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Es gab mal ein Berufsverbot

Es war jene Zeit, als im Politik-Proseminar von Prof. Klaus von Beyme ein gewisser „Kucki“, inzwischen ein in Ehren ergrauter Lehrer, landesweit durch seine Promis im Unterricht bekannt, noch forsch die „Rote Fahne“ hochhielt – als studentische Postille eher ein graues Fähnchen – und keck behauptete: Das sei die beste Zeitung der Welt. Jene Zeit, als das TAGBLATT in Studentenkreisen noch als „bürgerlich“ verschrien war.

17.04.2012

Dabei hatte in einer Donnerstagsgast-Gesprächsrunde der damalige DKP-Landesvorsitzende Hugo Machelett halboffiziell und voller Anerkennung erklärt: „Neckarprawda!“ Auf diesen vom Volksmund verliehenen Titel „können Sie stolz sein!“ Unser damaliger Chefredakteur Christoph Müller fand den dialektischen Mittelweg: „Linksliberal, mit der Betonung auf liberal“, definierte er die Blattlinie.

In jenen liberalen bis libertären Zeiten also, als die FDP noch als fortschrittliche bürgerliche Partei galt, erschien hier in Tübingen eine Dokumentation, eine 160-seitige ockerfarbene Schrift mit dem Titel: „Und schon bist du Verfassungsfeind“.

Harald Schwaderer, Agnete Bauer-Ratzel, Gert Bauer, Wolfgang Kohla, Gisela Kehrer-Bleicher, Cornelia Stoll, Anton Brenner – was für Namen, Biografien, Schicksale, Kämpfe, Debatten. Vom Verfall der politischen Kultur sprachen Tübingens liberale Hochschullehrer in Anbetracht des Erlasses radikaler Kräfte des Staates vor 40 Jahren und der dann gängigen Praxis, kritische Geister nach intensiver Gesinnungsschnüffelei aus dem Schuldienst zu werfen beziehungsweise erst gar nicht zuzulassen.

Das Groteske an dieser Geschichte war: Die in erster Linie verfolgten Spartakisten und DDR-Verteidiger standen nun wirklich fest auf dem Boden des Grundgesetzes und der Verfassung, der freiheitlich demokratischen Grundordnung, kurz FDGO. Dies zeigte sich schon an den lebhaften Debatten im Tübinger Studentenparlament, die zeitweise ein netter Oberfranke leitete, der – gestählt durch unendliche Geschäftsordnungs-Debatten und Resolutionen – später nicht von ungefähr Karriere bei der IG Metall machte.

Was ist aus all den „Berufsverbots-Fällen“ geworden? Fast hat es mitunter den Anschein, als hätte die staatliche Repression, wie man das damals in Kreisen der antirevisionistischen Linken nannte, einigen erst zu ihrer wahren Berufung und ihrem Glück verholfen. In besagter Berufsverbotsbroschüre etwa wirbt Wolfgang Kohla hinten bereits gewitzt: „Willst du alte Bekannte wiedersehen? Schau doch mal in die Kaiserhalle!“ Aus jener wurde, dank Kohla, inzwischen eine legendäre Szenekneipe.

„Man hat uns aber nicht kleingekriegt“, bilanzierte Harald Schwaderer in einem Extra-Blatt unserer Zeitung zum „beschämenden zehnjährigen Jahrestag“ des Radikalenerlasses.

Und was ist jetzt, nach vierzig Jahren? Ex-Radikale an der Regierung, die Radikalenjäger abgewählt. In Bayern wird immer noch kräftig geschnüffelt. Aber das Berufsverbot funktioniert subtiler. Viele Berufe stehen, zumal auf höherer Karrierestufenleiter, nur einem verboten kleinen Kreis von Auserwählten offen; die politischen Seilschaften im öffentlichen Dienst lassen keinen der Ihren, und sei es ein Spezi im Bankgewerbe, hängen.

Berufsverbot? Ist überflüssig geworden. Die freie Vetternwirtschaft regelt das schon.

Ernst Bauer

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17.04.2012, 12:00 Uhr
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