Martin Buber suchte in Tübingen die Begegnung mit christlichen Gelehrten

„Ein jüdischer Theologe für Nichtjuden“

Von Matthias Morgenstern

In den fünfziger Jahren verbrachte der in Jerusalem lebende jüdische Philosoph Martin Buber (1878–1965) regelmäßig die Sommerwochen in Tübingen, um hier zu arbeiten. Dabei suchte er den Kontakt mit hiesigen Gelehrten, vor allem mit dem evangelischen Neutestamentler Otto Michel (1903-1993). Buber gehörte zu den ersten jüdischen Gelehrten, die nach dem nationalsozialistischen Massenmord an den Juden wieder deutschen Boden betraten. Seine Tübinger Begegnungen wurden dabei als etwas Besonderes empfunden.

„Ein jüdischer Theologe für Nichtjuden“

In den fünfziger Jahren verbrachte der in Jerusalem lebende jüdische Philosoph Martin Buber (1878–1965) regelmäßig die Sommerwochen in Tübingen.

Das hing mit den speziellen Interessen Michels an der Erforschung des Judentums zusammen, die ihn dazu führten, an der Universität 1957 das Institutum Judaicum zu gründen. Die wissenschaftlichen Aktivitäten Michels hatten freilich eine unappetitliche Vorgeschichte, die Buber zumindest teilweise bekannt war: Die Tübinger „Judentums-Wissenschaft“ in der nationalsozialistischen Zeit unter Michels Vorgänger im Amt, dem Neutestamentler Gerhard Kittel (1888-1948).

Als NSDAP-Mitglied hatte Kittel zu den Mitbegründern des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschland gehört und im Münchner Institut zur Erforschung der Judenfrage Texte mit rassistisch-antisemitischer Zielrichtung publiziert. Nach dem Krieg beteuerte Kittel, von den Massenmorden an den Juden nichts gewusst zu haben. Auch habe er sich in einem Brief an das preußische Kultusministerium „für die Erhaltung der Lehrtätigkeit Martin Bubers in Frankfurt Main“ einsetzt – eine Behauptung, für die sich bisher kein Beleg finden ließ, die aber dennoch nicht von vornherein unglaubwürdig ist.

In den frühen 1930er Jahren scheinen sich manche Kontakte zwischen jüdischen und nichtjüdischen Forschern in einem nicht eindeutig zu beurteilenden Graubereich abgespielt zu haben. Noch im Sommer 1933 sandte Kittel seine antijüdische Schrift „Zur Judenfrage“ an Buber und erwartete eine Bestätigung oder gar wohlwollende Kommentierung. Buber ignorierte Kittel nicht einfach, sondern würdigte ihn – bestimmt in der Sache und argumentativ-höflich – einer Antwort. Die Auseinandersetzung mit Kittel war für Buber nach der Schoah und dem Krieg offenbar kein Hindernis, sich nach Tübingen einladen zu lassen. Er wusste auch, dass er so wesentlich dazu beitrug, eine neue, von Nicht-Juden betriebene Judaistik international zu legitimieren.

Erstaunlicher Aufschwung

In Bubers Gefolge kamen bald immer mehr jüdische Historiker und Gelehrte wie der Erforscher der jüdischen Mystik Gershom Scholem, der Jerusalemer Pädagoge Ernst Simon und der Bibelwissenschaftler David Flusser nach Tübingen. Das Institutum Judaicum erlebte seit dem Ende der 1950er Jahre einen erstaunlichen Aufschwung, der dem Boom, den die Judaistik an anderen deutschen Universitäten nach der deutschen Wiedervereinigung erlebte, um mehr als dreißig Jahre vorausging.

Bubers Anteil an dieser Erfolgsgeschichte hing offenbar damit zusammen, dass er an Tübinger Erinnerungen anknüpfen konnte, die nicht ausschließlich negativ waren. Man kann vermuten, dass Adolf Schlatter (1852-1938), der erste Inhaber des später von Kittel weitergeführten Lehrstuhles und Begründer der Tübinger „Judentumswissenschaft“ , bei dem sowohl Kittel als auch Otto Michel gelernt hatten, dabei eine gewisse Rolle spielte.

Die wohl einzige persönliche Begegnung Bubers mit Schlatter ging auf das Jahr 1930 zurück, als beide sich auf einer von einer protestantischen Missionsgesellschaft veranstalteten Tagung in Stuttgart trafen und eine Art Vorform des jüdisch-christlichen Dialogs praktizierten. Schlatter sollte nach 1933 mit scharf antijüdischen Äußerungen an die Öffentlichkeit treten, wobei er sich nicht scheute, primitive nationalsozialistische Klischees zu bedienen.

