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Ringen um die Zeit der Menschen

Filmemacher Edgar Reitz über die Bedeutung des Erzählens

Mit seiner "Heimat"-Trilogie wurde der Filmemacher Edgar Reitz zu einem Chronisten des 20. Jahrhunderts. Heute wäre eine solche Fernseh-Erzählung gar nicht mehr möglich, kritisiert der 78-Jährige.

28.12.2010
  • MAGDI ABOUL-KHEIR JÜRGEN KANOLD

Filmemacher Edgar Reitz über die Bedeutung des Erzählens
Mit "Heimat" wurde er zu einem Chronisten des 20. Jahrhunderts: Edgar Reitz. Foto: Privat

Herr Reitz, Sie haben mit der "Heimat"-Trilogie seit 1984 Fernsehgeschichte geschrieben. Schauen Sie selbst heute viel Fernsehen?

EDGAR REITZ: Ich habe ein Gerät, das steht meist auf dem Dachboden. Ich schaue Fußball-WM und zuweilen Nachrichten. Vielleicht zehnmal im Jahr ist das Ding an.

Gehen Sie ins Kino?

REITZ: Oft dreimal die Woche. Es werden, weltweit gesehen, immer noch viele schöne Filme gedreht. Was ich verpasse, schau ich auf DVD, das ist wunderbar. Ich habe einen Beamer, lade Freunde ein, mache ein gute Flasche Rotwein auf.

Kinofilme haben Werkcharakter. Fließt Fernsehen einfach so durch?

REITZ: Die Programmplaner tun so, als wäre das Gesamtprogramm das Werk - für ein Publikum, das sich hin- und wegzappt. Anders beim Film: Da verlasse ich meine eigenen vier Wände und gehe wegen eines Films, eben eines Werks, ins Kino. Dadurch werde ich auf ganz andere Weise innerlich zentriert.

Sind Menschen nicht mehr fähig, bewusst ein- und auszuschalten?

REITZ: Früher gab es eine Ansagerin, die eine Zäsur gesetzt hat. Inzwischen fließt eine Sendung in die andere über. Da findet ein Ringkampf um die Zeit der Menschen statt: Wer aus unserem Leben möglichst viele Stunden an sich binden kann, ist Sieger in der Medienwelt. Es geht nicht darum, uns mit Informationen zu beliefern oder uns mit guten Einzelbeiträgen zu unterhalten, es geht darum, uns auf möglichst listige Weise an den Bildschirm zu binden, das heißt, Lebenszeit von uns zu absorbieren. Das ist letztlich Zeitdiebstahl. Ein Fernsehintendant und viele seiner Mitarbeiter sind, ohne es zu wissen, Zeitdiebe.

Filmemacher Edgar Reitz über die Bedeutung des Erzählens
TV-Klassiker aus den achtziger Jahren: "Heimat"

Sie als Erzähler haben uns aber auch Zeit genommen . . .

REITZ: . . . und sie wieder zurückgegeben! Wer 60 Stunden "Heimat" gesehen hat, hat ein ganzes Jahrhundert zurückbekommen (lacht).

"Heimat", die Geschichte einer Familie aus dem Hunsrück, ist ein riesiges Erzählprojekt. Wie wichtig ist das Erinnern, Geschichtenerzählen für die Identitätssuche der Menschen?

REITZ: Sehr! Um sich Klarheit zu verschaffen, in welcher Welt er lebt, hat der Mensch wissenschaftliche, politische, soziologische Methoden. Aber um wirklich zu wissen, wo und wie er lebt, braucht er das Geschichtenerzählen. Nicht ohne Grund hat sich die Gattung des Spielfilms zu einer Weltkultur entwickelt: Weil wir im Kino nicht nur Dinge zu sehen und zu hören bekommen, die wir nicht kennen, sondern weil wir dabei auch noch emotional beteiligt werden.

Sie erzählen in "Heimat" eine persönliche Geschichte - und doch findet sich der Zuschauer darin wieder.

REITZ: Ein interessanter dialektischer Vorgang: Je mehr ich mich als Erzähler in meine persönliche Erfahrung vertiefe, umso besser werde ich von allen verstanden.

Filmemacher Edgar Reitz über die Bedeutung des Erzählens
Über den Menschheitstraum vom Fliegen: "Der Schneider von Ulm" (1978) mit Tilo Prückner.

"Heimat" ist wie ein großes Familienalbum. Weshalb ist das Bedürfnis, dass der Mensch sein Leben festhalten will, so stark?

