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Wie Ex-Pfarrer Erich Keller Rektor am Uhlandgymnasium und Uni-Professor wurde

Ein alter Kämpfer der Bewegung

Offiziell war er der letzte Rektor des Tübinger Uhland-Gymnasiums vor Ende des Zweiten Weltkriegs; und offiziell war er außerordentlicher Philosophie-Professor an der Tübinger Universität. Doch gelehrt hat Erich Keller weder an der Schule noch an der Uni. Der einstige Pfarrer, frühes NSDAP-Mitglied und Sympathisant der „Deutschen Glaubensbewegung“ hatte in Tübingen eine Anschlussbeschäftigung gefunden, nachdem die Eßlinger Lehrerhochschule geschlossen worden war. Sein Förderer, Ministerpräsident und Kultminister Christian Mergenthaler, half seinem „Kampfgenossen“ dabei.

21.06.2015
  • Manfred Hantke

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Erich Keller galt als „Vorkämpfer des Nationalsozialismus im Bezirk Backnang“. So jedenfalls formulierte es der Murrtalbote am 5. Juli 1933. Die Meldung erschien vier Tage nachdem der Pfarrer seine Kanzel in Grab bei Murrhardt gegen seinen Dienst im Kultministerium getauscht hatte.

Ein alter Kämpfer der Bewegung
Die Tübinger Uni hielt sich bei der Durchsetzung der NS-Politik nicht zurück. Aber jeden Dozenten wollte sie auch nicht haben. Von 160 Lehrkräften gehör-ten 129 der NSDAP an. Bei welcher Feier das Foto im Festsaal der Uni entstand, ist nicht bekannt. Vorn am Pult die Hitler-Büste. Bild:StadtarchivTübingen

Kultminister Mergenthaler wusste, wen er sich da ins Ministerium geholt hatte. Keller war seit 1930 NSDAP-Mitglied, seinen „Kampfgenossen“ kannte er jedoch schon länger – spätestens seit 1924, als beide am Realgymnasium und der Oberrealschule in Schwäbisch-Hall Lehrerkollegen waren. Und beide hatten Gemeinsamkeiten: Sie hatten in Tübingen studiert, waren Wingolfer, Soldaten im Ersten Weltkrieg, Gauredner (Mergenthaler auch Reichsredner) und traten später aus der evangelischen Kirche aus.

Auch politisch lagen sie auf einer Wellenlänge, vertraten eine deutsch-völkische Weltanschauung und einen teils aggressiven Antisemitismus. Unmittelbar nach der „Machtergreifung“ am 31. Januar 1933 pries Pfarrer und Gauredner Keller am 6. Februar auf einem „Deutschen Abend“ in Sulzbach/Murr laut Murrtalboten vor übervollem Saal „die überragende Bedeutung des heute größten Deutschen, Adolf Hitler!“ Auch warnte er vor „dämonischen Kräften“. Sie würden die Deutschen als Sklaven vor ihren Profitkarren spannen („Judenfrage usw.“) und „gänzlich“ ausrotten.

Ein alter Kämpfer der Bewegung
Christian Mergenthaler, 1924. Bild: Wikimedia Commons.

Das Engagement lohnte sich. Keller wurde am 1. Juli 1933 Oberregierungsrat unter Mergenthaler. Als Hochschulreferent war er für die Hochschulen Stuttgart und Hohenheim sowie für die Universität Tübingen und für Kirchen- und Schulpolitik zuständig. Keller unterstützte seinen Chef etwa bei der Auflösung der konfessionsgebundenen Schulen, außerdem war er am 1939 eingeführten „Weltanschauungsunterricht“ (WAU) beteiligt. Den WAU wollten Mergenthaler und Reichsleiter Martin Bormann in den Schulen durchdrücken und den Religionsunterricht verdrängen.

