200 Jahre Fahrrad · Wie das Rad nach Tübingen kam

Es dauerte eine Weile nach Drais‘ Erfindung, bis die neuen Gefährte in die Unistadt kamen

Von Sabine Lohr

Da staunte der Herr Redakteur nicht schlecht, als im Mai 1869 der Fabrikant Martin nach Tübingen kam und einige Neuheiten präsentierte, die er von der Mannheimer Messe mitgebracht hatte. Darunter „eine neumodische Fahrmaschine mit 2 Rädern (sog. Velocipède), auf welcher ein Sitz angebracht ist, von wo aus der Fahrende die Maschine mit den Füßen in Bewegung setzt“, wie in der Tübinger Chronik von damals nachzulesen ist.

Es dauerte eine Weile nach Drais‘ Erfindung, bis die neuen Gefährte in die Unistadt kamen

Julius Trautwein mit Fahrrad vor künstlerischer Kulisse. Solche Räder gab es schon um 1890. Bild: Trautwein

Offenbar hatte bis dahin in Tübingen noch niemand von einem Velociped gehört, geschweige denn eines gesehen.

Mit der Laufmaschine, die Karl Drais 1817 erfunden hatte, hatte dieses Fahrrad nur noch eines gemeinsam: Dass zwei Räder hintereinander zum Gefährt wurden. Das Rad von der Mannheimer Ausstellung war schon mit Pedalen ausgestattet, allerdings am Vorderrad. Und es war so hoch, dass die Füße den Boden nicht mehr berührten. Schon allein das Aufsteigen war Akrobatik pur: Der Fahrer nahm Anlauf und grätschte dann auf den Sattel.

Ob 1869 der damals 20-jährige Mechaniker Julius Trautwein dieses Fahrwunder in Tübingen sah, ist nicht bekannt. Aber er sollte zu einem begeisterten Radfahrer und zum ersten Fahrradhändler in Tübingen werden. 1877 gründete er in der Ammergasse 12 ein Nähmaschinengeschäft, zehn Jahre später zog er in die Karlstraße 2 um und nahm unter anderem auch Fahrräder ins Sortiment. „Diese Kombination gab es oft“, weiß sein Urenkel Paul Julius Trautwein. „Nähmaschinen waren ein Wintergeschäft, Fahrräder ein Sommergeschäft.“

Aber auch 1887 war es nicht einfach, ein Fahrrad zu fahren. Zwei Arten gab es: das Hochrad mit einem enorm hohen Vorderrad, an dem die Pedale befestigt waren, und einem extrem kleinen Hinterrad – und das drei Jahre vorher erfundene Niederrad mit Kettenantrieb und gefedertem Sattel, das das Hochrad schnell ablöste. Erst dieses Niederrad, das dann endlich auch den Namen Fahrrad bekam (den vorher nur Motorräder hatten), machte das Radfahren populär. Auch in Tübingen: 1888 gründete Trautwein den ersten Radfahrerverein, der gerne „Distanzfahrten“ unternahm. Von Lustnau ging es über Bebenhausen zur Kälberstelle und zurück.

Dass die Herren – um die wird es sich überwiegend gehandelt haben – nicht nur durch die Landschaft radeln wollten, zeigt ein Antrag, der im Mai 1897 im Gemeinderat behandelt wurde. Der Verein bat um die Überlassung des Platzes beim alten Schießhaus zum Bau einer „Fahrbahn“. Dieses Schießhaus war ungefähr dort, wo heute das Fahrradgeschäft Transvelo ist. Die Radfahrer wollten dort eine kleine Rundstrecke zum Üben oder auch zum Rennenfahren. Aus den alten Unterlagen im Stadtarchiv geht leider nicht hervor, ob der Gemeinderat diesem Ansinnen zugestimmt hat. Möglicherweise war damals aber schon sicher, dass das Schießhaus nicht mehr lange stehen bleiben würde. Es wurde 1911 abgebrochen, weil es der Poststraße im Weg stand.

Radfahren durfte übrigens nicht jeder einfach so. Bevor die Fahrer auf die Straße gelassen wurden, mussten sie eine Prüfung ablegen. Trautwein gründete deshalb schon 1887 die erste Fahrradschule. Der Fahrschüler bekam, so berichtet es das SCHWÄBISCHE TAGBLATT 1954, einen Ledergurt um den Bauch gespannt, an dem vier Handgriffe befestigt waren. Während er auf dem Rad saß, hielten ihn Helfer an den Gurten fest, damit er nicht umkippte. Geübt wurde im „Hans-Karle“-Saal in der Karlstraße, später in einem Schuppen neben dem Casino in der Wöhrdstraße. Paul Julius Trautwein berichtet, dass auch die Lindenallee beim Freibad Übungszwecken diente.

Wer die Prüfung abgelegt hatte, bekam eine Fahrradkarte – ein kleines Stück festes Papier, nummeriert und mit Namen versehen, das zum Radfahren in Tübingen berechtigte und auf Verlangen vorgezeigt werden musste. Aus den Lustnauer Archivalien geht hervor, dass die Fahrradkarte No. 1, ausgestellt im Juli 1900, der ledige Maurer Karl Christian Maier bekam, die zweite der Polier Friedrich Füger und die dritte der Zimmermann Wilhelm Kehrer.

Bald schon wurden Radfahrer zum Problem. Sie kurvten zwischen Pferdekutschen, Fuhrwerken, den ersten, noch Kutschen ähnlichen, riesigen Autos (die übrigens auch Trautwein verkaufte) und Fußgängern umher. Geregelt war der Verkehr damals noch nicht. Und so erließ die Ortspolizei im Mai 1905 eine Vorschrift, die das Fahrradfahren in den Alleen verbot. Erlaubt wurde es in der Herrenberger-, Belthle-, Hölderlin-, Silcher-, Gmelin-, Wilhelm-, Mühl-, Karl-, Uhland-, Reutlinger-, Hechinger- und Rottenburgerstraße. Und: „An den Einmündungen der in das Innere der Stadt führenden Straßen, sind Tafeln angebracht mit der Aufschrift: Radfahren verboten.“ Auf den Gehwegen war das Radfahren ohnehin verboten, damals schon seit 17 Jahren.


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


30.03.2017 - 01:00 Uhr