Liselotte geht es wieder gut

Eine Nehrenerin hat einen schwer verletzten Igel aufgepäppelt

Von Jürgen Jonas

Das Tierchen war schon verloren geglaubt, jetzt ist es wieder auf den Beinen.

Eine Nehrenerin hat einen schwer verletzten Igel aufgepäppelt

Liselotte in den helfenden Händen von Heide-Rose Grote: Wohl genährt mit Katzenfutter und Mehlwürmern. Bild: Rippmann

Ein Morgen im Oktober. Um Viertel nach sechs auf dem Verbindungsweg zwischen Nehren und Ofterdingen, hinter dem Neubaugebiet Südwest-Ehrenberg. Es ist noch dunkel. Liselotte ist unterwegs, sie will zurück zu ihrem Unterschlupf. Die Futtersuche war erfolgreich für den Igel. Da geschieht das Furchtbare. Ein Auto rast heran, Liselotte will sich noch retten. Aber es ist zu spät. Das Blechding erwischt sie am Kopf, aus den Augen und der Nase tritt Blut. Der Fahrer hält nicht an. Liselotte bleibt liegen.

Zu diesem Zeitpunkt hieß die Igeldame allerdings noch gar nicht so. Getauft hat sie Heide-Rose Grote, die gute Fee des Stacheltieres. Sie hat auf einem Spaziergang die Kollision beobachtet, lief hinzu, hob den Igel auf, lief mit ihm zu ihrem Haus, legte das schwerverletzte Tier in einen Korb und schaffte ihn im Eiltempo nach Tübingen zu einer Tierärztin, zu der Grote schon viele Jahre geht. Der Igel bekam zwei Spritzen, aber keine günstige Prognose. Fast acht Stunden war er in der Praxis, dann holte man ihn wieder nach Nehren. „Auf der Rückfahrt schaute mich das Tier an und ich wusste: Sie wird es schaffen.“

Liselotte bekam Arnika und Schmerzmittel, zur Beruhigung Bachblütentropfen für Tiere. Die Blutung endete rasch, von Tag zu Tag ging es besser. Es gab Katzen- und Igelfutter, auch Mehlwürmer.

Jetzt lebt Liselotte im Garten der Familie Grote, gemeinsam mit den Artgenossen Wusel, dem jungen Karlchen und einem Exemplar, für das noch kein Name gefunden wurde. Sie werden gefüttert und umhegt.

Tiere sind hier willkommen. Im Haus leben noch, in einer überaus reich bestückten Voliere, zwei handzahme Graupapageien, Zsuzsu und ihr Gefährte Paule, zweisprachig, englisch und deutsch. Paule sagt: „Hey, Rocky, komm her!“ Rocky ist eine Mischung aus Pekinese und Mops, er empfängt die Besucher des Hauses, schaut mit seinen großen Augen genau darauf, was vor sich geht. Der andere Hund und die Katze sind verstorben, aus Altersgründen.

Heide-Rose Grote kommt von den „Oiertrepplern“, stammt also aus Derendingen, wo sie schon als junges Mädchen Tiere hielt und dem Tierschutzverein half. Ihr Mann Klaus, seit 38 Jahren bei den Stadtwerken in Tübingen, kommt zwar aus Hameln, ist aber in der Unistadt aufgewachsen.

Die Papageien sprechen mit seiner Stimme. Seit dreizehn Jahren wohnt die Familie „im schönen Nehren“, seit sieben Jahren gibt es die Firma „Haushaltsperle“, die von den beiden Töchtern betrieben wird. Natalie hat eigentlich die Gesellenprüfung als Malerin abgelegt, Jacqueline ist Möbelschreinerin. Sie bieten Hilfe bei allem an, was im Haushalt anfällt, vom Einkauf über Behördengänge und Fahrten zum Arzt bis zur Kleintierpflege. Die Mutter unterstützt sie dabei, sie weiß Rat, wenn es etwa gilt, Pflegestufen zu beantragen. Die älteren Leute, die sie betreuen, werden von den Grotes immer vor Weihnachten eingeladen und mit dem „Schwaben-Express“ abgeholt, dann wird im Haus gemeinsam gefeiert.

Grund zur Beschwerde gibt es auch. „Der Autoverkehr hier ist eine traurige Sache.“ Alles, was derzeit nicht auf der L384 fahren kann, wälzt sich durchs Dorf, die enge Gartenstraße hoch und runter. „Wir können kaum unser Auto ausladen.“ Beschwerden beim Regierungspräsidium hatten keinen Erfolg. Auf den Fahrer des Autos, das Liselotte fast tötete, ist Grote sowieso nicht gut zu sprechen. Er hat, so schien es ihr, „extra noch einen Schlenker gemacht“, nicht um auszuweichen, sondern um das Tier zu treffen. Unvorstellbar.

Igel gehören zu den bedrohten Tierarten. „Die Leute sollten viel mehr für die Igel tun“, bittet Heide-Rose Grote. Zum Beispiel den Garten nicht gerade und akkurat ausrichten, sondern auch mal einen Laubhaufen liegen lassen. Und ein Wasserschälchen hinzustellen. Dazu Katzenfutter mit Haferflocken, Weizenkleie oder Rührei. Das schnabulieren Igel gerne. An die Autofahrer richtet Grote, nicht nur im Hinblick auf straßenquerende Igel, die Bitte: „Seid wachsam!“


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11.11.2017 - 01:00 Uhr