Wer sich vom Religionsunterricht abgemeldet hatte, musste in den WAU. Schulische Erziehung sollte damit auf nationalsozialistische Grundlagen gestellt werden. Das Themenspektrum reichte vom „Erleben der Blutsgemeinschaft“ über „Deutsche Glaubens- und Lebenskunde“ bis zu den historischen und rassischen Grundlagen des Nationalsozialismus. Die württembergische Kirchenleitung protestierte – mit mäßigem Erfolg. Mergenthaler etablierte den WAU als Pflichtfach in den neuen Haupt- und Aufbauschulen.

Doch Keller hatte auch wissenschaftliche Ambitionen. Kaum hatte er seine Arbeit im Kultministerium begonnen, erhielt er am 17. Juli 1933 an der TH Stuttgart einen Lehrauftrag für Philosophie, 1934 legte er dort seine Habilitation vor, ein bereits 1931 veröffentlichtes Werk über das Irrationale im wertphilosophischen Idealismus. Den Probevortrag über „Die philosophischen Grundlagen des Nationalsozialismus“ hielt er im Oktober 1934.

Ein alter Kämpfer der Bewegung
Erich Keller

Das Kolloquium wurde ihm erlassen, weil er Weltkriegsteilnehmer war. TH-Rektor Helmut Göring beantragte beim Kultministerium die Zulassung Kellers zum Privatdozenten, noch bevor der Große Senat überhaupt zugestimmt hatte. Denn an eine Zustimmung sei nicht zu zweifeln, war sich Göring sicher. In Stuttgart bot Keller seinen Studierenden etwa die „philosophischen Vorläufer des Nationalsozialismus“, „Grundlagen der Weltanschauungslehre“ oder – anlassbezogen – eine „Philosophie des Krieges“ an. Besonders beliebt war Keller bei Kollegen und Studierenden aber nicht. Philosophie war in Stuttgart Wahlfach, so kamen nur wenige Studierende in seine Seminare. Denn Keller galt als Ideologe, fachwissenschaftlich und pädagogisch ließ er wohl viele Wünsche offen. Philosophisch etwa bewegte er sich nach 1933 im Idealismus deutsch-völkischer Prägung – antisemitisch angereichert und mit einem gehörigen Schuss germanischer Mythologie. Er schwadronierte von den „Mächten des Blutes und Volkstums“, vom gemeinsamen nordischen Bluterbe im griechischen und deutschen Volk, vom tragischen Heroismus und der Selbstaufopferung des Individuums. Sein Kampf galt auch den „heimlichen Gegnern“ des NS-Staates, den „Juden und Judengenossen“.

Als am 5. Mai 1935 die Eßlinger Hochschule für Lehrerbildung ihre Arbeit aufnahm, wurde der einstige Pfarrer Stellvertretender Direktor. Auch dort sollte Philosophie nicht fehlen. Mergenthaler wollte sich beim Reichserziehungsministerium persönlich dafür einsetzen, Philosophie in die Reihe der Wahlfächer aufzunehmen und durch Keller vertreten zu lassen. „Frühsport“ und „Flaggenparade“ gehörten an der Eßlinger Lehrerhochschule dazu, ebenso gemeinsame Lager von Dozenten und Studenten. Schulungs- und Freizeitarbeit in Kampfverbänden waren obligatorisch.

Gelehrt wurde „völkisch-politische Erziehungswissenschaft“, „Geschichte und Volkskunde“, „Biologie (Rassenkunde und Vererbungslehre)“ sowie „Naturlehre und Mathematik“. Keller war für die „Nationalpolitische Erziehung und Weltanschauungslehre“ zuständig. Das Ziel der Lehrerhochschule war ihm zufolge die „innere und äußere Formung des nationalsozialistischen Lehrers der Zukunft“. Der müsse tief in Volk und Stammesart verwurzelt sein und seinen Lebenszweck darin sehen, der heranwachsenden deutschen Jugend vor allem nationalen Stolz, sozialistisches Verantwortungsbewusstsein und „den Willen zu opferbereiter Tat einzupflanzen.“ Die Philosophie sei wie kein anderes Fach dazu geeignet, nationales Selbstgefühl und nationale Selbsterkenntnis zu wecken.

