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Gegen den endgültigen Kollaps

Früherer Mercedes-Chef fordert dazu auf, der Gier Einhalt zu gebieten

Edzard Reuter suchte nach der Ursache für die weltweite Krise, fand sie in der mit Heuchelei bemäntelten Gier und schrieb ein Buch darüber.

05.12.2010
  • von Mario Beisswenger

Reutlingen. Das sieht nicht gut aus: Eine „Kulturenkrise“ weltweit, die früher selbstverständlichen moralischen Maßstäbe gehen verloren, das menschliche Miteinander ist bedroht durch eine grassierende Seuche, eine „Pandemie der Habgier“. Sie zerstöre das wirtschaftliche Fundament, „die Gefahr des endgültigen wirtschaftlichen Kollapses“ zeichne sich ab. Das ist die polemisch zugespitzte Weltsicht von Edzard Reuter, zusammengefasst in seinem Buch „Stunde der Heuchler“. Am Donnerstagabend las der frühere Mercedes-Chef daraus vor und wurde darüber vom Leiter der Volkshochschule Ulrich Bausch in der VHS befragt.

Als Ursache für das Elend sieht der 82-Jährige die Alleinherrschaft der marktradikalen Lehre. Ausgehend von den Wirtschaftswissenschaftlern Milton Friedman und Friedrich August von Hayek hätte diese Idee alle bisher geltenden Maßstäbe für richtiges Handeln ersetzt. Werte würden nur noch auf dem Papier stehen, wichtig sei lediglich die Verzinsung des eingesetzten Kapitals. Allein aus der Maxime heraus, den wirtschaftlichen Erfolg möglichst zu mehren, würde sich das richtige Zusammenleben ergeben.

Verhüllt werde diese Einstellung durch eine falsch verstandene Bürgerlichkeit, eine Fassade der Wohlanständigkeit. Diese Haltung sei inzwischen so selbstverständlich, dass Vorschläge zur „Bändigung von Gier und Heuchelei“ abprallten, eine Regulierung der „kapitalistischen Marktwirtschaft“ nicht mehr akzeptiert werde.

Reuter hatte auch ein Rezept dabei, wie sich die Menschheit vor der Apokalypse retten könnte, wie eine „Heilung der Pandemie“ möglich wäre. In dieser von ihm eigentlich als hoffnungslos eingeschätzten Situation müsse man sich an „Opferbereitschaft, Zähigkeit und Selbstvertrauen“ erinnern, um sich daraus herauszuarbeiten. Er forderte alle auf, „den Kopf für das eigene Denken hinzuhalten“, sich einzumischen. Von Bausch angesprochen auf einen der Auswüchse, die nach der Krise schon wieder anschwellenden Banker-Boni, forderte Reuter das etwa 80 Personen zählende Publikum auf: „So was dürfen wir uns nicht gefallen lassen. Man kann den Mund aufmachen, auch als Aktionär.“

Von seinen ehemaligen Kollegen unter den Wirtschaftsführern verlangte er, ihr Handeln wieder „überzeugend in ethische Grundlagen einzubetten“. Das Ideal des ehrbaren Kaufmanns habe durchaus noch nicht abgewirtschaftet. Die Haltung dafür zu gewinnen, „das kann man lernen“, sagte Reuter auf Bauschs Nachfrage, „oder es gehört bei einem schon zum allgemeinen Verständnis dazu“.

Ob seine Stimme in den entscheidenden Kreisen wohl Gehör finden werde, wollte jemand aus dem Publikum wissen. Reuters Antwort war zwiespältig. In seinem Buch schilderte er eine Szene aus einer Sitzung in New York in der Zentrale der damaligen Chase Manhattan Bank, schon vor der Fusion mit JP Morgan, einer der größten amerikanischen Banken. Zusammen mit anderen wichtigen Personen aus Wirtschaft und Politik wurde er über seine Meinung zur weltweiten Zukunftsstrategie der Bank gefragt.

Seinem Vorschlag, überall sozial-politische Regulierungen einzuführen, sei damals zwar nicht offen widersprochen worden, aufgegriffen wurde er aber auch nicht. Er habe wohl recht, sagte ihm anschließend der Bankvorstand, aber er als Banker müsse mit den Wölfen heulen, also gegen jede Regulierung sein. Gelesen werde sein Buch aber schon von den richtigen Leuten, vermutet Reuter. Die Rückmeldung aus dem Verlag spreche dafür. Von seiner eigenen Polemik „fühle ich mich teilweise auch selbst betroffen“. Was die Kritik an der Bürgerlichkeit angehe: „ Ich gehöre ja eigentlich selbst dazu.“

Früherer Mercedes-Chef fordert dazu auf, der Gier Einhalt zu gebieten
Edzard Reuter las in der Volkshochschule aus seinem neuesten Buch. Bild: Haas

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05.12.2010, 12:00 Uhr
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