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Hoffnung als Prinzip

Ex-Philosoph Robert Scheer träumt vom Durchbruch als Autor

Er war schon Dolmetscher, Musiker, Philosoph und Buchhändler: Der Tübinger Robert Scheer will nun Bücher veröffentlichen – mit dialektischem Blick auf Israel und Deutschland.

04.09.2010
  • Matthias Reichert

Tübingen. Er spricht ein halbes Dutzend Sprachen. Seine Muttersprache ist Ungarisch, er wuchs in Rumänien auf, lernte in Israel Hebräisch, Englisch und Französisch dazu – und zuletzt mit 26 Jahren deutsch: „Das war eine Herausforderung.“ Obgleich er diese Sprache „am schlechtesten“ beherrscht, feilt Robert Scheer jetzt in deutscher Sprache an seinen Büchern.

Eine Erzählung hat er bisher veröffentlicht: In der „Jüdischen Zeitung“, die in Berlin erscheint. „Sussita“ heißt der eine Zeitungsseite umfassende Text. Er handelt mit nostalgischem Blick und surrealer Wendung von einem israelischen Auto, dem Stolz der ganzen Familie, das unversehens von Kamelen gefressen wird. Geschrieben hat der 37-Jährige schon eine Reihe von Erzählungen, fünf oder sechs Romane und ein Drama. Das Drama ist auf englisch verfasst, es heißt: „The Ghost of Tübingen“, der Geist von Tübingen. Und handelt, wen wundert’s, von Hölderlin. „Das ist mein Held, deshalb bin ich in Tübingen.“

Aus Siebenbürgen nach Israel

Aber der Reihe nach. Robert Scheer bezeichnet sich selbst als „Achtel-Schwaben“: Seine Oma mütterlicherseits war „eine halbe Donauschwäbin“. Die Mutter stammt aus Ungarn, väterlicherseits hat Robert Scheer jüdische Wurzeln. Als er zwölf Jahre alt war, zog die Familie – er hat auch noch einen Bruder – 1985 aus dem rumänischen Siebenbürgen nach Israel. Ohne politischen Druck, sagt Scheer: „Mein Vater, ein Ingenieur, sah das Ende des Kommunismus kommen. Er befürchtete ein Chaos.“

1992 begann Robert Scheer den Wehrdienst in der israelischen Armee, wurde jedoch bereits nach zwei Monaten „wegen pazifistischer Gesinnung“ wieder entlassen. Damals sei es dort noch in vielen Berufen ein „Muss“ gewesen, zuvor in der Armee gewesen zu sein, erzählt er. „Man musste das zu 190 Prozent wollen.“ Er wollte nicht, ärgerte sich über den Kurzhaarschnitt, quittierte den Dienst. Von 1993 bis 1996 arbeitete er als Dolmetscher und Vermittler von Bauarbeitern aus dem Ausland. Mit drei Freunden gründete er dann eine Rockband, „Nutcase“, mit der er vier Monate lang durch die Clubs von London tourte. „Vetter George“, in Anlehnung an eine TV-Serie, nennt er seinen damaligen Produzenten George Glueck. Scheer traf Peter Maffay und Leslie Mandoki, ebenfalls einen Ungarn. „Es gab viele Missverständnisse“ – Produzent und Musikerkollegen hatten andere Vorstellungen, erzählt Scheer. „Ein Horror, wenn man sich verkauft. Es ist nicht gelungen, es war nicht von Herzen.“

Scheer arbeitete eine Zeitlang selbst als Musikproduzent, kam dabei auch nach Deutschland. 1999 bis 2004 studierte er an der Universität Haifa Philosophie, Kunstgeschichte sowie deutsche Sprache und Kultur, schloss mit dem Magistergrad ab. In seiner Magisterarbeit beschäftigte er sich mit Kant, Schelling und Fichte. 2002 war Scheer erstmals für einen Monat im Sprachkurs des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Tübingen.

Er las Hölderlin und Goethe, erst die englischen und hebräischen Übersetzungen, später im Original. „Ich habe diese langen Sätze gemocht.“ Von 2004 an war Scheer Doktorand am Philosophischen Seminar in Tübingen. Er wollte über Salomon Maimon promovieren, einen Philosophen der Aufklärung, der Kants Werke interpretierte.

Ein Gedicht, das kein Gedicht ist

Zunächst galt er als Lieblingsstudent des Tübinger Doktorvaters, erzählt Scheer, aber dann kam es zum Bruch. Der Professor habe in einer Krise nicht zu ihm gehalten. Die Doktorarbeit blieb unvollendet. „Ich bin heute froh, dass es nicht geklappt hat“, sagt der 37-Jährige. Für den akademischen Betrieb findet er wenig schmeichelhafte Worte, von denen „Heuchler“ eins der harmloseren ist. „Es ist nur ein Geschäft. Es ist egal, was du schreibst, es kommt darauf an, wen du kennst.“ Seine Tübinger Uni-Erfahrungen hat Scheer zu einem unveröffentlichten Schlüsselroman verarbeitet, der „Gudrun“ heißt.

Er blieb in Tübingen, ist mittlerweile hier verheiratet. Scheer kam 2008 zunächst ein paar Monate als Buchhändler in der Buchhandlung Rosa Lux unter. Damals begann er, Bücher zu schreiben. Ab Dezember 2009 bezog er ein halbes Jahr lang ein Arbeitsstipendium vom „Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg“. Heute jobbt er als Reinigungskraft und als Aushilfe auf dem Bau, weil er vom Schreiben nicht leben kann.

Noch nicht? „Ich bin kein Schriftsteller, ich schreibe nur“, sagt Scheer bescheiden. Seine Texte sind autobiografisch gefärbt. So schrieb er über seine Oma väterlicherseits, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebte, ein „Gedicht, das kein Gedicht ist“. So formuliert es Scheer in Erinnerung an Adornos Verdikt, dass nach Auschwitz keine Lyrik mehr möglich sei. Die Oma hatte für ihn und seinen Bruder ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Scheer machte daraus ein Prosagedicht in Paragraphen und Nummern, was auch die auf den Unterarmen der KZ-Häftlinge eintätowierten Nummern symbolisiere.

Vielleicht eine Chance, weil es etwas Neues ist

Sein erstes Buch soll im Herbst 2011 erscheinen, ein Frankfurter Verleger hat Interesse angemeldet. Ob es eine Sammlung von Erzählungen oder ein Roman wird, ist noch offen. Scheer will Israel und Deutschland in eine dialektische Beziehung setzen. Und Assoziationen wecken, etwa wie mit einem „Anti-Kamele-Spray“ in der veröffentlichten Kurzgeschichte. Der dialektische Blick auf Deutschland und Israel: „Das macht niemand. Vielleicht habe ich eine Chance, weil es etwas Neues ist.“

Sämtlichen Erzählungen hat er Zitate des Begründers des politischen Zionismus, Theodor Herzl, vorangestellt. „Ich erzähle, wie Israel heute ist. Ich bin mit vielem dort nicht einverstanden.“ In Israel gebe es häufig Vorurteile gegen Deutschland. „Viele schimpfen mich: Wiese machst du das?“ Der Ex-Philosoph lebt heute, frei nach Ernst Bloch, nach dem Prinzip Hoffnung. „Hoffnung ist die Hymne von Israel. Das ist eine sehr jüdische Art.“

Ex-Philosoph Robert Scheer träumt vom Durchbruch als Autor
„Ich bin kein Schriftsteller, ich schreibe nur“, sagt Robert Scheer.Bild: Faden

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04.09.2010, 12:00 Uhr
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