Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Der Mann vom Staatsschutz ist heute Vorsitzender des Weißen Rings

Er observierte einst Neonazis und 68er

Ein fast legendärer Name, sowohl in der rechten als auch in der linken Szene: Engelbert. Jahrzehntelang war der Talheimer Klaus-Dieter Engelbert, 65, als Staatsschützer im Einsatz. Jetzt ist er Vorsitzender des Weißen Rings, der Kriminalitätsopfern hilft.

15.04.2012
  • Ernst Bauer

Mössingen. Seit fünf Jahren ist der zuletzt stellvertretende Leiter des Dezernats „Jugend und Sitte“ bei der Polizeidirektion Reutlingen im Ruhestand. Und bei diesem Stichwort gerät er gleich ein bisschen in Rage: Zwei Jahre vorher habe er im Staatsschutz aus gesundheitlichen Gründen aufgehört – „und wegen dieser blödsinnigen Reorganisation der Polizei, damals!“ Die ganzen Staatsschutzdienststellen im Land wurden aufgelöst, „ohne jede Not“, sie gingen innerhalb eines größeren Dezernats auf. Damit seien Leute rangekommen, „die vom Staatsschutz ziemlich unbeleckt waren“, formuliert Engelbert seine Kritik noch zurückhaltend. „Eine ganz andere Art der Kriminalität“ sei das doch, mit der man es da zu tun habe; die bedürfe einiges an Spezialwissen – und „das war bei mir nach 30 Jahren durchaus vorhanden“.

Was sagt Engelbert zur aktuellen Polizeireform? „Zum Teil ein Schritt in die richtige Richtung, weil sie die Spezialisierung wieder ins Leben ruft.“ Nur die Standortfrage sei etwas kritisch. Wenn man bedenke, dass die Kriminaldirektion für die Region nach Esslingen komme und die Polizeidirektion nach Reutlingen, gehe doch „die Nähe zu bestimmten Szenen verloren, wenn man da so weit weg sitzt“. Man sollte, rät der Experte, „die bestehenden Kriminalpolizeien in der Stärke belassen“.

Der Mann mit dem Koffer – geklaut

Berühmt-berüchtigt wurde Engelbert als „Mann mit dem Koffer“, als Polizeispitzel zu den Hoch-Zeiten des studentischen Protests in Tübingen gegen die Reform des Landeshochschulgesetzes, verbunden mit einer politischen Entmündigung von AStA und verfasster Studentenschaft. Damals, im Sommer 1973, brandete eine heftige Streikwelle durch die Hörsäle und Seminare. Erstmals in der Geschichte der Eberhard-Karls-Universität kam es zum Einsatz stärkerer Kräfte der Schutz- und Kriminalpolizei. Und Engelbert – der, wie er heute sagt, durchaus Sympathien für die demonstrierenden Studenten empfand – hatte die undankbare Aufgabe, Leute zu observieren, zu fotografieren. Von „Spitzel“ will er noch heute nicht reden. Er habe eine klar umrissene Aufgabe gehabt, nämlich eine bestimmte Gruppe zu identifizieren, „die während der Streikwoche schon Straftaten begangen hat – nicht die ganze Demo!“ Da sei ja unter anderem auch ein Pedell verletzt worden. „Von oben im Café Pfuderer die zu fotografieren, das war mein Auftrag.“

Was folgte, ging in die Geschichte der Studentenbewegung ein – und könnte den Stoff für ein Theaterstück abgeben: „Irgendwann muss mich da oben am Fenster jemand bemerkt haben“, erzählt Engelbert. „Ich dachte: Da kommst du immer noch hinten raus. Schnell habe ich mein Zeug zusammengepackt – und war dann bass erstaunt: Schon im Treppenhaus habe ich gehört, die kommen!“ Ein Bauarbeiter hatte zufällig den Hintereingang aufgeschlossen, um eine Maschine zu holen. Der verdeckte Ermittler zog sich schnell in sein Observier-Zimmerchen zurück.

„Da kommen plötzlich 10 bis 15 Leute rein – wer sind Sie? Was machen Sie hier?!“ Einer schnappte sich den Koffer von Engelbert, ihm zufolge eine gewöhnliche Aktentasche, die auf dem Tisch stand, mit Pistole, Kamera, Ausweisen drin. „Da habe ich ihm noch eine mitgegeben – sofort hingen vier, fünf an mir und haben mich zu Boden gedrückt.“ Aber, so fährt er in seiner Schilderung fort: „Ich muss sagen, sie waren anständig, sie haben mich nicht geschlagen.“

Das Ende vom Lied: Eine Anklage wegen Raubes gegen einen 28-jährigen Tübinger Sozialpädagogen, der nach drei Prozessrunden und dreiwöchiger U-Haft mit einem Freispruch davonkam. Der Polizeikoffer blieb bis heute verschwunden. Eine Geschichte, an die sich auch Engelbert „nicht gerne erinnert“. Er war ungefähr im selben Alter wie „die wildgewordenen Studenten“ damals. „Ich war ja schon ein paar Jahre beim Staatsschutz. Ich hatte durchaus Verständnis für die Belange der Studentenschaft.“ Und „ich bin da ja auch aus den eigenen Reihen kritisiert worden, wobei für mich immer klar war, dass ich in rechtmäßiger Amtsausübung tätig bin.“

