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Aus der scheinbaren Sicherheit ins Nichts geschickt

Eine Tübinger Familie wurde nachts aus den Betten geholt und in den Kosovo verfrachtet

Zum Entsetzen nicht nur der ehrenamtlichen Helfer wurde eine fünfköpfige Familie in einer „Nacht- und Nebelaktion“ in den Kosovo abgeschoben.

20.11.2016
  • Philipp Koebnik

Elmedina Islami mochte es besonders, zu malen und zu zeichnen. Lebenslustig war sie, neugierig und interessiert. Oft ist sie mit ihrer besten Freundin Maham, einem Mädchen aus Pakistan, in die Stadtbücherei gegangen, um zu schmökern. Dieser scheinbar unbeschwerte Alltag fand nun ein jähes Ende. Ihre Freunde wird Elmedina wohl nie wieder sehen. Vor vier Wochen wurden das elfjährige Mädchen, ihre Eltern und zwei Geschwister nachts aus den Betten geholt und in den Kosovo abgeschoben.

„Für meine Kinder wäre das Leben in einem deutschen Gefängnis besser gewesen“, sagte der verzweifelte Vater Sevdaim dem TAGBLATT. In ihrer jetzigen Behausung hätten sie nur sechs Stunden Strom am Tag. Einen Job zu finden sei aussichtslos. „Es gibt hier so viel Armut, so viel Korruption.“ Der Kosovo habe keine Zukunft.

Die muslimische Familie war Anfang 2015 nach Deutschland gekommen. Die Islamis sind das, was man gemeinhin „Wirtschaftsflüchtlinge“ nennt. Der Vater fand in seiner Heimat keinen geregelten Job. Er schlug sich durch, indem er Schrott sammelte und verkaufte.

In Tübingen besuchte Elmedina die Grundschule Lindenbrunnen, seit September 2015 die Gemeinschaftsschule West. Erst war sie in einer Internationalen Vorbereitungsklasse. Weil sie so schnell Deutsch lernte, nahm sie ab Februar 2016 am Regelunterricht der Klasse 5 teil. „Sie war sehr motiviert“, sagt die Lehrerin der Vorbereitungsklasse Herta Albus. Elmedina sei voll integriert gewesen und habe schnell Freunde gefunden.

„Sie hat sich sehr bemüht, so etwas habe ich selten erlebt“, berichtet auch der ehemalige Klassenlehrer Martin Vagts-Gawaleck. Verantwortungsbewusst und diszipliniert sei die Elfjährige gewesen. „Der Rest der Klasse hätte sich eine Scheibe davon abschneiden können.“ Das gelte auch für Elmedinas soziales Engagement: So habe sie den Mitschülern geholfen, wenn diese nicht weiterkamen. Außerdem scheute sie sich nicht, Dienste wie das Tafelputzen und Aufgaben im „Klassenrat“ zu übernehmen.

Der Vater hat als Ein-Euro-Jobber im Landratsamt geputzt. Auch er sei „extrem engagiert“ gewesen, sich in die Gesellschaft seiner vermeintlich neuen Heimat einzubringen, berichtet Yasemin Straub. Die 28-jährige Studentin begleitete ihn seit Juni 2015 bei Behördengängen und übte Deutsch mit ihm.

„Im Mai ist Elmedina weinend zu mir gekommen“, berichtet Albus. Der Asylantrag war abgelehnt worden. Die Familie legte daraufhin Widerspruch ein. Nach den Sommerferien war unklar, wie es weitergeht. „Elmedina wollte sich melden, sobald sie etwas weiß.“

Doch dazu kam das Mädchen nicht mehr. In der Nacht auf den 25. Oktober stürmten Polizeibeamte in die Unterkunft in der Wilhelm-Keil-Straße und weckten die fünfköpfige Familie. Mitnehmen durften sie nur Handgepäck. Zurücklassen mussten sie etwa Elmedinas Fahrrad. Auch der Kinderwagen für die vor anderthalb Jahren hier geborene Sara blieb in Tübingen. „Sie wurden zu einem Sammelplatz beim Fußballstadion in Reutlingen gebracht und von dort mit dem Bus nach Baden-Baden gefahren, von wo man sie ausflog“, beschreibt die Lehrerin die nächtliche Aktion.