REITZ: Jede menschliche Kultur, selbst die primitivste vor Jahrtausenden, hat Kunst produziert. Schon immer ging es darum, die flüchtigen Augenblicke des Lebens unvergänglich zu machen. Das hat wohl mit dem Wissen des Menschen um seine Sterblichkeit zu tun: Alles, was man erlebt, vergeht unwiederbringlich. Bei diesem Bewusstsein müssten die Menschen depressiv werden, aber wir haben die Fähigkeit entwickelt, aus den Dingen, die uns jeden Tag verlassen, etwas Haltbares zu machen. Dank der Kunst schaffen wir es, Teile des Lebens diesem Strom der dauernden Vergänglichkeit zu entreißen. Der künstlerische Impuls allein aber genügt nicht, um Kunstwerke zu schaffen - man muss es auch können. Deswegen beginnen manche Leute mit Talent, ihr künstlerisches Handwerk gründlich zu erlernen.

Daher ist Ihnen das filmische Handwerk auch so wichtig?

REITZ: Um ein prägendes Erlebnis in subtilen Bildern festzuhalten, muss man sein Geschäft besonders gut verstehen. Gerade beim Filmemachen ist das schwierig, weil etwas so Persönliches wie eine Bildvision oft gegen 50 oder 100 Leute durchgesetzt werden muss. Wenn man da morgens ans Set kommt und man äußert ein vages künstlerisches Gefühl: "Ich möchte heute meinen Schmerz der Vergänglichkeit entreißen", und man schaut diesen 100 Mitarbeitern ins Gesicht, dann vergeht einem das (lacht).

Könnte man mit so einer großen Idee wie "Heimat" heute überhaupt noch zu einem Fernsehsender kommen?

REITZ: Das war auch damals eigentlich nicht machbar. Die Redaktionen haben mitgemacht, weil sie eigentlich nicht wussten, auf was sie sich einlassen. Heute wissen sie es. Das macht es mir absurderweise schwerer mit ihnen.

Filmemacher Edgar Reitz über die Bedeutung des Erzählens
Deutschland in den Sechzigern: "Die zweite Heimat", eine weitere Fernsehserie von Edgar Reitz.

Filme werden heute für viel kürzere Aufmerksamkeitsspannen produziert. Bedeutet das einen Verlust?

REITZ: Ja. Aber "Heimat" war schon damals gegen Erwartungen und Sehgewohnheiten gerichtet und trotzdem ein Erfolg. Ich fand, dass man sich den Sendeformaten nicht unterwerfen muss. Fernsehanstalten unterliegen aber so rabiaten Konkurrenzkämpfen, dass ihnen angeblich keine Hingabe an den Moment möglich ist. Die Programmverantwortlichen denken: In der Zeit, in der ich mich vertiefe, schwimmen mir woanders die Fälle weg. So entsteht aber keine Fernsehkultur! Inzwischen ist in den Anstalten durchaus bekannt, dass intelligente Menschen aus guten Gründen immer seltener Fernsehen schauen. Es ist ein entsetzlicher Fehler, dass man das einfach hinnimmt! Wenn man die Verankerung in den geistigen Werten verliert, stürzt alles ins Bodenlose.

Wie kann man sich Ihre Konflikte mit TV-Redakteuren vorstellen?

REITZ: Grabenkämpfe über Monate und Jahre. Dramaturgische Besserwisserei. Etwa: Welche Automarke fährt eine Figur? Es geht um Rücksichtnahmen auf Vorlieben der Chefs. Klischees, künstliche Dramatisierungen etc. Wenn einer einen Ladendiebstahl begeht, aus welchem sozialen Milieu muss der kommen? Da hörts doch auf! Da fühlt man sich als Geschichtenerzähler völlig an die Wand gedrückt.

Bekommt ein Edgar Reitz denn nicht alle Freiheiten?

REITZ: Das Gegenteil ist der Fall, gerade weil ich so bekannt bin. Weil alle wissen, wofür ich stehe, was ich will und weil man mit mir nicht rumhandeln kann. In 40 Jahren Filmemachen ist mir nunmal schon alles untergekommen. Ich gelte als unbequem und undankbar.

In diesem Jahr wurden die letzten Folgen von Dominik Grafs preisgekrönter Krimiserie "Im Angesicht des Verbrechens" - der Quote wegen - spätabends einfach weggesendet.

REITZ: Ja, absichtlich weggedrückt. Ein Ausdruck der barbarischen Verhältnisse, die heute in der ARD herrschen. Was besonders schlimm ist, weil die öffentlich-rechtlichen Anstalten von ihrem Verfassungsauftrag und ihrer Historie her verpflichtet wären, mit Liebe und Treue Qualität unter die Leute zu bringen. Diese gesellschaftliche Pflicht ignorieren sie. Ich finde diese Quotenjägerei auch zutiefst undemokratisch. Quote wird mit Anstand verwechselt. Und jetzt wollen sie das Allerunanständigste durchbringen: eine Steuer statt Gebühren, so dass für ein immer spekulativer werdendes Programm auch noch jeder Bürger geradestehen soll.

Sie planen "Heimat 4" - mit oder gegen das Fernsehen?

