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Unten drunter, oben auf: Textilfirma Speidel behauptet sich

Eine Portion Osteuropa, eine Prise Asien und viel Bodelshausen

Obwohl die heimische Textil-Industrie seit Jahrzehnten unter weltweitem Konkurrenzdruck steht, behauptet sich Speidel aus Bodelshausen recht erfolgreich: ein Firmen-Porträt zum 60. Geburtstag des Unternehmens.

01.10.2012
  • von Eike Freese

Eine Portion Osteuropa, eine Prise Asien und viel Bodelshausen
Alles nahtlos, alles rund: Hans-Jürgen Speidel (links) an einer von 115 Strickmaschinen am Stammsitz des Wäscheproduzenten Speidel. Am Freitag hatten die Spezialisten für unten drunter Besuch zum 60. Geburtstag der Firma. Neben Bürgermeister Uwe Ganzenmüller waren etwa Hauptamtsleiter Kurt Lacher und Gemeinderätin Erika Dürr zu Gast (von links).Bilder: Franke/ST

Bodelshausen. Ein kleines Textil-Mekka ist Bodelshausen noch immer. Vorbei sind zwar die 1950er und -60er-Jahre (damals dominierte die südlichste Gemeinde im Landkreis mit rund zwanzig Trikotagen-Betrieben klar), und die Textil-Krise des späten 20. Jahrhunderts hat Firmen wie Möbus, Maute, Fauser und Nill lange gefressen. Doch Unternehmen wie Marc Cain und Speidel sind weiter vor Ort. Die Bodelshäuser Wäsche-Produzenten sind im 60. Jahr mit Teilen für unten drunter noch immer oben auf – und Hans-Jürgen Speidel glaubt, dass das in Bodelshausen auch so bleiben wird: „Wir sind hier nah am Verbraucher“, sagt Speidel. „Und nah an Zulieferern.“

Rund 200 Beschäftigte arbeiten im Schnitt am Stammsitz an der Paul-Gerhardt-Straße. Rund zwei Drittel als Arbeiterinnen und Arbeiter, ein paar Dutzend als Aushilfen. Das Unternehmen ist weiter in Familienhand: Auch Günter Speidel und Gisela Geißler, geborene Speidel, sind geschäftsführend tätig, Sylvia Speidel ist Chefdesignerin, Swenja Speidel verantwortet die neun so genannten Retail-Shops, in denen der Wäschehersteller seine Stücke direkt verkauft. Hans-Jürgen Speidel ist Technik- und Produktionschef – und für die Werke in Ungarn und Rumänien zuständig.

Ohne Ostproduktion scheint es nicht zu gehen. Speidel hat schon Ende der 80er-Jahre an der österreichisch-ungarischen Grenze Konfektionsware herstellen lassen, knapp zehn Jahre später neu gebaut. Auf 5500 Quadratmetern arbeiten dort aktuell rund 350 Frauen und Männer. Das zweite Werk Focsani liegt in Ost-Rumänien: 3500 Quadratmeter, 200 Beschäftigte.

Eine Portion Osteuropa, eine Prise Asien und viel Bodelshausen
Das Speidel-Firmengelände in Bodelshausen.

Bei den EU-Nachbarn werden die arbeitsintensiven Schritte der Produktion gemacht: Jeden zweiten Tag fährt ein Laster mit BH-, Top- und Unterhosen-Teilen nach Ungarn, einmal die Woche nach Rumänien. Dort sitzen meist Frauen an Nähmaschinen und fügen die Ausschnitte zusammen, bevor sie wieder ins 1,5-Millionen-Teile-Lager nach Bodelshausen kommen.

Was davor passiert, ist Sache der Maschinen – und die summen in Deutschland. 115 Strickautomaten verarbeiten in der Bodelshäuser Zentrale Garn aus Deutschland, Italien, Österreich und Griechenland zu rund 80 Tonnen Gewebe im Monat. Für die schiere Menge der Maschinen gibt es einen einfachen Grund: Unterwäsche ohne Nähte bedeutet eine riesigen Bedarf an unterschiedlichen Textil-Schläuchen, aus denen letztendlich die Rohlinge für das fertige Modell gestanzt werden. Es gibt Apparate für Taillenumfänge von 68 bis 127 Zentimetern.

Auch diese Technik kommt zum größten Teil aus der Region: die Nadeln etwa kommen aus Ebingen – und ein Tailfinger Unternehmen wie Mayer und Cie hat auf Speidel-Auftrag hin den feinen E 36-Rundstricker entwickelt: 36 Nadeln auf rund 2,5 Zentimeter. „Wir müssen beim Fortschritt allerdings die Kunden im Blick behalten“, so Hans-Jürgen Speidel. „Manche Gewebe waren so fein, dass sie nicht mehr blickdicht waren – die wollten dann auch nicht mehr viele kaufen.“

Auch gebleicht und gefärbt wird bei Betrieben in der Umgebung. Aus dem veredelten Rohstoff schneiden und stanzen dann die Bodelshäuser Beschäftigten jeden Tag etwa 65 000 Teile für die Näherinnen in Osteuropa. 15 Millionen Stück Wäsche waren es im Jahr 2011. „Was wir hier machen können, machen wir hier“, so Speidel. „Die Zentralität hat für uns viele Vorteile.“ Nur die Miederwaren – nach Schnitt aus der Bodelshäuser Design-Abteilung – landen komplett und fertig aus Fernost im Lager an der Paul-Gerhardt-Straße.

Von hier aus versenden die Bodelshäuser ihre Produkte. Hauptsächlich in Deutschland – der Exportanteil etwa nach Österreich, Benelux, Skandinavien, Ost- und Südeuropa beträgt rund 15 Prozent. Und meist versendet Speidel zugeschnitten auf den aktuellen Bedarf der Abnehmer: „Die Kunden wollen ihre eigenen Lager entlasten, deshalb müssen wir hier mehr tun“, sagt Hans-Jürgen Speidel. „Wir müssen und können aus der Nähe aber auch einen Vorteil schlagen – schließlich bekommen die Kunden aus Asien nur Container. Wir müssen die Ware dagegen mundgerecht servieren.“

Im Rathaus sind sie froh, dass mit dem Gewerbesteuer und Arbeitsplätze schaffenden Wäscheproduzenten in Bodelshausen die Textilindustrie noch vor Ort ist. „Nach dem Krieg konnte die Branche hier von den Fähigkeiten und der Zahl der vielen Flüchtlinge profitieren“, sagt der geschichtskundige Bodelshäuser Hauptamtsleiter Kurt Lacher. Später wurde das starke Übergewicht so genannter „Frauen-Arbeitsplätze“ für Bodelshausen sogar zum Problem. Die Gemeinde reagierte darauf mit Raum für neue Branchen. „Monostrukturen in der Wirtschaft“, so Lacher, „sind selten gesund für einen Ort.“

Mit rund 200 Beschäftigten am Stammsitz in Bodelshausen erwirtschaftete Speidel zuletzt einen Umsatz von rund 40 Millionen Euro. Das operative Ergebnis (EBIT) lag etwa im Jahr 2009 bei rund 2,9 im Jahr 2010 bei rund 3,3 Millionen Euro. Das Unternehmen beschäftigt bei zwei 100-Prozent-Töchtern in Ungarn und Rumänien noch einmal rund 350 und 200 Arbeitskräfte. Speidel verkauft unter eigenem Namen, liefert aber auch für andere Marken. Etwa ein Sechstel der Produktion wird exportiert.

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01.10.2012, 12:00 Uhr
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