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Ein Masters-Modul mit Charity-Charakter
Frauke Kreis
Das Laut Lesen Live Festival will Literatur mit Natur verbinden

Ein Masters-Modul mit Charity-Charakter

Tübingen als Literaturstadt: Das ergibt in diesem Jahr nicht nur ein üppiges Osiander-Lesungsprogramm oder das Bücherfest, sondern auch noch ein neues Literatur-Festival im April. Das Erstaunliche daran: es wird hauptsächlich von zwei Studentinnen gestemmt.

17.01.2015
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. Die trauen sich was. Vanessa-Cher Zimmerer, 26, und Frauke Kreis, 29, hatten die Idee beim gemeinsamen Blutspenden, „kurz vorm Wegknicken“, wie Vanessa-Cher Zimmerer scherzt. Die beiden befinden sich im dritten Semester des Master-Studiengangs „Literatur und Kulturtheorie“. Und diese relativ junge Form der angewandten Literaturwissenschaft sieht irgendwann, wohl als eine Art Praxisschocktherapie, ein eigenständiges „Projekt-Modul“ vor.

Dafür gibt‘s dann einen Schein. Und jede Menge gesammelte Erfahrung. Wenn schon, „dann machen wir‘s richtig dick“, dachten sich die Studentinnen – und machten sich April vergangenen Jahres daran, in Tübingen ein eigenes Festival aufzuziehen.

Und zwar nicht irgendeines. Ein „intermediales Festival“ soll es werden, angereichert mit Live-Musik, Performances, Video und Film. Das geht über die klassische Literaturvermittlung hinaus, finden beide. Denn herkömmliche Festivals, so Vanessa-Cher Zimmerer, sind oft: „Leselampe, und sonst passiert nicht viel.“ Das soll hier natürlich anders werden. „Studenten und junge Leute brauchen mehr Unterhaltung“, glaubt Zimmerer.

Ihr „Laut Lesen Live Festival“ will „Literatur mit Natur verbinden“, stellt Frauke Kreis klar. Konkret heißt dies: Es soll einen „Charity-Hintergrund“ geben. Kreis und Zimmerer haben Louie Psihoyos‘ Dokumentation „Die Bucht“ vor Augen, 2010 als bester Dokumentarfilm Oscar-prämiert: Er zeichnet das Abschlachten von 2000 Delfinen durch die japanische Fang-Flotte auf. „Wer das sieht“, sagt Zimmerer ernst, „will was tun.“

Deshalb soll der Reingewinn aus dem Festival komplett an die Whale and Dolphin Conservation (WDC) gehen, die internationale Wal- und Delfinschutzorganisation. Zimmerer und Kreis sind beeindruckt, wie viele andere, auch Profis, bei ihrem Lowest-Budget-Festival zugunsten der guten Sache mitziehen. Und so wird es an den beiden Festivaltagen im April Nachmittagsveranstaltungen geben, die nichts kosten, während der Erlös aus der zentralen Abendveranstaltung als Spende an die Walschützer gehen soll.

Schnell war aber auch klar: „Wir brauchen einen Star.“ Einen, der den Festsaal füllt, damit am besten eine fünfstellige Summe überwiesen werden kann. Wunschkandidat war Frank Schätzing – kein Wunder: massen- und multimediakompatibel, und dann auch noch der Autor von „Der Schwarm“. Die Verhandlungen zogen sich über Monate hin, es wurde aber nichts draus.

Christoph Maria Herbst dagegen fand sich bald bereit: Der „Stromberg“-Hauptdarsteller reist mit seiner performativen Power-Lesung aus Timur Vermes‘ Bestseller „Er ist wieder da“ an, in dem Adolf Hitler ins Berlin der Jetztzeit gerät.

„Er spendet selber“, loben die beiden Festival-Macherinnen den Vorleser Herbst. Und dessen Agentur verzichtet sowieso aufs komplette Salär. Überhaupt machen nahezu alle unentgeltlich mit. Und ein paar Sponsoren gibt’s auch schon: die Stadtwerke, die Kreissparkasse, wahrscheinlich auch das Kulturamt.