REITZ: Ich will das als Kinofilm hinkriegen. Das Projekt ist nicht direkt mit der "Heimat"-Trilogie verbunden, es liegt historisch weiter zurück. Es spielt in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als aus Deutschland Millionen nach Nord- und Südamerika ausgewandert sind. Das ist für uns heute auch interessant, weil wir jetzt ein Einwanderungsland sind - dabei ist es nicht lange her, dass wir selbst in Massen die Heimat verlassen und vergessen haben. Das wirft auch Fragen im Hinblick auf unsere Migrationsgesellschaft auf: Weshalb reißen sich Menschen aus ihren Wurzeln raus? Derzeit stecke ich im Drehbuchschreiben und bemühe mich, einen überschaubaren Film daraus zu machen. Der Stoff genügt eigentlich auch schon wieder für zehn Stunden Film. (lacht).

Sie haben eine Chronik des 20. Jahrhunderts gedreht. Was wäre denn Ihr "Heimat"-Thema der vergangenen zehn Jahre gewesen?

REITZ: Ich wäre wohl vom 11. September 2001 ausgegangen. Seitdem zeigt sich die Welt auf eine neue Weise. Auf einmal spielen die Grenzen, die man immer zu verteidigen dachte, keine Rolle mehr. Auf einmal hat man es mit einem Gegner zu tun, der mein Nachbar sein kann oder eine gesichtlose Macht von der anderen Seite der Welt. Da hat ein Mentalitätseinbruch stattgefunden: Die Menschen fühlen sich gefährdet und wissen nicht einmal, von woher. Eine destabilisierende Kraft, die alle ergriffen hat. Menschen gehen wegen Stuttgart 21 in Massen auf die Straße - da gehts meines Erachtens nicht um einen Bahnhof und Tunnel, da gehts um ein Gefährdungsgefühl. Es ist eine neue Weltsicht entstanden, aus der sich spannende Geschichten erzählen ließen, weil alle Lebensentwürfe seit 2001 ein Fragezeichen, etwas Unkalkulierbares enthalten.

Wie haben Sie 2010 gesehen?

REITZ: Das Jahr war nicht so markant. Ich habe in Südamerika recherchiert und mein Drehbuch geschrieben. Ich finde, 2010 fließt auch ziemlich unmerklich in 2011 hinein. Man kann ja auch froh sein, wenn ein Jahr einmal nicht so aufregend ist, dann ist"s umso schöner, seine Tage zu genießen (lacht).

Der heute 78-jährige Edgar Reitz gehörte 1962 zu jenen Jungfilmern, die im Oberhausener Manifest "Papas Kino" für tot erklärten. 1963 gründete er mit Alexander Kluge in Ulm das mit der HfG verbundene Institut für Filmgestaltung. Mit seiner "Heimat"-Trilogie schrieb der mit der Sängerin und Schauspielerin Salome Kammer verheiratete Reitz Film- und Fernsehgeschichte.

Mehr als zwei Stunden nimmt sich Edgar Reitz Zeit für das Interview. Dass er ein genauer und gründlicher Beobachter und Erzähler ist, zeigen schon seine Filme. An den Wänden hängen die Plakate: "Cardillac" (1968/69), "Die Stunde Null" (1976/77) oder "Der Schneider von Ulm", jener aufwendige, 3,5 Millionen Mark teure Spielfilm über den Traum vom Fliegen, mit dem der Regisseur 1978 an den Kinokassen bitter abstürzte (die Filme des restaurierten Frühwerks hat Arthaus/Kinowelt in einer 7-DVD-Edition mit umfangreichen Extras veröffentlicht). Reitz zog sich nach der "Schneider"-Krise zurück und schrieb das "Heimat"-Drehbuch - die Geschichte der Familie Simon und anderer Bewohner des Dorfes Schabbach, einem fiktionalen Ort im Hunsrück (wo Reitz selbst 1932 geboren wurde).

Zeitgeschichte und persönliche Schicksale miteinander verknüpft: 1984 kam "Heimat - Eine deutsche Chronik" heraus, ein Medienereignis. 1992 folgte "Die zweite Heimat - Chronik einer Jugend" und 2004 "Heimat 3 - Chronik einer Zeitenwende".

Bei Arthaus/Kinowelt ist die Gesamtedition der "Heimat"-Trilogie erschienen: 3364 Minuten großartiges Erzählkino in einer DVD-Box samt ausführlichem Bonusmaterial (vor allem auch zu den Drehorten).

Ein weiteres Gespräch mit Edgar Reitz auf swp.de/edgar-reitz

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28.12.2010, 12:00 Uhr

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Hm, der Film lässt eher kalt, eine Mischung aus zu gewollt und zu distanziert. Das Zielpublikum sind eher die Brexit-Briten die historisch-verquast von Nolan vermittelt bekommen sollen dass mit einer stiff upper lip und nationaler Einheit eine Schlacht zwar verloren gehen kann, der Krieg aber gewonnen wird. Am Ende sind alle Helden. Rule Britannia, we'll be back.
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