Modegeschichte

Ein Jahrhundert Naturana-Historie in einem Museum

Von Eike Freese

Der Gomaringer Textiler Naturana feiert in diesem Jahr den 100. Geburtstag. Derzeit laufen die Planungen für ein eigenes Wäsche-Museum im Ort. Anfang kommenden Jahres soll es in einem Firmengebäude in der Ortsmitte eröffnen.

Ein Jahrhundert Naturana-Historie in einem Museum

Der Gomaringer Naturana-Komple. Bild: Franke

100 Jahre schwäbische Textilgeschichte sind in dem Buch zusammengefasst, das dieser Tage erscheint und zum Thema das bewegte Auf und Ab des Gomaringer Mode-Produzenten Naturana hat. Präziser: Unterwäsche-Produzenten. Und das hat auch für die Wissenschaft nochmal einen ganz besonderen Reiz.

„Das Thema ist unglaublich vielfältig“, sagt Kulturwissenschaftlerin Kerstin Hopfensitz, die die Chronik gemeinsam mit Kollegin Susanne Goebel verfasst hat: „Wäsche bedeutet Sozialgeschichte, Frauengeschichte, Technik-Geschichte. Dazu bedeutet es natürlich Sinnlichkeit – einfach ein tolles Gebiet.“

Goebel und Hopfensitz wurden vom 750-Mitarbeiter-Betrieb anlässlich des 100-jährigen Bestehens beauftragt. Sie holten Stücke aus Archiven und Dachböden Gomaringens, befragten Naturana-Mitarbeiter, Familienmitglieder und Chefs. Am Ende stehen knapp 130 auch optisch reizvolle Seiten, die das Zusammenspiel von Mode und Zeitgeist beleuchten – und für den Ort Gomaringen geradezu identitätsstiftend sein können.

Das der Chronik zugrundeliegende und weiteres Material soll spätestens im Frühjahr 2018 in einer Dauerausstellung in einem Naturana-Gebäude kondensieren. „Einen mittleren sechsstelligen Betrag werden wir investieren“, sagt Peter Hack, Mitglied der Naturana-Geschäftsführung. Derzeit ist die Konstanzer Ausstellungs-Firma „Design und mehr“ damit beauftragt, das Textilmuseum zu entwerfen. Die 3D-Animationen dieser Ideen sind zwar schon fertig (Bild oben rechts) – doch genau zum 100. Geburtstag Mitte Juli wird es nicht fertig, zu sehr verzögerten Anforderungen an Barrierefreiheit und Brandschutz die Arbeiten.

Das Museum soll nach Epochen, etwa nach Jahrzehnten, gegliedert sein und damit einen Überblick bieten über einen modisch gesehen gewaltigen Zeitraum: vom Korsett bis zum Vegan-Trend. Die Räume an der Bahnhofstraße sollen die Geschichte der regionalen Textilindustrie am Beispiel Naturana mit der Zeit- und Weltgeschichte spiegeln: Vom martialischen „Brust-Plätter“ der 1920er-Jahre bis zur Anti-BH-Bewegung der 1970er und darüber hinaus.

Das Ganze ist auch als Werbung für Naturana gedacht, und deshalb kommen auch aktuelle Produkte des Gomaringer Unternehmens nicht zu kurz: Das BH-Modell „Star“ etwa, das sich seit rund 30 Jahren über 40 Millionen Mal verkauft hat – und das damit ein Stück prägende Alltags- und Konsumkultur geworden sein dürfte.

„Das Ganze soll ganz bewusst nicht nur für Modefreunde interessant sein“, sagt Peter Hack, „sondern auch zeigen, wie technikgetrieben die Textilindustrie gerade in Baden-Württemberg immer schon war“. Gerade die Unterwäsche-Branche brauchte schon früh technische Lösungen für ihre Versprechungen an die oft bemitleidenswerte Kundin: schlanker wirken, voluminöser wirken – die Konsumwünsche wechselten von Epoche zu Epoche stetig durch.

Die Ausstellung beschließen wird eine Abteilung zur Gegenwart, in der Besucher über Tablet-Computer interaktiv werden sollen. Geöffnet haben, so Naturana-Co-Chef Peter Hack, soll das Museum voraussichtlich an einem Tag in der Woche.


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30.06.2017 - 01:00 Uhr