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Verletzt, gelähmt, verstümmelt

Ein Jahr nach dem Hochhauseinsturz in Bangladesch kämpfen Näherinnen um Entschädigung

Der Hauseinsturz von Rana Plaza war das größte Unglück in der Geschichte der Textilindustrie Bangladeschs. Weltweit löste die Katastrophe Entsetzen aus. Doch an den Missständen hat sich wenig geändert.

23.04.2014
  • von MICHAELA HÜTIG, EPD HENNING ENGELAGE, AFP

Frankfurt 16 Stunden lang lag Shila Begum hilflos unter den Trümmern. Ihr rechter Arm war unter einer Nähmaschine eingeklemmt, ihr Bauch unter einem Wandpfeiler zusammengequetscht, ein Balken hatte sich durch ihren Unterleib gebohrt. Immer wieder verlor die Näherin das Bewusstsein. "Wenn ich zu mir kam, hatte ich unbeschreibliche Schmerzen und dachte, dass ich meine Tochter nie mehr wiedersehen würde", erinnert sie sich an den Unglückstag vor einem Jahr, als in Bangladesch das Fabrikhochhaus Rana Plaza einstürzte. Als Rettungskräfte Shila Begum schließlich schwer verletzt ausgruben, hatte sie eigentlich schon alle Hoffnung aufgegeben.

Die heute 26 Jahre alte Näherin gehört zu den rund 1650 Verletzten des schwersten Fabrikunglücks in der Geschichte der Textilindustrie Bangladeschs vom 24. April 2013. Mehr als 1130 Menschen verloren dabei ihr Leben. Erst am Tag zuvor waren an dem achtstöckigen Gebäude Risse festgestellt worden. Obwohl die Fabrikbesitzer davon wussten, zwangen sie tausende Näherinnen mit Gewalt, weiterzuarbeiten. Für Hungerlöhne. Auch Begum sagt, sie sei damals geschlagen und mit Lohnkürzung bedroht worden.

Nach dem Unglück war das Entsetzen dann groß. Die Katastrophe warf ein Schlaglicht auf die Missstände in der Textilindustrie in Bangladesch und löste weltweit Mitgefühl aus. "Vielen Verbrauchern hat das Unglück erst vor Augen geführt, unter welch unmenschlichen Bedingungen ihre Kleidung hergestellt wird", sagt Frauke Banse von der "Clean Clothes Campaign" (Kampagne für saubere Kleidung).

Wegen der Proteste im In- und Ausland wurden Initiativen gestartet, um die Sicherheit in den Fabriken und die Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter zu verbessern. Doch nach Ansicht von Gewerkschaften und Aktivisten reicht das noch lange nicht aus. Zwar wurden vergangenes Jahr mehrere Verträge geschlossen, um die Sicherheit in den rund 5000 Textilfabriken in dem südasiatischen Land zu verbessern. So traten 150 vorwiegend europäische Unternehmen einem Gebäude- und Brandschutzabkommen bei, das etwa 1700 Betriebe mit mehr als zwei Millionen Beschäftigten umfasst. Die Sicherheit wird nun von den Behörden überprüft, und etliche Fabriken mussten daraufhin bereits geschlossen werden. Auch wurden die Besitzer des Rana Plaza und einige Fabrikbetreiber verhaftet und verurteilt.

Doch an den Arbeitsbedingungen haben die Abkommen wenig geändert. Die überwiegend weiblichen Beschäftigten müssten weiter bis zu 100 Überstunden pro Woche leisten und seien Beschimpfungen und körperlicher Gewalt ausgesetzt, erklärt Gisela Burckhardt von der Frauenrechtsvereinigung "Femnet", einer der Trägerorganisationen der Kampagne für saubere Kleidung. Gewerkschaften in Bangladesch würden weiter unterdrückt. Außerdem habe die Erhöhung des monatlichen Mindestlohns von umgerechnet 30 auf 53 Euro den Näherinnen wegen der hohen Inflation netto kaum mehr Lohn gebracht. Ohnehin müsse das Einkommen mindestens bei 256 Euro liegen, um eine vierköpfige Familie ohne Überstunden ernähren zu können.

Davon abgesehen habe in den ersten beiden Monaten dieses Jahres nur die Hälfte der Betriebe den Mindestlohn auch tatsächlich überwiesen. "Viele Fabrikbesitzer erklärten, sie könnten den neuen Lohn nicht zahlen, da die Einkäufer keine höheren Preise gezahlt hätten, sondern im Gegenteil die Preise weiter drückten", sagt Burckhardt.

Auch bei der Entschädigung der Rana-Plaza-Opfer werden die westlichen Firmen nach Einschätzung der Aktivisten ihrer Verantwortung nicht gerecht. Zwar haben sich viele Firmen, die in dem riesigen Fabrikkomplex produzieren ließen, auf einen Entschädigungsfonds geeinigt.

Doch um medizinische Kosten und Lohnausfälle abzudecken, sind umgerechnet 29 Millionen Euro notwendig. In den Fonds, der von der Internationalen Arbeitsorganisation ILO verwaltet wird, wurden aber bisher erst etwa elf Millionen eingezahlt. Der Textildiscounter Kik zahlte Anfang April nach eigenen Angaben rund 360 000 Euro ein. Weitere 360 000 wollte der Discounter Opfern direkt per Spende zur Verfügung stellen. Neben den Hinterbliebenen der Getöteten sind vor allem die verletzten, verstümmelten und gelähmten Arbeiterinnen wie Shila Begum auf finanzielle Hilfe angewiesen. "Die Firmen müssen eine Entschädigung zahlen, damit wir überleben können", sagte die verwitwete Mutter einer zehnjährigen Tochter.

Begum hat von dem Geld aus dem Entschädigungsfonds bisher nichts gesehen. Allein von der Modekette Primark erhielt sie 25 000 Taka Notfall-Hilfe - umgerechnet rund 230 Euro. Das Geld ist aber längst verbraucht. Wer in Bangladesch nicht arbeiten kann, rutscht tief in die Armut. Die Kampagne für saubere Kleidung hatte Begum auch deshalb nach Europa geholt, um Druck auf die großen Modeunternehmen auszuüben, die bisher noch nicht in den Entschädigungsfonds eingezahlt haben. Nach Stopps in Frankreich, Italien und den Niederlanden erzählte sie auch in Frankfurt von ihrem Schicksal.

Seit dem Unglück ist Shila Begum arbeitsunfähig. Ihre Gebärmutter musste entfernt werden, den rechten Arm trägt sie immer noch in einer Schiene. Mit einer Entschädigung hofft sie, wieder Fuß zu fassen: Sie möchte einen Kiosk eröffnen.

Ein Jahr nach dem Hochhauseinsturz in Bangladesch kämpfen Näherinnen um Entschädigung
Mehr als 1000 Menschen starben beim Einsturz einer Fabrik in Bangladesch voriges Jahr. Bis heute warten viele Überlebende auf die zugesagte Entschädigung, darunter auch die Näherin Shila Begum (links). Fotos: epd, afp

Ein Jahr nach dem Hochhauseinsturz in Bangladesch kämpfen Näherinnen um Entschädigung

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23.04.2014, 12:00 Uhr
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