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Engagierte Hilfe im Rotlichtviertel
Maria Kaiser und ihre Mitstreiterinnen versuchen Prostituierten ein paar angenehme Stunden zu verschaffen. Foto: Ferdinando Iannone
Soziales

Engagierte Hilfe im Rotlichtviertel

Maria Kaiser aus Stuttgart kümmert sich seit 15 Jahren um Prostituierte. Für ihren Einsatz ist die 73-Jährige jüngst von der Katholischen Kirche mit der Martinusmedaille geehrt worden.

02.12.2017
  • CAROLINE HOLOWIECKI

Stuttgart. Eleganter Goldschmuck, ein flotter Haarschnitt, pinkfarbener Lippenstift zum pinkfarbenen Pullover. Ihre 73 Jahre sieht man Maria Kaiser nicht an. Sie geht gern ins Theater, pflegt ihren Garten in Stuttgart-West und treibt Sport beim MTV. Eine agile Seniorin mit einem burschikosen Humor, die mitten im Leben steht – aber die es immer wieder zu denen am Rand der Gesellschaft zieht. Seit 15 Jahren engagiert sie sich im Café La Strada (zu Deutsch: die Straße) im Rotlichtviertel für Prostituierte.

Während zwei hauptamtliche Sozialarbeiterinnen die Frauen beim Ausstieg unterstützen oder sie zum Arzt oder zur Polizei begleiten, sind die bis zu 20 Ehrenamtlichen, deren Sprecherin Maria Kaiser ist, in erster Linie dafür da, den Callgirls ein paar angenehme Stunden zu bescheren. Im Caritas-Café können die Frauen sich zweimal die Woche abends aufwärmen, ausruhen, etwas essen. Für viele sei es die einzige warme Mahlzeit am Tag. Auch eine Kleiderkammer gibt es, bestückt mit Spenden. „Wir nehmen vor allem alles, was blitzt und blinkt“, sagt Maria Kaiser, etwas Geschirr, eine Bettdecke oder ein Kuscheltier wechseln hier ebenfalls schon mal den Besitzer. Männer haben keinen Zutritt. Die Zuhälter akzeptierten das, sagt Maria Kaiser. Nur ab und an klingelt ein Handy. Dann schnappt sich die Angerufene kostenlose Kondome und Gleitgel und eilt zurück in die Nacht.

Jüngst wurde Maria Kaiser von der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit der Martinusmedaille geehrt. Benannt ist die Auszeichnung nach Sankt Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hat. Es geht um Nächstenliebe. Unter den elf Geehrten war sie die einzige ohne Kirchenamt.

„Ich habe 43 Jahre am Stück gearbeitet. Danach wollte ich etwas Sinnvolles tun.“ Drei Jahre hat Maria Kaiser sich zunächst mit einer Freundin als Grüne Dame im Katharinenhospital eingebracht – bis ihr die Arbeit mit Kranken und Sterbenden zusetzte. „Meine Freundin hat dann gesagt: Komm, wir gehen zu den Nutten“, sagt sie auf ihre entwaffnende Art. 15 Jahre später sind sie und ihre Freundin immer noch da. Einige der Huren kennt Maria, wie alle im La Strada die Seniorin nennen, genauso lang.

Obwohl das Café erst um 19 Uhr öffnet, beginnt der freiwillige Einsatz früher. Einkaufen, kochen und mehr. Gerade schnürt das Team 40 bis 50 Wichtelpäckchen, die die Besucherinnen bei der Weihnachtsfeier bekommen. Kosmetik kommt hinein, Süßes, Modeschmuck. Hier im Leonhardsviertel schaffen laut Kaiser nur die Armutsprostituierten an. 130 bis 160 Euro zahlten die pro Tag für ein Zimmer im Laufhaus. 30 Euro gebe es für einmal Sex, „wenn die Frau lang nichts eingenommen hat, macht sie es auch für zehn Euro und ohne Kondom“. Über eine Gesichtscreme oder ein Shampoo freuen sich die, die kaum etwas haben, besonders.

Die 73-Jährige ist maßgeblich für die Beschaffung der Sach- und Geldspenden zuständig. Dafür fahre sie schon mal 150 Kilometer weit. Ihre Routine hilft, Unterstützer bei der Stange zu halten. Alle hat sie schon persönlich ins Café eingeladen. Auch Freundinnen, die anfangs gelästert hatten, hat sie ermutigt, sich ein Bild zu machen. Die Sprüche haben danach aufgehört.

Auch der zupackenden Maria Kaiser schwindet mal die Kraft. „Wenn eine wieder blaugeschlagen ist“ oder wenn sich die Frauen zanken, weil eine zwei Mandarinen statt nur einer genommen hat. „Manchmal komme ich abends nach Hause, gieße mir ein Glas Wein ein und denke: Mir geht es so gut“, sagt sie und seufzt. Am nächsten Tag geht sie trotzdem wieder hin. Aus Überzeugung und mit einem Lächeln im Gesicht, „denn wenn ich jedes Mal missmutig herkomme, tue ich mir nichts Gutes und den Frauen auch nicht“.

Angst habe sie nachts im Rotlichtviertel nie, unangenehm werde es nur, wenn sie dort ein bekanntes Männergesicht entdecke. Einige Male hat sie sich schon versteckt, sagt sie augenzwinkernd. Solange sie körperlich fit sei, wolle sie La Strada treu bleiben. „Ich könnte es mir leichtmachen und mich bei einem Basar hinter einen Tisch stellen“, sagt Maria Kaiser. Stattdessen zieht es sie auf die Straße. Da werde sie gebraucht.

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02.12.2017, 06:00 Uhr
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