Reformationsjubiläum

Ein Schatz auf dem Dachboden

Von RAINER LANG

Der Cannstatter Künstler Willy Wiedmann hat die größte Bilderbibel der Welt geschaffen. Das 1517 Meter lange Leporello wird am 31. Oktober erstmals entfaltet.

Ein Schatz auf dem Dachboden

Martin Wiedmann zeigt zusammen mit seinem Sohn Florian eine Szene aus der Wiedmann-Bibel, den Sündenfall. Foto: Rainer Lang

Stuttgart. Für Sohn Martin ist es zum „Vollzeitjob“ geworden, die Vision seines Vaters zu verwirklichen. Was der Cannstatter Künstler Willy Wiedmann in 16 Jahren in seinem Atelier geschaffen hat, wird jetzt öffentlich präsentiert. Der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein: Am 31. Oktober, dem Reformationstag, an dem 500 Jahre Reformation gefeiert werden, wird die 1517 Meter lange Wiedmann-Bibel in der Cannstatter Altstadt entfaltet.

Die mit 3333 Bildern längste gemalte Bibel der Welt wird damit an ihrem Entstehungsort erstmals vollständig zu sehen sein. In der Übersetzung der Bibel in seine Bildsprache hatte Willy Wiedmann, der selbst evangelisch war, seine Lebensaufgabe gefunden. Den Anstoß dazu hatte wohl der Auftrag zur Ausmalung der Pauluskirche in Zuffenhausen gegeben. Damals habe sich sein Vater intensiv mit der Bibel befasst, erzählt Martin Wiedmann. Und dann hat er wie ein Besessener daran gearbeitet, das komplette Alte und Neue Testament durch Bilder sprechen zu lassen – von 1984 bis 2000.

Die Familie bekam nichts mit

Das hat die Familie gar nicht so richtig mitbekommen. Sohn Martin hat als gelernter Bankkaufmann jahrzehntelang im Ausland gearbeitet und den Vater nur ab und zu gesehen. So sind fast im Geheimen insgesamt 3333 Bilder in dem von ihm entwickelten Stil der Polykon-Malerei entstanden, die als Formensprache Winkel und Kanten nutzt. Aneinandergereiht hat er die mit hellen Farben ausgestalteten Blätter in Form eines Leporellos. Als Textvorlagen hat der Künstler offenbar 40 verschiedene Bibelausgaben genutzt.

Bekannt war Willy Wiedmann als musikalisches, malerisches und literarisches Multitalent. „Er war durch und durch Künstler“, sagt sein Sohn. Nach seinem Kunst- und Musikstudium entstanden Kompositionen, Gedichte und Bilder. Er betrieb auch eine Gartenwirtschaft und feierte im Keller seines Hauses rauschende Feste. Im Alter von 84 Jahren ist der 1929 in Ettlingen geborene Wilhelm Richard Heinrich (Willy) Wiedmann im Jahr 2013 gestorben.

Erst nach dem Tod seines Vaters hat Martin Wiedmann das monumentale Werk auf dem Dachboden der väterlichen Galerie in der Tuchmachergasse entdeckt. Beim Entrümpeln stieß er auf vier Aluminiumkisten, in denen die gemalte Bibel in 19 Einzelbänden verstaut war mitsamt den Memoiren des Vaters. Dieser hat darin seine Mission niedergeschrieben, dass er seine Bilder mit allen Christen auf der Welt teilen wolle. Aber mit dem Versuch der Veröffentlichung ist der Künstler gescheitert. Die Verlage winkten wegen der zu hohen Kosten ab.

Dem Sohn kam die Technik zu Hilfe. Er ließ alle Bilder digitalisieren. Mittlerweile gibt es eine digitale Bibelwelt als Virtual Reality mit Erlebnisterminal, App und DVD. Das wird auch schon in Unterricht, Gottesdienst, bei Veranstaltungen und Messen genutzt. Aber auch den Wunsch des Vaters, die Bibel in Buchform zu veröffentlichen, hat Martin Wiedmann erfüllen können. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart erscheint die Wiedmann-Bibel im November erstmals als Buch in zwei Bänden und als limitierte Auflage. 333 Exemplare als Premium Edition in Gold für 790 und 3000 als normale Edition für 590 Euro.

Martin Wiedmann freut sich über die große Resonanz. Mehrere 100 Vorbestellungen liegen schon vor. Verdienen will er an der Ausgabe nichts. Ihm ist wichtig, die Mission seines Vaters zu erfüllen. Bei allen großen kirchlichen Events hat er sein Projekt präsentiert und hat nur Zuspruch erfahren. Nächste Woche geht es zur Buchmesse nach Frankfurt. Inzwischen ist die Bibel zum Familienprojekt geworden, bei dem Frau Barbara und die drei Söhne mithelfen.

Bei einem Gespräch mit Martin Wiedmann in der 2015 wieder eröffneten Galerie hat der evangelische Stadtkirchenpfarrer Florian Link sofort Feuer gefangen und wurde zur Aktion zum Reformationsjubiläum inspiriert. Er sieht mit der öffentlichen Entfaltung der Bibel nicht nur Stuttgarts Ruf als Deutschlands Bibelhauptstadt gefestigt, sondern auch ein Beispiel dafür, „wie bunt und lebendig die biblische Tradition ist“. Und für Dekan Eckart Schulz-Berg ist es eine schöne Zahlensymbolik, wenn die 1517 Meter lange Bibel von zwei Mal 500 Helfern beim Gedenken an 500 Jahre Reformation entfaltet wird.


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06.10.2017 - 06:00 Uhr