Gesellschaft

Frauen ans Steuer

Von MARTIN GEHLEN

Historische Entscheidung: Als letztes Land der Welt erlaubt das erzkonservative Saudi-Arabien seinen Bürgerinnen das Autofahren.

Frauen ans Steuer

Die saudische Aktivistin Manal al-Scharif hatte 2011 die Protestbewegung gegen das Fahrverbot für Frauen, „Women2Drive“, gegründet. Foto: afp

Hinter ihren Tweet setzte sie ein großes rotes Herz. „Ihr wollt eine Stellungnahme von mir, hier ist sie: Saudi Arabien wird nie wieder dasselbe sein. Der Regen beginnt mit einem Tropfen“, kommentierte Manal al-Sharif, eine der bekanntesten Frauenrechtlerinnen des Landes, die spektakulären Neuigkeiten aus dem Königshaus.

Endlich ist das Fahrverbot für Frauen gefallen. Mit einem Dekret, das am Dienstagabend zu bester Sendezeit im Fernsehen verlesen wurde, wies König Salman das Innenministerium an, bis zum 24. Juni 2018 dafür zu sorgen, dass sich Frauen Führerscheine ausstellen lassen und Autos anmelden können.

Immer wieder war Manal al-Sharif gegen das absurde Verbot angerannt, mit dem sich das erzkonservative Königreich seit Jahren zum Gespött des Globus machte. Demonstrativ ließ sie sich am Steuer filmen und von der Polizei festnehmen. Einmal landete sie sogar für neun Tage hinter Gittern.

„Ich bin total aus dem Häuschen, ich hüpfe, springe und lache“, freute sich auch ihre Mitstreiterin Sahar Nassif aus Jeddah. Sie werde sich jetzt ihr Traumauto kaufen, einen Mustang Cabriolet in schwarz und gelb.

So überschwänglich das Echo im Land, so zustimmend reagierte auch die übrige Welt, allen voran der westliche Hauptverbündete USA. „Das ist ein positiver Schritt für mehr Frauenrechte“, lobte US-Präsident Trump. Ins gleiche Horn stieß UN-Generalsekretär Antonio Guterres.

Dagegen mahnten Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International, bis zur rechtlichen Gleichstellung sei es ein langer Weg. Denn nach wie vor sind Gängeleien für saudische Frauen allgegenwärtig. Ohne schriftliche Zustimmung ihres männlichen Vormunds, egal ob Gatte, Vater, Bruder oder halbwüchsiger Sohn, dürfen sie weder studieren noch heiraten, können nicht zum Arzt gehen, ihren Pass erneuern oder ins Ausland reisen. Im Mai erlaubte das Königshaus den Frauen erstmals, selbst ein Konto zu eröffnen und eine Arbeitsstelle anzutreten.

Treibende Kraft hinter den Reformen ist Kronprinz Mohammed bin Salman, der seinem Vater in den nächsten Monaten auf den Thron folgen soll und schon jetzt der starke Mann auf der Arabischen Halbinsel ist. Außenpolitisch will der 32-Jährige das Image seines Landes aufpolieren, innenpolitisch Ballast abwerfen, der ihn an der Modernisierung der „ölsüchtigen“ Volkswirtschaft behindert.

Bereits Anfang 2016 forderte er in einem „Manifest für Wandel“ umfassende Reformen und mehr Rechte für Frauen. Saudi-Arabien werde gebremst durch „das überkommene Erbe und populäre Traditionen“, hieß es in dem Text, der allerdings über Demokratisierung und Menschenrechte kein Wort verlor. In erster Linie nämlich will der Thronfolger die sozialen Restriktionen lockern – nicht aber die politischen Rechte der Bürger stärken. Und so ließ er in den letzten Wochen ein Dutzend konservative Kleriker verhaften, zugleich aber auch viele prominente Aktivisten.

Kein Wunder, dass Saudi-Arabiens stockkonservativer Klerus am Mittwoch erst einmal auffällig schweigsam blieb. Das Fahrverbot hatten die Imame stets damit begründet, Frauen seinen zu dumm für das Steuer, könnten sich ihre Eierstöcke beschädigen oder in verbotenen Kontakt mit dem männlichen Geschlecht kommen, wenn sie bei einer Reifenpanne Hilfe bräuchten.

Scheich Saad al-Hijri aus der südlichen Provinz Asir setzte kürzlich noch eins drauf, als er in einer Fatwa behauptete, Frauen dürften nicht Autofahren, weil sie nur ein Viertel des männlichen Gehirns besäßen. Doch diesmal traf ihn schon wenige Tage später der königliche Bann. Seitdem darf Saad al-Hijri nicht mehr vorbeten und nicht mehr predigen.


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28.09.2017 - 06:00 Uhr