Ausstellung im Mannheimer Technoseum

Ein Tag, 20.000 Entscheidungen

Von HANS GEORG FRANK

Wenn die große Auswahl zur Qual wird: Ein interaktiver Rundgang im Mannheimer Technoseum zeigt die vielfältigen Einflüsse auf die überforderte Wohlstandsgesellschaft.

Ein Tag, 20.000 Entscheidungen

Die Fülle des Angebots an Pralinen garantiert keine Zufriedenheit bei den Konsumenten. Foto: Technoseum

Mannheim. Die Chipkarte am Eingang verhilft in diesem Mannheimer „Supermarkt der Möglichkeiten“ zu einiger Selbsterkenntnis. Der interaktive Rundgang durch die Ausstellung „Entscheiden“ im Technoseum wird belohnt mit einem Kassenzettel besonderer Art – einer Psychoanalyse in Kurzform. „Im Beruf reizt Sie das Unbekannte und Sie lieben neue Herausforderungen“, bekommt der Proband zu lesen, obwohl er angeblich nichts dem Zufall überlasse. Für derlei Erkenntnisse sind an vier Installationen allerhand Fragen zu beantworten. Es geht um Beziehungen, Beruf, um Banales.

Das Landesmuseum in Mannheim hat den Parcours vom Stapferhaus in Lenzburg (Schweiz) übernommen. In dem „Labor für Lebenskunst“, so die eigene Beschreibung der 1960 gegründeten Institution, war „Entscheiden“ mit 100.000 Besuchern ein großer Erfolg. „Wir erreichten ein Publikum, das wir sonst nicht haben“, berichtet die Leiterin des Stapferhauses, Sibylle Lichtensteiger. Damit meint sie die 20- bis 30-Jährigen, die sich offenbar ein gutes Stück Lebensberatung erhofften. „In diesem Alter werden ja sehr viele Weichen gestellt“, erklärt sie das Interesse. Die Menschen von heute seien risikoscheuer, „weil wir so viel wissen und nur wenige Gewissheiten haben – „zu jeder Studie gibt es eine Gegenstudie“.

Entscheidungen, lehrt ein kurzer Einführungsfilm, mussten schon im biblischen Paradies getroffen werden. Bei der Schöpfung habe Gott Adam und Eva mit einem freien Willen ausgerüstet. Im Laufe der Entwicklung sei aus „der Freiheit im Kopf und der Wut im Bauch“ das gegenwärtige „Mehr von allem, jederzeit und überall“ geworden. Doch die Multioptionsgesellschaft sei mit der Fülle überfordert: Die Wahl wird zur Qual. In der Wohlstandsgesellschaft würden täglich 20.000 Entscheidungen verlangt.

Was für den eigenen Wille gehalten werde, sei von vielerlei Faktoren abhängig. Herkunft – Mannheim oder Mumbai? – und Geschlecht – Mann oder Frau? – spielten ebenso wichtige Rollen wie Zufälle und Schicksal. Auch Bildung, Einkommen und Job wirken sich auf die Entscheidung aus, wie eine Statistik für Mannheim beweist. Im Stadtteil Neuostheim beteiligten sich 71 Prozent an der letzten Landtagswahl. Dort liegt die Arbeitslosenquote bei 1,8 Prozent, die Kaufkraft liegt bei 25.527 Euro. In Schönau dagegen – Arbeitslosigkeit 6,5 Prozent, Kaufkraft 17 652 Euro – gingen nur 51 Prozent zur Wahl. Fast die Hälfte entschied sich, nicht zu entscheiden, wie das Land regiert wird.

Für Technoseum-Chef Hartwig Lüdtke greift die Schau auch vor diesem Hintergrund ein wichtiges und aktuelles Thema auf, doch sie habe Tiefgang und Witz. „Die Ausstellung kommt sehr pfiffig daher“, lobt er die auf deutsche Verhältnisse angepasste Arbeit der Schweizer Kollegen.

Sibylle Lichtensteiger möchte niemand mit Horrordaten abschrecken: „Bei der Konzeption ist uns sehr wichtig gewesen, dass wir nicht jammern.“ Wer sich all die Zahlen und Bilder anschaut, wer sich auf die Fragen an den Installationen einlässt, soll sich letztlich für das entscheiden, was persönlich wichtig sei. Umfragen zeigen, dass 84 Prozent der Jugendlichen den Glauben an die ewige Liebe nicht aufgegeben haben, obwohl jede zweite Ehe geschieden wird.

An schlauen Einflüsterern bei der Suche nach der optimalen Lösung hat es nie gemangelt. Schon Johann Wolfgang von Goethe empfahl: „Entscheide lieber ungefähr richtig als genau falsch.“ Die aus Oberkirch in Baden stammende Psychoanalytikerin Maja Storch hält die Alternative „Kopf oder Bauch“ für wissenschaftlichen Unfug: „Kluge Entscheidungen sind die, bei denen Kopf und Bauch, Verstand und Gefühl koordiniert sind.“

Auf einer Liege kann man sich ganz entspannt einen Rat des Theologen Lukas Niederberger aus St. Gallen für die Verteidigung der eigenen Entscheidungshoheit anhören. Man solle sich die Inschrift für den eigenen Grabstein oder den Text für die Todesanzeige überlegen, beschreibt er seine „kleine Übung“. Dann wisse man, „wofür möchte ich eigentlich gelebt haben“.


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08.11.2017 - 06:00 Uhr