Ulla Steuernagel über die Französischen Filmtage

Ein Festival mit Atmo und Debatten

Von Ulla Steuernagel

Ich stehe in der Kassenschlange und versuche den Sitzplatzzähler zu hypnotisieren: drei freie Plätze in Kino 2 und zwei Käufer vor mir.

Das dürfte gerade noch klappen. Doch vor meiner Nase springt der Zähler auf null. Dabei wollte ich ins Gegenprogramm zum Wohlfühlkino, das in den Großen Saal ruft. Bei der „Bretonischen Liebe“ wären immerhin noch 25 Plätze frei gewesen. Ich hatte mich für das halbdokumentarische Roadmovie um drei Freunde entschieden, die über ihre Rückkehr in den Iran nachdenken. Kein großer Film, aber ganz nett.

Das Foyer im Kino Museum war am Samstag so voller Besucher, wie ich es selten bei vergangenen Französischen Filmtagen erlebt habe. Und auch an den Abenden davor strömte das Publikum. Bei manchen Vorstellungen hätte das Museum locker zwei große Kinos füllen können – und zwar ohne einen einzigen Star. Das Tübinger Publikum pfeift auf die Diven und die VIPs, es honoriert offensichtlich, dass beim Festival Filme gezeigt werden, die sonst nicht im Kino zu sehen wären. Und es honoriert, auch das war deutlich, dass die Frankophonie nicht am französischen Tellerrand endet, sondern in viele Regionen der Welt führt, sogar in die No-go-Areas, die, wie die Pariser Vororte, direkt vor der eigenen Nase liegen.

Der Nachteil an einem geballten Festivalprogramm ist, dass man immer irgendwo was verpasst und dass die Vorstellungszeiten keine Rücksicht auf den eigenen Terminkalender nehmen. Dieses Jahr war unter den 15 Filmen, die ich gesehen habe, zwar kein richtiger Knaller, und die Höchstnote vergaben die TAGBLATT-Kritiker in diesem Jahr gerade zwei Mal, dafür acht Mal die drei Sterne. Aber diesmal war etwas da, das die fehlenden Entdeckungen verschmerzen ließ: Es war Festival-Atmosphäre da. Wie die entsteht? Dadurch, dass man nicht nur mit der eigenen Alterskohorte Filme anschaut, dass die Gäste Welt in die Stadt bringen, dass in den Kneipen über Filme diskutiert wird und dass man mehr Filme schaut, als man eigentlich wollte und vielleicht auch verträgt.

Fast scheint es, als hätte es bei den am Mittwochabend endenden Filmtagen mehr Dokus gegeben als in den Vorjahren. Der Eindruck täuscht: Es wurde nur mehr diskutiert.

Unser Filmkritiker Klaus-Peter Eichele („che“) beklagte in seiner Bilanz des Festivals von 2016, dass die Debattenkultur des Vorjahres leider nicht erreicht wurde. „che“ hätte sich, wenn er noch lebte, vermutlich über die regen Diskussionen in diesem Jahr gewundert: über afrikanisches Kino, über die Ban-lieues und auch, ganz groß angelegt, über die Welt, in der wir leben (wollen). Das Filmtage-Team hat seine Arbeit diesmal richtig gut gemacht und, wie zu hören ist, sagen das auch die Gäste, die ihre Tübingen-Eindrücke nun in die Welt mitnehmen.


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


08.11.2017 - 01:00 Uhr