Leider fehlte eine entscheidende Unterstützung, nämlich die der Universität. Dabei „gehört das doch zur Uni“, wundert sich Vanessa-Cher Zimmerer. Mehr noch: Dort habe man ihnen „Steine in den Weg gelegt“, heißt es. An der happigen Festsaal-Miete, die auch betuchtere Veranstalter oft verzweifeln lässt, sind bislang keinerlei Abstriche gemacht worden. Die beiden wollen jetzt den Rektor persönlich ansprechen. Sie betonen aber, dass zumindest die Medienwissenschaftler aus dem Brechtbau „supertoll dabei“ sind.

Außerdem sagen sie sich, bei allen Hindernissen: „Jetzt erst recht!“ Dann halt losgelöst von der Uni. Das Festival, mit seinen Lesungen der anderen Art, sei inzwischen ein „Selbstläufer geworden“, Vanessa-Cher Zimmerer freut sich darüber hinaus: „Man stolpert nicht mehr über die Steine, weil man jetzt schon weiß, wo sie liegen.“

Es ist ein Handmade-Festival, alles aus erster Hand. Die beiden Studentinnen erledigen ziemlich viel selbst. So ermunterten sie gleich mal sämtliche Studierende der Tübinger Uni per Rundmail, eigene Texte zum (Ozean) Thema beizusteuern. Wirklich alle, immerhin 28 000!? Das geht, versichern sie, zumindest Uni-intern.

Dann siebten sie als Zweier-Jury die vielen eingegangenen Kurzgeschichten oder Roman-Rudimente. Dabei wollten sie eine „gewisse Qualität wahren“, so Zimmerer, und „keine Kindergartentexte“. Man müsse meistens nur eine Seite lesen, lernten sie, dann wüsste man, ob das was taugt. Sie erledigten die Lektoratsarbeit zusammen. Und gaben dann sogar noch Tipps bei den zahlreichen Absagen.

Das zeitlich nahe Bücherfest, nur wenige Wochen nach ihrem Festival, bereitet ihnen kaum Sorgen: „Wir machen uns keine Konkurrenz“. Die beiden hatten sogar mit Bücherfest-Organisator Michael Raffel verhandelt, ob man sich nicht sogar zusammentun sollte. „Dann hätten wir es aber abgeben müssen, das wäre ein zu großer Verlust gewesen.“

Wer wagt gewinnt. Und bestimmt. „Mitten drin statt nur dabei“, sagen sich die beiden vergnügt. Sie wollen außerdem weitermachen und das Festival später fortführen. Es war bislang „ein großer Lernprozess“, so Frauke Kreis. Wie das ganze auch ausgeht: Solch ein Projekt-Modul im Master-Studiengang wird allen Beteiligten wohl unvergessen bleiben.

Ein Masters-Modul mit Charity-Charakter
Stargast des Literaturfestivals: Christoph Maria Herbst.

Ein Masters-Modul mit Charity-Charakter
Vanessa-Cher Zimmerer

  • „Literatur erLeben“ nennt sich das Zweier-Team Frauke Kreis und Vanessa-Cher Zimmerer werbewirksam. Sie lassen ihr „Laut Lesen Live Festival“ am Mittwoch, 22. April, um 17 Uhr im Kino „Löwen“ mit einer Bunten Lesung („Show me, don´t tell me“) beginnen: Verschiedene Künstlerinnen und Künstler, darunter das Tübinger Figurentheater, interpretieren Texte von vier Nachwuchsautor(inn)en.
    Um 20 Uhr tritt dann Christoph Maria Herbst im Festsaal auf. Herbst hat auch die – schon mehr als 300 000 Mal verkaufte – Hörbuchversion von Timur Vermes’ Megaseller „Er ist wieder da“ gelesen.
  • > Am Donnerstag, 23. April, dem „Welttag des Buches“, geht es wiederum um 17 Uhr im Kino „Löwen“ mit dem zweiten interaktiven Lesungsteil weiter. Diesmal sind es sechs Texte, die in den Formaten Balletttanz, Schauspiel, Konzert und Artistik, Chor und Film behandelt werden. Hier sind unter anderem der Grafikdesigner Falko Stengel und die Illustratorin (und Master-Mitstudentin) Maike Gerstenkorn dabei.
  • >Weitere Informationen gibt es im Netz unter der Adresse literaturerleben.com

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17.01.2015, 12:00 Uhr
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