Schärfster Gegner Kellers war Rassenpsychologe Pfahler

Angeboten wurde auch ein viersemestriger Lehrgang, der zu „den großen Wahrheiten des Nationalsozialismus“ führen sollte. Dazu zählten die „neuen Einsichten in die Bedeutung der Rasse und des Blutes, der Familie und des Volkstums, des Bodens und der Heimat“. Auch die „nordischen Höchstwerte der Ehre, Freiheit und Pflicht“ gehörten dazu.

Keller bot Vorlesungen und Übungen etwa zu „Weltanschauung und Politik“, zur „nationalsozialistischen Volks- und Staatslehre“ und „Grundformen nordischer Frömmigkeit“ an. Zumindest am Anfang seiner Lehrtätigkeit soll er „im weltanschaulichen Kampf zu stark die aggressive Seite“ hervorgekehrt haben, wie der Eßlinger Direktor Paul Michel später bemerkte – wie auch jene es tun, „die sich vorgenommen haben, kompromisslos für die nationalsozialistische Weltanschauung einzutreten“.

Am 30. September 1941 wurde die Lehrerhochschule geschlossen. So musste für die Lehrkräfte eine Anschlussbeschäftigung gefunden werden. Im Februar 1942 hielt es das Kultministerium in einem Brief an die Uni „für erwünscht“, dass Keller an die Universität umhabilitiert. Ihm solle Gelegenheit gegeben werden, „in der akademischen Laufbahn vorwärts zu kommen“.

Doch Dekan Otto Weinreich und Rektor Otto Stickl ließen sich mit der Antwort viel Zeit, mussten zweimal von Mergenthaler daran erinnert werden. Dann lavierten sie hin und her, versuchten, Keller zu verhindern – mal mit dem Hinweis, dass er an der Stuttgarter TH dringender gebraucht werde als in Tübingen, dann mit der Forderung, er müsse das einst in Stuttgart erlassene Kolloquium in Tübingen nachholen.

Warum sich Fakultät und Universität gegen Keller sperrten, kann nur vermutet werden: Obwohl sie in ihren Reihen reichlich willige Vollstrecker der NS-Politik hatte, war ihr die Nähe Kellers zu Mergenthaler vielleicht nicht ganz geheuer. Einen Aufpasser in der Fakultät mochte wohl niemand. „Schärfster Gegner“ an der Uni soll der Rassenpsychologe, NSDAP-ler und Volkssturmführer Gerhard Pfahler gewesen sein. Er bezeichnete Kellers Lehrtätigkeit in Eßlingen als „völliges Fiasko“.

Die Hinhaltetaktik der Uni nutzte nichts, Mergenthaler wurde ungehalten. Als die Uni schließlich „den Herrn Reichswissenschaftsminister“ ins Spiel brachte, der allein – und nicht der Kultminister – Keller an die Philosophische Fakultät zuweisen könne, war’s geschehen. Umgehend teilte das Reichserziehungsministerium Keller Ende August 1942 der Tübinger Uni zu. Dekan Weinreich ließ sich seine Niederlage nicht anmerken und hieß Keller in einem Brief „herzlich willkommen“. Die Fakultät rechne damit, dass er sich besonders für die Vortragsreihe der „Weltanschaulichen Lehrgemeinschaft des NS Dozentenbundes“ zur Verfügung stelle, eine Reihe mit gewöhnlich eindeutigem politischen Inhalt.