„Von der Abschiebung haben wir nur durch die Ehrenamtlichen erfahren – und das, obwohl doch für die Kinder Schulpflicht besteht“, ärgert sich Albus. „Die Schüler waren schockiert, wir mussten viel darüber reden“, schildert Vagts-Gawaleck das allgemeine Entsetzen. Eine solche „Nacht- und Nebelaktion“ verletze die Menschenwürde, findet Albus, und fügt hinzu: „Wenn ich höre, sie wurden auf einen Sammelplatz gebracht, erinnert mich das an ganz andere Zeiten in Deutschland.“

Die Familie habe einen Integrationswillen bewiesen, wie es wenige täten. Fast zwei Jahre lebten die Islamis hier – „für Kinder eine Ewigkeit“. Nun sei die Familie „komplett entwurzelt“ worden. „So führt der Rechtsstaat zu Grausamkeit“, sagt die Lehrerin ernüchtert.

Am Dienstagabend trafen sich Ehrenamtliche im Asylzentrum mit dem grünen Landtagsabgeordneten Daniel Lede Abal, um über die derzeitige Abschiebepraxis zu diskutieren. „Kinder einem solchen Schockerlebnis auszusetzen, heißt, eine Körperverletzung in Kauf zu nehmen“, sagte die Sozialpädagogin Silvia Schlößer-Ott. Denn so etwas könne dazu führen, dass die Kinder wieder einnässen, Kopfschmerzen oder Verdauungsprobleme bekommen. Vor allem aber würden sie durch diese rabiate Praxis erneut traumatisiert.

Der neunjährige Enis Islami war bei Schlößer-Ott in der Sandspieltherapie, wo er das Trauma der Flucht verarbeitete. Immerhin war die Familie mit der schwangeren Mutter Xhemile über die gefährliche Balkanroute nach Deutschland gekommen. Den sichtbaren Therapieerfolg habe die Abschiebung zunichte gemacht. Mehr noch: „Bei den Mitschülern wurde das Grundvertrauen in den Staat erschüttert oder gar zerstört“, so Schlößer-Ott.

„Gezielt Kinder zu missbrauchen, um andere abzuschrecken, ist völlig inakzeptabel“, kritisierte der Mitbegründer des AK Asyl Südstadt, Diakon Bernward Hecke. Es sei kein Zufall, dass die Familie nachts abgeholt wurde. Dieses Vorgehen verängstige die übrigen Bewohner der Unterkunft.

„Wir haben den Vorrang der freiwilligen Ausreise in den Koalitionsvertrag reinverhandelt“, sagte Lede Abal. „Wir müssen immer wieder prüfen, ob wir dem gerecht werden.“ Die nächtliche Abschiebepraxis wolle er beim Innenministerium zur Sprache bringen.

Für den Vollzug von Abschiebungen ist das Regierungspräsidium Karlsruhe zuständig. Pressesprecher Uwe Herzel sagte dem TAGBLATT, die Abschiebung sei „nicht ganz überraschend“ gekommen, schließlich hätten die Eltern die freiwillige Ausreise verweigert. Und weiter: „Die Ausübung einer Beschäftigung, Schulbesuch von Kindern oder sonstige Integrationsmaßnahmen führen nicht per se zu einem Aufenthaltsrecht.“ Zu der nächtlichen Abschiebung sagt er: „Es ist zu berücksichtigen, dass die rückgeführten Personen zu normalen Büro- und Geschäftszeiten in ihrem Heimatland ankommen sollten, um notwendige Erledigungen und organisatorische Maßnahmen dort noch durchführen zu können und um vom Flughafen zum Heimatort reisen zu können.“ Ankündigen dürfe man ihnen die Abschiebung nicht.

Die Familie wurde buchstäblich ins Nichts geschickt, finden die Ehrenamtlichen. Sie haben Geld gesammelt, damit die Islamis sich wenigstens Feuerholz kaufen konnten.

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20.11.2016, 17:45 Uhr
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