In der Jugend schon einen „Flirt mit links“

Aufgewachsen ist Engelbert in Reutlingen, „wir waren eine ganz einfache Familie“, der Vater Hilfsarbeiter. Und als die „Zelle“, das selbstverwaltete Jugendzentrum, gegründet werden sollte, hat er „als 15-, 16-Jähriger mit unterschrieben“, ist dort dann auch ein- und ausgegangen. „Es gab ja nichts anderes in Reutlingen.“ Einzelhandelslehre bei Kaisers Kaffeegeschäft, 1966 zur Bereitschaftspolizei, „alles von der Pike auf gemacht“. Die scharf geschnittenen Gesichtszüge – nach einem Herzinfarkt im Vorjahr sieht der wind- und wettergestählte Ex-Kriminaler noch etwas angegriffen aus – nehmen bei der Schilderung seiner Jugendsünden auch heitere Züge an: „Ich habe durchaus einen Flirt mit links hinter mir, in meiner Jugendzeit“, erklärt der 65-Jährige. Seit vielen Jahren ist er SPD-Mitglied, Bewunderer von Altkanzler Helmut Schmidt, früher auch von Willy Brandt, mit dem er, als Personenschützer von der Kripo, bei einem Wahlkampfauftritt auf der Alb mal ein Bier trank. Selber als SPDler aktiv geworden ist Engelbert aber nur einmal – als er für den Ortschaftsrat in Talheim kandidierte. 1984 hat er im Dorf am Albrand gebaut, zog mit seiner Familie, Frau und Tochter, von Bästenhardt um, wo er seit 1979 eine Eigentumswohnung hatte. „Die günstigen Baupreise hier“ hatten ihn ins Steinlachtal gelockt.

Und als in dem kleinen Mössinger Vorort, in dem seine vor zwei Jahren verstorbene Frau lange Zeit ein Toto-Lotto-Lädchen an der Hauptstraße betrieb, im Januar 2001 „beim Griechen“ ein NPD-Landesparteitag stattfand, von einer Großdemonstration begleitet, stand der Mann vom Staatsschutz in Talheim erstmals auch beruflich auf der Matte. Was ihm nicht so angenehm war, in seinem Wohnort, wo ihn jeder kennt. Doch, so erinnert er sich: „Wir hatten die Lage jederzeit im Griff.“ Die NPD habe sich zuerst in Reutlingen versammeln wollen. „In Absprache mit dem dortigen Wirt haben wir das verhindert.“ Dann hätten die „überraschend nach Talheim verlagert“ – wo die NPD-Versammlung ebenfalls als „Geburtstagsfeier“ angemeldet, aber nicht mehr zu verhindern war. Engelbert war mit seinen Leuten vom „Abschnitt Reutlingen“ im Einsatz. „Die Einsatzzentrale haben wir bei mir in der Wohnung gehabt, bei Kaffee und Kuchen.“

Militante Nazis gibt es auch hier

Hat die Polizei da nicht die Neonazis geschützt? Das sieht Engelbert anders: „Wir konnten das ganze Ding abschirmen.“ Es habe ja eine Großdemo gegen die NPD gegeben, „mit Recht“. Aber solange die Nazis keine strafbare Handlung begingen, könne man nicht einschreiten. „Die Polizei hat immer das Problem, dass sie dazwischen steht.“ Oder fassungslos hinter den Büschen, wenn Neonazis auf ihrem Gütle feiern, wenn sie auf der Alb rechte Rockkonzerte veranstalten – hat Engelbert alles erlebt. Ob FAP oder Heimattreue Vereinigung, er hat auch die militanten Rechtsextremen hier jahrelang beobachtet. „Es ist uns durchaus gelungen, in dieser Szene einiges zu verhindern.“

Dass jetzt eine rechte Terrorgruppe namens Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) aufflog, hat ihn „im Grunde nicht groß überrascht – dass es auch mal zu einer rechtsterroristischen Bedrohung kommen wird, diesen Gedanken hatten ich und andere Staatsschützer schon lange“. Schließlich gab es schon vor 20 Jahren Anschläge „Deutscher Aktionsgruppen“. Und interessanterweise habe man bei einem führenden Rechtsextremisten der Region auch Texte der RAF gefunden.

Engelbert und die Friedensbewegung. Auch da beschritt er mitunter ungewöhnliche Wege. Über einige Jahre hat er die Proteste „da oben“ in Engstingen begleitet, „deeskalierend“ auch auf junge Soldaten eingewirkt. Mutterseelenallein sei er eines Tages zu den Blockierern ins Friedenscamp gefahren, habe den Dialog gesucht. Sein Chef habe das hinterher als „Reutlinger Linie“ verkauft. „Die Blockierer sind dann halt auf der Straße gehockt und haben gewartet – und ich habe denen gesagt: Heute passiert nichts!“

Er observierte einst Neonazis und 68er
Wohnt seit Jahren in Talheim und „begleitete“ auch die Friedensbewegung: Klaus-Dieter Engelbert. Bild: Franke

Er observierte einst Neonazis und 68er

Der „Weiße Ring e.V.“ ist eine bundesweite Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer und ihre Familien. Der gemeinnützige Verein, 1976 gegründet, hat ein flächendeckendes Hilfsnetz mit 420 Außenstellen aufgebaut. Rund 3 000 ehrenamtliche Helfer/innen stehen den Kriminalitätsopfern mit Rat und Tat zur Seite. In Tübingen und Reutlingen wurden im Vorjahr 90 betreut. Laut Klaus-Dieter Engelbert, seit 2008 hiesiger Vorsitzender, ging es vor allem um Gewaltkriminalität, Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt. Es gibt auch eine Soforthilfe bis 250 Euro und ein kostenloses Opfer-Telefon:116 006. Siehe auch www.weisser-ring.de.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

15.04.2012, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
 
Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular