Stephen Kings „Es“-Verfilmung

Es ist zum Fürchten

Von MAGDI ABOUL-KHEIR

Am 21. September wird Stephen King 70. So viele Verfilmungen seiner Werke sind erschreckend schlecht, zuletzt floppte „Der dunkle Turm“. Doch nun kommt mit „Es“ ein Hit in die Kinos, der es in sich hat.

Es ist zum Fürchten

Und mit dem Clown kommt das Grauen: Bill Skarsgard als Pennywise in „Es“. Foto: Warner

Los Angeles. Eigentlich sieht man fast nichts. Ein Kind, das ein Papierboot im Rinnstein fahren lässt. Einen roten Luftballon. Das Aufblitzen einer Clownsmaske. Und doch: Dem Zuschauer stellen sich alle Haare auf, wenn er den Teaser zu „Es“ schaut, selbst wenn er Stephen Kings Roman nicht kennt. Falls er den Bestseller gelesen hat, stockt ihm sowieso der Atem. Denn dann weiß er: Das ist Es. Und Es ist das Grauen. Das absolut Böse.

Andy Muschiettis Kino-Adaption von Kings 1986 erschienenem 1500-Seiten-Opus hat vor zwei Wochen in den USA Kinorekorde gebrochen: Noch kein Horrorfilm hat an seinem Start auch nur ansatzweise so viel Geld eingespielt wie „Es“, 123 Millionen Dollar. Mittlerweile hat der Film weltweit bereits 400 Millionen eingenommen, das sind für das Horrorgenre, in dem Filme ja erst ab 16 Jahren freigegeben sind, nahezu unfassbare Zahlen. In kommenden Woche startet der Film auch in Deutschland.

Nicht nur die amerikanischen Horrorfilm- und King-Fans sind begeistert, auch die Kritiker sind des Lobes voll. Das alles ist erstaunlich, denn King und das Kino, das ist eine besondere und nicht immer besonders erfreuliche Beziehung. Klar, der Kinofan wird rasch einige brillante Adaptionen wie Brian de Palmas erschreckenden Streifen „Carrie“ und Stanley Kubricks verstörendes Irrsinnsstück „Shining“ aufzählen; da gibt es auch noch den nostalgischen „Stand by Me“, den bewegenden „Die Verurteilten“, den spannenden „Misery“ und einige weitere sehenswerte Streifen mehr. Aber gemessen an der schieren Menge an Filmen, die nach den Romanen, Stories und Ideen des so produktiven Bestsellerautors entstanden sind, sind das löbliche Ausnahmen.

Denn in den vergangenen 40 Jahren sind mehr als 200 Kino- und Fernsehfilme nach Geschichten und Motiven Kings entstanden, und es ist tatsächlich gruselig, wie viel Halbgares, Murks und Vollschrott dabei ist.

In diesem Sommer wurde dann noch die Kino-Adaption von Kings gewichtigstem Werk, der achtteile Zyklus „Der dunkle Turm“, in den Sand gesetzt. Vielleicht war der Versuch, 5600 Buchseiten in 90 Minuten Film zu bannen (wenn auch als Auftakt zu einer möglichen Kinoreihe) sowieso dem Untergang geweiht. Aber wie krude dabei mit Kings fantastischem Epos – von der Handlung über die Figuren bis zur Atmosphäre stimmte fast nichts – umgesprungen wurde, war traurig und ärgerlich: Der Film war ein Rohrkrepierer.

Ironischerweise hat das Kino-Machwerk, das allgemein als mieseste Stephen-King-Adaption gilt, der Meister aus Maine selbst verbrochen: „Maximum Overdrive“ (1986). Er war damals auf Kokain, räumte er später ein, er findet den Film heute selbst schwachsinnig. Der zuweilen unfreiwillig komische Streifen ist denn auch die einzige Regie-Arbeit des Schriftstellers geblieben, der heute seinen 70. Geburtstag feiert.

Eines ist aber wirklich auffallend: Unter den gelungeneren King-Verfilmungen sind die psychologischen Thriller, die subtileren Stories und die sanfteren Erzählungen wie zum Beispiel die Gefängnisdramen „Die Verurteilten“ und „The Green Mile“ in der Mehrheit. Dagegen enden Horror-Adaptionen – eigentlich der Kingsche Markenkern – oft als deftiger Griff ins Klo.

Weshalb das so ist? Kings literarische Stärke liegt außer in der packenden Konstruktion der Geschichten, dem Erschaffen faszinierender Charaktere und dem soghaften Stil in seiner Fähigkeit, den Leser in das Innenleben seiner Figuren zu führen. Aus der Identifikation mit oder zumindest dem seelischen Verständnis für Kings oft vom Leben gebeutelte Protagonisten entsteht der Schrecken. Leiden wird zu Mitleiden. Gekoppelt mit Kings schwarzem, aber nicht amoralischem Humor, mit seiner schonungslosen Ehrlichkeit, was menschliche Schwächen betrifft, und seinem illusionslosem Blick auf die Conditio humana packt er den Leser. Und lässt ihn nicht mehr los.

All das auf die Leinwand zu bringen, gelingt offenbar nur wenigen Drehbuchautoren und Regisseuren. Denn auch wenn Kings Schreibstil große visuelle Qualität und Kraft hat, geht sein Horror doch weit über das Sicht- und Zeigbare hinaus.

Bei „Es“ scheint all das nun aber gelungen zu sein. Das backsteindicke Buch schildert, wie das Böse alle 27 Jahre in der Kleinstadt Derry erwacht und sich junge Opfer holt – und wie sich sechs Buben und ein Mädchen, allesamt Außenseiter, die sich der „Club der Loser“ nennen, dieser finsteren Macht, die sich am liebsten in der Gestalt des Clowns Pennywise zeigt, stellen. Der Roman verknüpft furios zwei Zeitebenen miteinander: Auf der einen schildert King den Kampf der Loser gegen Es in den 50ern, in der zweiten kehren sie als Erwachsene 27 Jahre später an den Ort des Schreckens zurück, um Es ein für alle Mal den Garaus zu machen.

Der Film konzentriert sich nun auf die Handlungsebene der Kinder, verlegt sie aber in die 80er. Die jungen Darstellern wirken allesamt glaubwürdig besetzt, das unheimliche kleinstädtische Setting wirkt stimmig, und vor allem haben die Filmemacher verstanden, um was es in „Es“ essenziell geht: Es ist eine Geschichte vom Ende der Kindheit, von der Verlust der Unschuld, von der Kraft der Gemeinschaft, von Licht und vor allem Dunkelheit der Erwachsenenwelt.

Den zweiten Teil der Story wird Muschietti 2019 auf die Leinwand bringen. Stephen King hat seinen Segen bereits gegeben. Der erste Film zumindest, twitterte er, habe seine Erwartungen weit übertroffen. Das klingt ja wirklich fast zum Fürchten.


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21.09.2017 - 06:00 Uhr