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Endstation „Dortmund, Hotelzug“

Von STELLA VENOHR, DPA

Der Sturm „Herwart“ bringt den Bahnverkehr in den norddeutschen Bundesländern für einen ganzen Tag zum Erliegen. Gestrandete Reisende schlagen die Zeit im Zug im Hauptbahnhof tot.

Endstation „Dortmund, Hotelzug“

Pils und Weizen und Zeit zum Warten: gestrandete Fahrgäste im Hotelzug in Dortmund. Foto: dpa

Dortmund. Ein Schild über dem Gleis am Dortmunder Hauptbahnhof zeigt es an: Hier steht ein Hotelzug. „Wir wollten auf die Reeperbahn in Hamburg“, sagt Wolfgang Regert aus Duisburg. „Da hat uns das Unwetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber feiern und Spaß haben können wir auch hier.“ Der Service sei gut, die Bahnmitarbeiter sehr hilfsbereit.

Im Hotelzug finden Bahnreisende neben anderen Wartenden, die wegen des Sturmtiefs „Herwart“ am Sonntag im Dortmunder Hauptbahnhof gestrandet sind, eine Anlaufstelle. Denn Fernzüge in Richtung Norden enden oft schon in Dortmund, weil die Deutsche Bahn den Zugverkehr in mehreren Bundesländern eingestellt hat.

Den Fernverkehr kann die Bahn heute erst wieder aufnehmen. Zuerst müssen Bäume von Schienen entfernt und Oberleitungen repariert werden. Hamburg, Bremen, Kiel, Hannover und Berlin waren gestern mit Fernverkehrszügen nicht zu erreichen. Auch der Nahverkehr in Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Teilen Schleswig-Holsteins war gestern Morgen größtenteils eingestellt worden.

„Wir wollten von der Arbeit aus zu einer Städtereise nach Hamburg“, sagt Christine John am Mittag. Stattdessen sind sie und ihre Kollegen seit 8 Uhr am Dortmunder Hauptbahnhof und kommen nicht weiter. Trotzdem ist die Laune der Gruppe nicht im Keller: „Das ist halt höhere Gewalt und wir werden hier gut versorgt.“

Während sich 70 gestrandete Fahrgäste im Hotelzug die Zeit vertreiben, tobt „Herwart“ von der Nordseeküste bis nach Polen und Tschechien mit bis zu 176 Stundenkilometern. Umgestürzte Bäume blockierten nicht nur den Bahnverkehr, sondern auch Straßen.

Vier Menschen starben. Ein 63-jähriger Mann hatte am Samstagabend trotz Sturmflut-Warnung mit seinem Bruder in einem Bulli auf einem Campingplatz am Jadebusen in Niedersachsen übernachtet. Als die Sturmflut kam, wollte er zu Fuß weglaufen. Er wurde gestern Morgen ertrunken gefunden. Der Bruder (59) hatte sich an einem Mast festhalten können, er wurde von einer DLRG-Schlauchbootbesatzung geborgen.

In der polnischen Woiwodschaft Westpommern starb ein Mann bei einem sturmbedingten Autounfall, in Trebic in Tschechien wurde eine Frau im Wald von einem Baum erschlagen. Ebenfalls von einem stürzenden Baum wurde in Jicin ein Mann getötet. Auf dem Peenestrom in Mecklenburg-Vorpommern wurde ein Motorbootfahrer vermisst.

„Der Zug steht hier in Dortmund auf unbestimmte Zeit“, sagt Haldun Güzel von der DB Fernverkehr Köln. „Die Passagiere müssen vor allem mit Informationen versorgt werden und einen Platz zum Warten haben.“

Die Wartezeit zu nutzen versuchen die Auszubildenden Jonathan Schmoll und Isabelle Rohse. Sie wollten zum Familienbesuch von Bonn nach Heide fahren. Seit 4 Uhr morgens sind sie unterwegs. „Es ist schon nervig, aber wenn wir draußen warten müssten, wäre es schlimmer“, sagt Isabelle. „Hier im Hotelzug können wir zumindest etwas für die Schule lernen.“ Stella Venohr, dpa


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30.10.2017 - 06:00 Uhr