Doch in früheren Schriften hatte er auch freundlicher formuliert und angedeutet, dass den Juden auch für die Gegenwart der Bund Gottes nicht abgesprochen werden könne. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Buber diese Wendung Schlatters im Sinn hatte, als er 1933 auf einer weiteren jüdisch-christlichen Dialogveranstaltung in Stuttgart vom „ungekündigten Bund Gottes“ mit dem jüdischen Volk sprach.

Besonderes Interesse musste Buber an einer Studie Schlatters über den Glauben im Neuen Testament haben, die zu den bekanntesten Arbeiten des Tübinger Gelehrten gehörte. In seiner berühmten Schrift „Zwei Glaubensweisen“, die Buber während des israelischen Unabhängigkeitskrieges (1948/49) in Jerusalem verfasste, setzte er sich ausführlich mit der christlichen Theologie auseinander und zitierte auch Schlatter.

1933 floh Horowitznach Amsterdam

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass die Tübinger Judentumsforscher vor 1933 jüdische Mitarbeiter gehabt hatten, den Historiker Gutel Leibowitz, der Beiträge für das in Tübingen erscheinende Lexikon „Religion in Geschichte und Gegenwart“ schrieb, und den Talmudübersetzer Chaim Horowitz (1892-1969).

Von Horowitz ist bekannt, dass er über seinen Großvater, den Krakauer Rabbiner Chaim Arie Horowitz, mit Bubers Großvater, dem Gelehrten und Herausgeber rabbinischer Texte Salomon Buber in Lemberg, in Kontakt stand. Während seiner Tübingen-Aufenthalte war der junge Horowitz Gast in Schlatters Haus und half bei der Kontrolle hebräischer Zitate aus diesen Textausgaben Salomon Bubers, die Schlatter für seine Bibelkommentare benötigte.

1933 floh Horowitz nach Amsterdam und danach nach Frankreich, von wo aus seine Frau während des Krieges nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. Nach dem Krieg wandte er sich brieflich an Otto Michel, der inzwischen auf dem Lehrstuhl Schlatters und Kittels saß, und stellte sich – in der Gegenwartsform! – als „Mitarbeiter von Herrn Professor A. Schlatter und G. Kittel“ vor.

Das Abgründige dieses Beziehungsgeflechts war für Buber kein Hindernis, wieder mit den Tübingern in Verbindung zu treten. Zu einem ersten Vortrag in privatem Rahmen kam es bereits 1951 im Hause Karl Heinrich Rengstorfs, eines weiteren Tübinger Schlatter- und Kittel-Schülers, der inzwischen nach Münster gewechselt war. Rengstorf ermunterte Buber, die gemeinsam mit Franz Rosenzweig begonnene „Verdeutschung“ der Hebräischen Bibel abzuschließen, die vor dem Krieg als „Gastgeschenk der Juden an die Deutschen“ verstanden worden war, die Gershom Scholem aber jetzt „das Grabmal einer in unsagbarem Grauen erloschenen Beziehung“ nannte.

1953 erhielt Buber den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und nutzte seinen Deutschland-Aufenthalt, für den er in Israel heftig kritisiert wurde, für einen Abstecher nach Tübingen. Nach seinem Vortrag im Festsaal der Universität über ein neutestamentliches Thema – den „Spruch vom Zinsgroschen und unser Zeitalter“ – war das Eis gebrochen. Durch Vermittlung des Philosophen Ewald Wasmuth fand Buber im Rotbad 26 eine kleine Wohnung, in der er in den Folgejahren jeweils die Sommerwochen verbrachte. Besondere Kontakte ergaben sich mit dem katholischen Bibelwissenschaftler Fridolin Stier, der in dieser Zeit an einer Neuübersetzung des Neuen Testaments arbeitete.

1963 widmete Michel Buber einen Band der in seinem Institut hergestellten deutschen Übersetzung von Flavius Josephus‘ Jüdischem Krieg. Dieser Text hatte für Michel nahezu den gleichen Rang wie die Bibel und wurde von ihm vielleicht als eine Art „Gegengeschenk“ zu Bubers Bibelübersetzung betrachtet.

