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Ämter unterm Hakenkreuz

Forschungsprojekt untersucht die NS-Geschichte von Behörden im Land

Nicht nur sechs Professoren und viele Historiker mehr sollen die NS-Vergangenheit der Landesverwaltung erforschen. Auch die Bevölkerung soll helfen. Bei einer Tagung wurde nun erklärt, wie das geht.

30.07.2014
  • FABIAN ZIEHE

Stuttgart Ein Minister hält eine Rede vor Verwaltungschefs. Ihm schwebt ein neuer Typ Staatsdiener vor: Der alte, "stupide Verwaltungsbeamte", verwaltet sich nur selber, "tut nichts Böses, tut aber auch ja nichts Gutes". Die neuen Beamten - leistungsorientiert, mit fester Persönlichkeit - haben indes verinnerlicht, dass "nicht das liebe Volk für sie da ist, sondern daß wir für das Volk da sind". Wer will da widersprechen? Die Idee ist tückisch: Sie stammt vom Reichsinnenminister und NS-Größe Heinrich Himmler, ein Postulat anno 1944 in Posen.

"Weltanschauungskämpfer", so nannte Wolfram Pyta diesen neuen Beamten-Typ nun auf einem Symposium in Stuttgart: Der Zeitgeschichtler mit Lehrstuhl an der dortigen Universität beschreibt den geforderten neuen Typen als einen mit vorauseilendem Gehorsam, der kalt und präzise NS-Ideologie umsetzt. War das der typische Ministeriums- und Verwaltungsmitarbeiter zwischen 1933 und 1945 in Baden und in Württemberg? Oder dominierten eher jene, die durch "Beharrungskraft" den Naziterror zumindest erträglicher machten? Die gar dem Regime widerstanden?

Das sind Fragen, die ein vom Land initiiertes Forschungsprojekt beantworten will. "Welchen Anteil hatten die Verwaltungen am Aufbau und Vollzug einer Diktatur?", formulierte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) auf dem Symposium eine weitere Frage. Es gehe um Grundlagenforschung ohne politische Schlagrichtung. Der Fokus liege auf der NS-Zeit: Personelle Kontinuitäten über 1945 hinaus werden aufgezeigt, aber es geht nicht um eine Aufarbeitung der braunen Flecken der Nachkriegszeit.

Die Baden-Württemberg-Stiftung investiert in das Vorhaben 1,45 Millionen Euro für drei Jahre. Mitte April hatten Bauer und die beteiligten Forscher unter Leitung von Pyta und seines Heidelberger Kollegen Edgar Wolfrum die Grundzüge des Projekts vorgestellt. Jetzt erläuterten die Forscher das Programm en detail. Im Publikum saßen neben Historikern und Studenten Pädagogen sowie Vertreter von Gedenkstätten, Archiven und Geschichtsvereinen - nicht ohne Grund.

"Wir wollen das Netz möglichst weit auswerfen", sagte Pyta. Neben der Akten aus Archiven sei man an "Ego-Dokumenten" interessiert - etwa Briefe oder Tagebücher, in denen Verwaltungsbeamte sich erklären. Da hoffe man auf Mithilfe aus der Bevölkerung. Diese wollen die Forscher fest einbinden. "Public History" heißt das Zauberwort: Statt rein akademischer Forschung werden in diesem Ansatz Museen, Gedenkstätten, Archive, Geschichtsvereine und auch Zeitzeugen und deren Angehörige eingebunden.

Gleichzeitig sei diese Methode eine Antwort auf die "gestiegene Nachfrage an Geschichte in der Gesellschaft", sagt Historiker und Heidelberger Public-History-Lehrstuhlinhaber Cord Arendes. Der Wissenschaftler soll "passgenaue Angebote" machen, je nach historisch interessierter Zielgruppe und Thema.

Dafür eigne sich besonders eben solche Landesgeschichte wie die Erforschung der NS-Landesbürokratie: Die Spielorte sind bekannt, man ist neugierig ob der eigenen historischen Wurzeln. Ausgewählte Studien im Kleinen könnten zudem Antworten auf die großen Fragestellungen der Epoche bieten. "Unser Projekt soll da Maßstäbe setzen", sagte Arendes selbstbewusst.

Bleibt die Frage, ob die südwestdeutsche Perspektive besondere Einblicke in die NS-Zeit eröffnet. Wolfrum stellte fest, dass auch die großen Länder im Deutschen Reich ab 1933/34 viele Kompetenzen einbüßten - dennoch hätten sie sich Handlungsspielräume erhalten. Der Südwesten hätte im 19. Jahrhundert ein ausgeprägtes demokratisch-liberales Sonderbewusstsein entwickelt im Gegensatz etwa zum konservativen preußischen Staat.

Allerdings wählte man in den letzten Jahren der Weimarer Republik in Baden unwesentlich unter und in Württemberg sogar etwas über dem Reichsschnitt nationalsozialistisch. Es könnte auch sein, dass die Legende der widerständigeren Schwaben und Badener zur Selbstberuhigung gestrickt wurde. War es nun so oder so? Das Forschungsprojekt soll auch das zeigen.

Infos zum Forschungsprojekt bietet die Uni Heidelberg

Forschungsprojekt untersucht die NS-Geschichte von Behörden im Land
Adolf Hitler zeigt sich 1938 vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof: Viele Einwohner der Landeshauptstadt jubelten ihm zu - doch wie verhielt sich die Beamtenschaft? Das soll nun eine breit angelegte Studie klären. Foto: Berliner Verlag / dpa

  • Perspektiven Lange habe die Forschung „Hitler und seine Führungsclique“ fokussiert, sagt die am Projekt beteiligte Zeithistorikerin Christiane Kuller. „Dieser Ansatz greift zu kurz.“ So erforsche man nun vier Komplexe. Zunächst die Akteure, deren Motive, Verhaltensnormen und Werte. Dann das Funktionieren der Bürokratie auch in Hinblick auf die NS-Parallelstrukturen wie Gauleitungen. Drittens die Verbrechenspolitik, die „Frage nach Verantwortung und Mitwirkung“ der Bürokratie. Und zuletzt die Verankerung der Verwaltung in der Gesellschaft.
  • >Phasen Die ersten anderthalb Jahre des Projekts gelten der Ereignis- und Institutionengeschichte der Ministerien in Württemberg und Baden sowie der Verwaltung des Elsass. Dann folgen „Querschnittsthemen“, so Projektkoordinator Frank Engehausen, wie Leitbilder, Geschlechterfragen und Kommunikationswege.
  • >Pläne Im Herbst startet ein Online-Portal und eine mobile App, die Herzen des „Public History“-Ansatzes. Frühzeitig will man Kontakt zu den Pädagogen knüpfen, um Schülern das Thema zu öffnen. Im Frühjahr 2015 treffen sich die Forscher in Heidelberg. Was am Ende des Projekts steht, ist nicht fix – eine Publikation sicher. Ausstellungen und ähnliches seien denkbar – je nachdem, welche Ergebnisse der Public-History-Ansatz bringt. zie

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30.07.2014, 12:00 Uhr
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