem Autoren-Kreis gehören neben Ernst Gucker vier bekannte aktuelle Stadträte an: FWV-Fraktionschef Marc Eisold, sein Vize und stellvertretender OB Max Göhner, der Talheimer FWV-Rat Elmar Scherer und CDU-Fraktionschef Andreas Gammel.

Mit Vehemenz vertreten sie die alte Guckersche Verurteilung der Gewaltbereitschaft der Aufständischen und greifen Begriffe an. Gammel etwa in einem Aufsatz mit dem Titel „Politischer Mythos Generalstreik“. Der CDU-Stadtverbandschef kommt zum Fazit: „Einen Generalstreik gegen die Machtergreifung der Nationalsozialisten hat es in Mössingen nie gegeben.“

Gammels Begründung: Ein Generalstreik sei etwas ganz anderes – nämlich politischer Streik eines „großen Teils“ der Beschäftigten eines Landes oder einer Region. Was sich am 31. Januar 1933 in Mössingen abgespielt habe, sei dagegen, so die Meinung des CDU-Politikers, „noch nicht einmal ein Streikle“, sondern eine „isolierte Aktion“ der „Mössinger Kommunisten“: eine Demonstration, die schließlich gewalttätig eskaliert sei.

Hintergrund: Bei der Firma Merz hatte es bekanntlich Ausschreitungen gegeben, weil Näherinnen nicht mitdemonstrieren wollten. Dies wird im Buch von Paul Gucker und nun auch von seinen Wiederentdeckern als entscheidender Fakt bewertet, weshalb der damalige Aufstand gegen Hitler zu verurteilen sei. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Argumentation der Blog-Autoren zudem die Gleichsetzung von brauner Diktatur und rotem Regime: Die Widerständler gegen Hitler werden von den Autoren als kommunistisch fehlgeleitete Masse bewertet.

FWV-Chef Marc Eisold versucht in seinem Beitrag die „Mär vom roten Mössingen“ zu widerlegen, indem er Wahlergebnisse der KPD in der Weimarer Republik analysiert – und dabei die absolute Mehrheit zum Maßstab nimmt. Eisolds Fazit: „Diese Begriff ist falsch und dient der Manipulation.“ Wissenschaftlich unumstritten ist dagegen: Im Verhältnis gesehen waren die politisch linken Kräfte zur damaligen Zeit in Mössingen ungewöhnlich stark.

Die überaus umstrittenen Beiträge der Stadträte fallen in eine Zeit, in der der Aufstand von 1933 landauf, landab und quer durch alle demokratischen Lager gewürdigt wird. Wie kommen führende Kommunalpolitker dazu, den örtlichen Widerstand gegen Hitler und die Nationalsozialisten so unmissverständlich zu diskreditieren? Eisold (und seine Mitstreiter) sehen das so: Ziel sei es, „Fakten zu sammeln“, vielleicht sogar zu einer „neuen Erinnerungskultur“ zu kommen, wie der FWV-Rat sagt. Eisold gibt auch persönliche Beweggründe für den Publikationsdrang an: Seine Familie habe „beide totalitäre Systeme hautnah erlebt“.

Am 19. April will die Interessengruppe in der Pausa-Tonnenhalle eine Veranstaltung „über Fakten und Legenden“ zum Generalstreik abhalten – und dabei einen so genannten „Fakten-Check“ veranstalten. Der Gemeinderat hatte im Vorjahr den FWV-Antrag abgelehnt, eine weitere wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag zu geben.

Kurz zuvor hatte der Tübinger Historiker Ewald Frie in einem von der Stadt eingeholten Gutachten festgestellt, dass es bereits „herausragende wissenschaftliche Untersuchungen“ des Ludwig-Uhland-Instituts gibt – unter anderem eben jenes Buch, das kürzlich neu aufgelegt wurde. Frie regte an, „das einzigartige und deutschlandweit bedeutsame Ereignis Generalstreik so aufzuarbeiten, dass Mössingen zu einem Gedächtnisort wird, der die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient“.

Die Interessengruppe meint hingegen, dass dem derzeit bundesweit in Presse und Öffentlichkeit gefeierten Ereignis schon jetzt – zum 80. Jahrestag – zu viel Beachtung geschenkt wird. Und dass es ganz anders dargestellt werden müsste. „Über die Aktion wird extrem einseitig berichtet“, beschreibt Gammel die Motive für seinen heftigen Kampf schon um die Begriffe – dass der „Mössinger Generalstreik“ von jedem Geschichtslehrer so genannt wird, will der CDU-Politiker und Arzt nicht akzeptieren. Er sorge sich, so Gammel, „ein bisschen, dass die Sache in meine Praxis reingetragen wird“. Gestern prangte ein Aufkleber auf seinem Briefkasten – mit dem Aufruf zur Generalstreik-Gedächtnisdemo am 2. Februar.

Fünf Blogger gegen den Generalstreik
Die doppelte Betonung auf „gewaltsam“: Die Einleitung des Internet-Blogs gegen die Würdigung des Generalstreiks. Zur Redaktion der Seite gehören Andreas Gammel, Marc Eisold, Elmar Scherer, Max Göhner und Ernst Gucker. Bild:Freese

Gestern gab die Stadt Mössingen die Einladungen zur Gedenkveranstaltung am Donnerstag, 31. Januar, 19 Uhr, in der Langgass-Turnhalle heraus. An historischer Stätte – die Halle war Ausgangspunkt des Demonstrationszugs gegen Hitler 1933 – hält Prof. Ewald Frie vom Seminar für Neuere Geschichte der Universität Tübingen einen Festvortrag. Landrat Joachim Walter und Oberbürgermeister Michael Bulander werden ebenfalls sprechen. Anschließend stellt Museumsleiter Hermann Berner die Ausstellung „Mössingen, 31. Januar 1933“ vor, die dann in der nahegelegenen Kulturscheune eröffnet wird und dort bis 15. Dezember zu sehen ist.

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24.01.2013, 12:00 Uhr
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