In diesen Jahren besuchten Buber und Michel sich gegenseitig in ihren Privatwohnungen in Tübingen und Jerusalem und waren auch an gegenseitigen Ehrungen beteiligt. Michel gratulierte Buber am 1. Februar 1958 brieflich als Dekan und im Namen der Tübinger Evangelisch-theologischen Fakultät zu seinem achtzigsten Geburtstag und steuerte einen Beitrag zu Bubers Festschrift bei. 1963 war Buber dann mit einem Artikel in der Festschrift zu Michels 60. Geburtstag vertreten – im Kontext der frühen 1960er Jahre ein Zeichen der Wertschätzung, das seinesgleichen sucht.

Den Judenmord wenigstens andeutend erwähnt

Michel verstand die Arbeit seines Instituts als eine Art „geistiger Wiedergutmachung“. Ähnlich unpassend wie dieser umstrittene Begriff (wie sollte der millionenfache Mord an den Juden „wiedergutgemacht“ werden?), mit dem zur Adenauerzeit die deutsche Politik gegenüber dem Staat Israel charakterisiert wurde, waren viele Äußerungen Michels zur jüngsten deutschen Geschichte. Die Rede war allgemein von Unglück und Leid. Dabei blieb nicht nur ungesagt, wer die Täter und wer die Opfer waren; Michel konnte auch ganz unklare Andeutungen über den verborgenen Willen Gottes machen und dabei den Eindruck erwecken, dass eigentlich er (Michel) es war, der getröstet werden musste.

Andererseits gehörte Michel in einer Zeit, in der der Massenmord an den Juden von deutscher Seite überwiegend beschwiegen wurde und es noch keine offizielle Erinnerungsterminologie gab, zu den wenigen, die die Verbrechen überhaupt zur Sprache brachten. Das Universitätsmagazin Attempto vom Mai 1967 – dort erschien das oben abgedruckte Buberportrait – enthielt einen ausführlichen Bericht vom Universitätsbesuch des neuen israelischen Botschafters. Abgesehen von einem Vorwort aus der Feder von Walter Jens war Michel in diesem Heft der einzige, der den Judenmord wenigstens andeutend erwähnte. Michel war, ähnlich wie Jens, bis 1945 freilich selbst Mitglied der NSDAP gewesen, was er den israelischen Gesprächspartnern aber offenbar verschwieg.

Auffallend sind bei Michel die peinlichen Vereinnahmungen und Anbiederungen an die jüdische Seite. Michel stilisierte sich als Träger von „Geheimnissen“ jüdischer Tradition; brieflich sprach er Buber mit dem Ehrentitel „morenu“ (hebräisch: „unser Lehrer“) an und erhob nicht Einspruch, wenn er selbst von christlichen Verehrern als „Rabbi“ angesprochen wurde. Ein Nachdenken darüber, dass Buber, der sich vom jüdischen Ritual und von Synagogengottesdiensten fernhielt, ein von der säkularen Welt geprägter Philosoph und kein chassidisch-frommer „Rebbe“ war, sucht man bei ihm vergeblich.

Distanzlose Aneignung

Fünfzig Jahre nach dem Tod Bubers steht in der Erinnerung in Tübinger Perspektive Widersprüchliches nebeneinander: Die Dankbarkeit für diese große Gestalt des Judentums, die nach dem einzigartigen Menschheitsverbrechen wieder eine Begegnung von Juden und Nichtjuden ermöglichte – und ein gewisses Befremden angesichts einer merkwürdig distanzlosen Aneignung von Person und Werk Bubers.

Ein kritischer Rückblick auf die vergangene Art und Weise der Buber-Verehrung hätte sein Gutes, wenn es in dieser letzteren Hinsicht nicht bei (leicht in Überheblichkeit umschlagenden) wertenden Urteilen bliebe: die Einsicht in die Zeit- und Kontextbedingtheit der christlichen Lektüre Bubers, den der israelische Philosoph Yeshayahu Leibowitz einen „jüdischen Theologen für Nicht-Juden“ genannt hat, könnte auch zu einer gewissen Vorsicht und dann auch leichten Skepsis führen angesichts der Art und Weise, wie heute vielfach mit dem Vermächtnis Martin Bubers umgegangen wird.

Matthias Morgenstern, 56, ist außerplanmäßiger Professor und Akademischer Oberrat am Tübinger Seminar für Religionswissenschaft und Judaistik/Institutum Judaicum. Zusammen mit Dr. Reinhold Rieger gibt er einen Band „Das Institutum Judaicum“ heraus, der im September in der Reihe Contubernium des Verlags Franz Steiner, Stuttgart, erscheinen wird.


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06.08.2015 - 12:00 Uhr