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Fast alle Altenheimbewohner im Kreis bekamen Stimmzettel · Um wählen zu können, brauchen viele Hilfe
Dorothea Gilde hat das Wahllokal im Haus. Die 94-Jährige kann am Sonntag ihre Stimme im Samariterstift im Tübinger Mühlenviertel abgeben. Bild: Metz
Bundestagswahl · Nicht alle können abstimmen

Fast alle Altenheimbewohner im Kreis bekamen Stimmzettel · Um wählen zu können, brauchen viele Hilfe

Post bekommt Helmut Hartmann nicht oft (Name von der Redaktion geändert). Wenn doch, sind es Urlaubsgrüße von den Enkeln oder die Kontoübersicht der Bank. Mit dem nüchternen weißen Brief und dessen Inhalt kann der 85-Jährige wenig anfangen. Wählen? Schon wieder? Ein Leben lang hielt er das für eine Pflicht.

20.09.2017
  • Christine Laudenbach

Seit dem Umzug in ein Rottenburger Altenpflegeheim vor einigen Jahren hat er keiner Partei mehr seine Stimme gegeben. Zu beschwerlich. Auch an Briefwahl hat er kein Interesse. Er kenne sich doch zu wenig aus, sagt er.

Auf die Frage, ob die anstehende Bundestagswahl gegenüber den Heimbewohnern thematisiert werde, ob sie informiert und am 24. September unterstützt werden, wird in vielen Einrichtungen im Kreis abgewunken. Im Pflege-Alltag, so die Auskunft, fehle dafür die Zeit. Die Wahl scheint weitgehend Sache der Angehörigen zu sein. Ob die Menschen per Brief oder an der Urne abstimmen, wie sie die Unterlagen beantragen oder zum meist nicht barrierefreien Wahllokal kommen: Wohl dem, der einen Helfer hat. Im Kusterdinger Gemeindepflegehaus heißt es: Die Bewohner „wählen eigenständig“, so Jacqueline de Riese, beim Träger Die Zieglerschen zuständig für Kommunikation. „Die mobilen gehen selbst, die anderen mit Angehörigen.“

Auch die Rottenburger Hospitalstiftung sieht sich nicht in der Pflicht. Hospitalverwalter Günther Danner spricht für alle fünf Heime unter dieser Trägerschaft und sagt: „Wir verhalten uns sehr neutral.“ Die „Personen werden informiert“, dass sie per Brief abstimmen können. Auch wo das nächste Wahllokal ist, geben die Heimleiterinnen weiter – im Haus am Neckar direkt im Gebäude. Hier bekämen die Bewohner bei Bedarf Begleitung am Wahlsonntag.

Gesprächsrunden vorneweg, Erklärungen, wie ein Wahl-Zettel aufgebaut ist: ein klares Nein. Im Tübinger Pauline-Krone-Heim sieht man das ähnlich. Auch hier ist ein Wahllokal im Haus. Das Pflegepersonal unterstütze am Sonntag „im Rahmen des Erlaubten“, sagt Lars Riethmüller – etwa beim „Eintüten, wenn die Finger nicht mehr so gelenkig sind“.

Jochen Lange, für die Region Tübingen in der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA), fürchtet, dass kommenden Sonntag „nicht alle Wahlberechtigten mit abstimmen können“. Lange denkt dabei konkret an die knapp 30 Prozent der rund 2,9 Millionen Pflegebedürftigen, die bundesweit vollstationär versorgt werden. Laut Statistischem Landesamt sind rund 1500 dieser Menschen (Stichtag 15. Dezember 2015) im Landkreis in knapp 40 Heimen zuhause.

Die Gehfähigkeit der Altenheimbewohner habe „extrem abgenommen“, begründet Lange seine Befürchtung. Fahrdienste zum Wahllokal gebe es selten. Die neue Regierung entscheide, „ob es eine menschenfreundliche Altenpolitik geben wird“. Die Betroffenen dürften davon nicht ausgeschlossen werden. Unabhängige Helfer, die am Wahltag den Senioren die Unterlagen vorlegen, hält Lange für eine Möglichkeit. Denn: Die Mehrheit der Altenheimbewohner ist nach wie vor wahlberechtigt – unabhängig vom Pflegegrad (siehe „Dürfen Demenzkranke wählen?“). Die Zahl derer, die aktuell „in allen Angelegenheiten“ betreut werden, lässt sich nach Auskunft des Tübinger Landratamtes „an einer Hand abzählen“.

Dass alte, pflegebedürftige Menschen wie Helmut Hartmann sich nicht mehr für sehr viel interessieren, sei nicht selten, sagt Ursula Bart vom Betreuungsverein des Landkreises. Die Welt sei schlicht das Pflegeheim. Wieso also nicht mal den obligatorischen Bastel-Nachmittag durch eine Runde ersetzen, in der über die Wahl gesprochen wird? Mit Bewohnern, die sich darunter noch etwas vorstellen können. In manchen Altenheimen geht man in diese Richtung. Im Kirchentellinsfurter Martinshaus etwa erklären die Betreuungsassistenten welche Parteien es gibt. Bei Vorleserunden, sagt Pflegedienstleiterin Elisabeth Armbruster, werde aus der Zeitung vorgelesen. „Die Wahl ist bei uns ein großes Thema.“ Auch im Samariterstift im Tübinger Mühlenviertel heißt es zunächst wie fast überall: „Viele Bewohner würden das gar nicht mehr verstehen.“ Pflegedienstleiterin Susanne Gilde sagt aber auch: „Bei den Fitteren ist es Thema im Gesprächskreis.“ Was im Fernsehen läuft, wird aufgegriffen. Auch in dem Heim der Samariterstiftung öffnet am 24. ein Wahllokal. In jeder Hausgemeinschaft weisen wie in der Eingangshalle Plakate darauf hin. Das Pflegepersonal, sagt Gilde, gehe im Gespräch mit den Senioren darauf ein.

Besonders komfortabel haben es die Luise-Wetzel-Stiftler auf der Tübinger Wanne: Auf einen Fahrdienst zum Wahllokal können sie getrost verzichten. Sie haben ihre eigene offizielle Urne. Allerdings: Ohne Haustechniker Klemens Seifrid würden Tage wie dieser nicht reibungslos ablaufen. Er holt vorab die Stimmzettel ins Heim und ist dabei, wenn das Wahlbüro die Urne liefert, wie er sagt. Im Andachtsraum, wo das Jahr über Gottesdienste gefeiert werden, stellt er Wahlkabinen auf. Am Tag der Abstimmung schließlich, prüfe die Kommission frühmorgens, ob alles in Ordnung ist. „Abends wird der Inhalt wieder abgeholt.“

Zum Dossier: Bundestagswahl 2017

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20.09.2017, 01:00 Uhr
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