Damit aber nicht genug: Keller brauchte auch einen richtigen Posten. So erhielt er am 1. Januar 1943 den Job des Rektors am Tübinger Uhland-Gymnasium. Denn der ist kurz zuvor frei geworden, weil Otto Binder (seit 1922 Schulleiter), in den Ruhestand gegangen war. Mergenthaler legte bei Reichsstatthalter Wilhelm Murr ein gutes Wort für Keller ein: „Seine weltanschaulich politische Haltung ist die des alten Kämpfers der Bewegung.“ Das reichte wohl.

Doch die Tübinger Jugend hatte Glück: Wenigstens Keller blieb ihr erspart. Er stand seit Beginn des Krieges als NS-Führungsoffizier an der Front und motivierte die Soldaten. Das tat er bis zum Ende des Krieges. Am Uhland-Gymnasium war er als Rektor nie gewesen. Otto Binder leitete die Schule als „Verweser“ bis 1945. Auch an der Uni stand Keller nie am Katheder.

Nach dem Krieg gehörte Keller zu den ersten, die suspendiert und entlassen wurden. Er wurde interniert, schlug sich dann mit Hilfsarbeiten durch. Die Spruchkammer stufte ihn als „Belasteten“ ein. Doch er war sich keiner Schuld bewusst, fühlte sich gar „als Werkzeug missbraucht“. Keller klagte, erreichte die mildere Einstufung als „Mitläufer“. Auch vor dem Bebenhäuser Verwaltungsgerichtshof klagte er, denn das Tübinger Oberschulamt lehnte seine Weiterbeschäftigung als Lehrer ab. Nach einem außergerichtlichen Vergleich wurde Keller „Beamter zur Wiederverwendung“. Eingestellt wurde er nicht.

Info Die Zeitzeugnisse sind ein Projekt vom TAGBLATT und den Tübinger Archiven. Bilder vom Tübinger Gymnasium, das 1937 zum 150. Geburtstag von Ludwig Uhland in Uhland-Gymnasium umbenannt wurde, gibt es aus der NS-Zeit kaum. Wenn Sie Fotos haben und den Zeitzeugnissen zukommen lassen wollen, wenden Sie sich bitte an die Redaktion: 0 70 71 / 93 43 72.

Erich Keller wurde am 31. Juli 1894 in Murrhardt geboren. Er war Schüler der Theologischen Seminare in Schöntal und Bad Urach, begann 1912/13 mit dem Studium der Evangelischen Theologie in Tübingen. Von Herbst 1914 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Keller an der Front. 1919 kämpfte er im Studentenbataillon gegen die Spartakisten. Danach studierte er wieder in Tübingen. Nach seiner 1. Theologischen Dienstprüfung 1921 wurde er Repetent am Tübinger Stift, studierte Philosophie und wurde 1923 mit einer Arbeit über „Das religiöse Erleben bei Schopenhauer“ promoviert. Von 1925 bis 1928 war Keller Mitglied in der Deutsch-Nationalen Volkspartei (DNVP), 1930 trat er in die NSDAP ein. Ende der 1920er Jahre sympathisierte er mit den „Deutschen Christen“, dann mit der „Deutschen Glaubensbewegung“ unter Jakob Wilhelm Hauer. 1924 lehrte Keller am Realgymnasium und der Oberrealschule in Schwäbisch Hall, von 1925 bis 1928 als Studienassessor in Ludwigsburg, trat dann bis 1933 eine Pfarrstelle in Grab bei Murrhardt an. Von 1931 bis 1939 engagierte er sich als „Gauredner für Weltanschauungslehre“, seit 1938 war er Sturmführer in der SA. Nach dem Zweiten Weltkrieg schloss sich Keller wieder Jakob Wilhelm Hauer an. Mit ihm gründete er die „Arbeitsgemeinschaft für freie Religionsforschung und Philosophie“, hielt dort, in der Nachfolgeorganisation der „Freien Akademie“ sowie in der Volkshochschule Murrhardt religionsphilosophische Vorträge und Kurse. Keller starb 1977 in Arolsen.

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21.06.2015, 12:00 Uhr

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