Konjunkturbericht

Ein kleines Wirtschaftswunder

Von Matthias Reichert

Die Reutlinger Industrie- und Handelskammer vermeldet in ihrer Herbstumfrage hervorragende Wirtschaftszahlen.

„Recht anständig“ würde der Schwabe laut Christian Erbe zur Stimmung in den Betrieben der Region Neckar-Alb sagen. Der Präsident der Reutlinger Industrie- und Handelskammer übersetzt das in „hervorragende Zahlen“. Dem gestern veröffentlichten Konjunkturbericht der Kammer zufolge spricht die IHK von einem „kleinen Wirtschaftswunder“ in der Region.

61 Prozent der 372 befragten Betriebe bewerten ihre Lage als „gut“, 35 Prozent als „befriedigend“. Unzufrieden sind in der aktuellen IHK-Umfrage nur fünf Prozent der Unternehmen. Auch die Erwartungen sind positiv. 52 Prozent der Firmen sehen ihre Aussichten als mindestens gleichbleibend. 40 Prozent erwarten sogar noch bessere Geschäfte im kommenden Jahr. Auch der Konjunkturklimaindex der Kammer bleibt mit 144 Punkten deutlich über der neutralen Marke von 100 und nähert sich dem Höchststand des Jahres 2011 an.

In der Region boomt laut Erbe vor allem die Baubranche. 92 dieser Betriebe sind vollauf zufrieden, 31 Prozent erwarten nochmals eine Steigerung. Zunehmend profitiere die Branche nicht nur von den Häuslesbauern, sondern auch von Wirtschaftsbauten: 48 Prozent der befragten Unternehmen haben in den vergangenen drei Jahren expandiert, davon fast ein Drittel vor Ort. Und weitere 28 Probleme wollen in den kommenden drei Jahren vor Ort erweitern.

Sehr gut gestimmt, so die IHK weiter, ist auch der Einzelhandel. Kein einziger der Betriebe, die geantwortet haben, bewertet seine Lage als schlecht. Rund die Hälfte der Händler schaut, auch mit Blick auf das anstehende Weihnachtsgeschäft, positiv in die Zukunft. Auch in der Industrie bewerten fast 60 Prozent der Unternehmen die Lage als „gut“, 42 Prozent erhoffen sich noch bessere Geschäfte für die kommenden Monate.

Sorgenkind ist hingegen das Gastgewerbe. Dort halten nur noch 35 Prozent der Betriebe die Lage für „gut , auch die Prognosen sind rückläufig. IHK-Konjunkturexpertin Beatrix Andriof führt das auf Mindestlohn und neue Dokumentationspflichten der Gastwirte zurück, welche die Ertragslage schmälerten – laut Erbe also „weniger eine Frage des Marktes als der Rahmenbedingungen“.

Annähernd jeder zweite Euro in der Region wird im Export erwirtschaftet. Im Außenhandel ist der Optimismus leicht gesunken. Das liege auch an der neuen US-Regierung. Deren Politik nennt Erbe etwas verklausuliert „eher stochastisch randomisiert als strategisch“, also in etwa: unberechenbar. Er fordert, die Russland-Sanktionen des Westens auslaufen zu lassen. Die richteten sich vornehmlich gegen Energieunternehmen, doch seien viele deutsche Betriebe als Zulieferer und Kunden betroffen. Erbe fordert, die politische Lage durch Verhandlungen zu verbessern: „Wir setzen klar auf Merkels Raute statt auf Trumps Rute.“

Außerdem verunsichere der bevorstehende Brexit die Unternehmen. Auch die Tübinger Erbe Elektromedizin GmbH des IHK-Präsidenten musste wegen des britischen EU-Ausstiegs bereits neue Copyright- und Markenrechte anmelden, was mit 50000 bis 60000 Euro zu Buche geschlagen habe. Christian Erbe fordert nun einen „weichen Brexit“, bei dem England weiterhin Zutritt zum Binnenmarkt hat und in der Zollunion bleibt.

Eine Herausforderung sei nach wie vor der Fachkräftemangel. Bis 2030 fehlen laut IHK rund 23000 Fachkräfte in der Region – davon nur 1000 Akademiker, die übrigen aus dualer Ausbildung. So seien die Betriebe auf arbeitsmarktorientierte Zuwanderung und transparente Gesetze angewiesen, sagt Erbe. Die neue Bundesregierung müsse für qualifizierte Zuwanderung sorgen. Es brauche in Berlin eine schnelle Regierungsbildung und keine Hängepartie.


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14.10.2017 - 01:00 Uhr