Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Minderjährige Flüchtlinge leben in betreuter Wohngemeinschaft

Ein sicheres Zuhause in der Tübinger Südstadt

Im Kreis Tübingen leben aktuell 48 Kinder und Jugendliche, die allein auf der Flucht waren, ihre Familien verloren haben oder deren Eltern getötet wurden. Acht Kinder und Jugendliche wohnen in einem neuen Projekt der Martin-Bonhoeffer-Häuser.

08.10.2015
  • Ute Kaiser

Tübingen. Hamza aus Algerien und Adam aus Äthiopien waren aufgeschlossen. Die 17-Jährigen luden am Dienstagabend die Gäste eines Infoabends der Martin-Bonhoeffer-Häuser (MBH) ein, sich ihr Zimmer in der Paulinenstraße anzusehen. Im zweiten und dritten Stock des ehemaligen Gasthauses leben acht 13- bis 17-Jährige seit drei Wochen in einer Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF). Es gibt drei Zweier- und zwei Einzelzimmer.

Im Flur hängt ein Putzplan. Jeden Tag sind Bewohner für die Sauberkeit in den Bädern der zwei Stockwerke zuständig. Fünf Hauptamtliche mit Teilzeitstellen – Sozialpädagogen bis Jugend- und Heimerzieher – begleiten die Jugendlichen rund um die Uhr und kooperieren mit Organisationen wie Refugio und Ämtern. Unterstützt werden sie von Hamudi, der sein Freiwilliges Soziales Jahr leistet.

Eine der Kooperationspartnerinnen ist Monika Scholz vom Kreisjugendamt, Vormund von drei Jugendlichen im Haus. Scholz hat sieben Mündel, Kollegen von ihr bis zu 25. Im Kreis Tübingen dürfen Ehrenamtliche nicht Vormund werden. Scholz trifft sich mindestens einmal pro Monat mit ihren Schützlingen. In den Gesprächen geht es um wichtige Entscheidungen wie etwa, ob ein Asylantrag gestellt werden soll, wo die Mündel untergebracht werden und welche Schule sie besuchen sollen.

Meist genügen Scholz’ Englisch- und Französischkenntnisse. Bei grundlegenden Fragen wird ein Dolmetscher hinzugezogen. Scholz betreut ihre Mündel bis zur Volljährigkeit. Sie tritt nicht nach deutschem Recht mit 18 Jahren ein, sondern richtet sich nach dem Recht des Herkunftsstaats. Die Spanne reicht bis 21 Jahre wie in etlichen afrikanischen oder asiatischen Ländern.

In den verschiedenen MBH-Projekten leben aktuell 23 Minderjährige aus allen Krisenregionen der Welt – in Tübingen, Kilchberg und Nehren Jungen, in Waldenbuch Mädchen. In der Albrechtstraße soll bald noch eine WG dazukommen. Das Diasporahaus und die Sophienpflege betreuen weitere UMF, sagte MBH-Leiter Matthias Hamberger mehreren Dutzend Gästen, darunter die Bundestagsabgeordneten Chris Kühn (Grüne) und Heike Hänsel (Linke) sowie SPD-Stadtrat Martin Sökler.

Bei allem Verständnis dafür, dass es aktuell kurzfristiger Lösungen bedarf, appellierte Hamberger an die Gäste, auch die provisorischen Unterbringungen perspektivisch wieder „an die rechtlichen und fachlichen Standards der Jugendhilfe“ heranzuführen. Er hält es für notwendig, den jungen Flüchtlingen über die Volljährigkeit hinaus Angebote zu machen, wie es die MBH schon tun, und den Rechtsschutz der Betroffenen im Rahmen der geplanten Umverteilung nach dem Bundesgesetz, das noch nicht in Kraft ist, zu stärken.

Jutta Goltz, Diplompädagogin und Wohnprojekt-Bereichsleiterin, ist es ebenfalls „ein Riesenanliegen, dass die Quantität nicht gegen die Qualität ausgespielt wird“. In der WG geht es zunächst darum, dass die 13- bis 17-Jährigen ankommen und in Sicherheit sein dürfen, dass sie Deutsch lernen und zur Schule gehen. Die Integration folgt. Drei Jugendliche spielen schon beim TV Derendingen Fußball, ein Bewohner rannte beim Stadtlauf mit.

Rauchen oder Ausgehen – Themen wie diese werden bei wöchentlichen Gruppenabenden besprochen. Am Freitag beginnt ein neues Projekt der MBH. Sie wollen eine Willkommensbroschüre aus der Perspektive junger Flüchtlinge erstellen, an der auch ehemalige UMF mitarbeiten. Eins der Ziele ist, so Goltz, dass die Jugendlichen „sich einbringen und mitgestalten können“.

Ayman, 13, und sein Bruder Fahd, 15, aus Syrien besuchen die Vorbereitungsklasse an der Mörikeschule. Sie können sich noch nicht so gut verständigen wie Hamza und Adam. Die 17-Jährigen plaudern in ihrem Zimmer auch mit ihrer Lehrerin Ingrid Schulz von der Gewerblichen Schule. Sie sieht ihre Schüler jeden Vormittag fünf Stunden. Aber sie ist mit ihnen auch schon Stocherkahn gefahren. „Sie sind motiviert und möchten etwas erreichen“, lobt die Lehrerin die Jugendlichen, die schon nach wenigen Wochen ziemlich gut Deutsch verstehen und sprechen.

Ein sicheres Zuhause in der Tübinger Südstadt
Hamza und Adam (hinten links und rechts) leben seit drei Wochen in der Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Paulinenstraße1. Hier zeigen sie Polizisten und Tübingens Erster Bürgermeisterin Christine Arbogast ihr Zweierzimmer. Auch Ayman (links vorne), mit 13 Jahren der Jüngste, schaute vorbei.Bild: Metz

Die Martin-Bonhoeffer-Häuser (MBH) suchen Paten, die sich für einzelne Jugendliche einsetzen: etwa sie beim Lernen unterstützen, mit ihnen Deutsch sprechen und etwas unternehmen, Brücken zu Sport- und Freizeitangeboten bauen oder aus der Muttersprache der Jugendlichen übersetzen können. Die MBH bieten den Paten fachliche Qualifizierung und regelmäßiges Coaching an. Darüber hinaus bitten die MBH unter dem Motto „Ihre Spende hilft beim Ankommen!“ um Unterstützung für die Ausgaben und Projekte, die über die Grundfinanzierung durch die Kinder- und Jugendhilfe hinausgehen. In deren Tagessatz sind die Kosten für den Lebensunterhalt und die pädagogische Begleitung enthalten. Spenden können auf das Konto IBAN: DE94 6415 0020 0000 2639 40 überwiesen werden. Kontoinhaber ist der Tübinger Verein für Sozialtherapie.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

08.10.2015, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
 
Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-0
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934166
wip@tagblatt.de

Zum Kontaktformular