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Mädchen schlagen auf 13-Jährige ein und filmen sich dabei

Entsetzen über Prügelvideo und Aufrufe zur Selbstjustiz im Netz

Ein Handyvideo sorgt derzeit auf Facebook für Aufregung: Darauf ist zu sehen, wie mehrere Mädchen in Tübingen ein anderes verprügeln. Die Polizei hat die Angreiferinnen bereits ermittelt. Im Netz häufen sich die Aufrufe zur Selbstjustiz.

20.11.2014
  • von Jonas Bleeser

Tübingen. Das Video beginnt scheinbar harmlos. Das Bild wackelt, eine Gruppe von etwa zehn kichernden Mädchen steigt eine Treppe hinauf, sie wirken aufgekratzt. Im Hintergrund ist ein Hochhaus zu sehen. Gemeinsam folgt der Pulk zwei Jugendlichen, die eine hält die andere am Arm fest. Schließlich setzt sich eines der Mädchen auf eine Bank. Die dann folgende Sequenz ist schockierend: Das andere Mädchen reißt ihr die Tasche weg, drückt ihren Kopf herunter, beschimpft sie und schlägt ihr mehrfach auf den Kopf und ins Gesicht. Kurz darauf prügelt eine weitere Angreiferin drauflos, das Mädchen geht zu Boden und wird getreten. Ihre Nase blutet. Dann bricht das Video plötzlich ab.

Zu der Schlägerei kam es bereits am vergangenen Montag um 16 Uhr im Tübinger Stadtteil Waldhäuser-Ost. Gemeinsam mit ihren Eltern erstattete die 13-Jährige noch am selben Tag Anzeige bei der Polizei. Trotz der brutalen Attacken trug sie keine schwereren Verletzungen davon. Die Angreiferinnen sind alle 13 und 14 Jahre alt. Der Anlass sei nichtig gewesen, so die Polizei. Sie ermittelt gegen zwei der Mädchen wegen gefährlicher Körperverletzung. Ob es zu einer Anklage gegen sie kommen wird, war gestern noch unklar: „Wir untersuchen gerade noch die einzelnen Tatbeiträge“, sagte Polizeisprecherin Andrea Kopp. Sollten die Angreiferinnen unter 14 Jahre alt sein, sind sie noch nicht strafmündig.

Die Angreiferinnen zu identifizieren, fiel der Polizei nicht schwer. Denn noch am selben Nachmittag hatte eine aus der Gruppe das Video von der Attacke auf Facebook hochgeladen. Damit könnte sie sich strafbar gemacht haben, obwohl sie nicht selbst zuschlug: „Das Filmen kann als Beihilfe zur Tat gewertet werden“, sagte der Sprecher der Tübinger Staatsanwaltschaft Ronny Stengel.

Im Netz verbreitete sich der Film rasant: In zahlreichen Facebook-Gruppen wurde er geteilt und zigtausende Male abgerufen. Die Empörung über die Tat schlägt hohe Wellen. Oft stehen mehrere hundert Kommentare unter dem vielfach kopierten Video, in denen Facebook-Nutzer ihrer Wut Luft machen. Viele Postings sind hasserfüllt und rufen zur Gewalt gegen die Mädchen auf, die auf dem Video zu sehen sind. Es gibt eine eigene Seite, auf der eine der Schlägerinnen mit vollem Namen genannt wird. Teilweise sind dort Ausschnitte aus Chats zu sehen, die angeblich über den Nachrichtendienst Whats App mit ihr geführt wurden. Auch Handynummern von angeblich Beteiligten wurden veröffentlicht. Auf der Seite hatten gestern bereits über 1500 Leute angeklickt, dass ihnen das gefällt.

Die Polizei verurteilt die Aufrufe zur Selbstjustiz scharf: „Das ist genau so wenig zu tolerieren wie die Tat selbst“, sagte Polizeisprecherin Kopp. Man werde gegebenenfalls wegen Bedrohung ermitteln. Staatsanwaltschafts-Sprecher Stengel geht davon aus, dass auch eine Anzeige wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Aufruf zu Straftaten in Betracht kommt: „Wenn einer im Internet sagt, ,Die bring‘ ich um‘, da sehen wir den Anfangsverdacht einer Straftat.“ Darauf stehe Geldstrafe oder bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe.

Für das verprügelte Mädchen dürfte besonders schlimm sein, dass der Angriff auf sie nun von Zigtausenden gesehen wird. Sowohl sie selbst als auch die Polizei haben sich an Facebook mit der Bitte gewandt, das Video zu löschen. Auf einigen Seiten verschwand es gestern Nachmittag, war aber trotzdem noch häufig zu finden. Facebook reagierte gestern nicht auf eine TAGBLATT-Anfrage, warum das Video nicht überall entfernt wird.

An der Geschwister-Scholl-Schule, an der das verprügelte Mädchen Schülerin ist, soll die Prügel-Attacke heute Thema im Unterricht sein. Denn der Vorfall hat offenbar eine Vorgeschichte: In den vergangenen zwei Wochen seien mehrfach Jugendliche anderer Schulen auf dem Gelände aufgetaucht und hätten „in unfreundlicher Weise den Kontakt zu Schülern gesucht“, wie es der Sprecher der Schulabteilung des Regierungspräsidiums Stefan Meißner ausdrückt. Auch wenn der Angriff nicht auf dem Schulgelände selbst stattfand, gehe es nun darum, den Schülern die Angst vor Übergriffen zu nehmen. Viele hätten das Video im Netz gesehen: „Wenn sich in der Nähe Gewalt ereignet, ist das ein großes Thema.“ Für Gespräche stünden deshalb heute Schulpsychologen bereit. Besorgte Eltern können sich an eine Hotline wenden.

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20.11.2014, 12:00 Uhr
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