Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Der frühere Schulleiter Fritz Sperth spricht über die Schwächen der Schulen und über die Stärken der Schüler

Ein Abschluss braucht Anschluss

„Rock Your Life!“ ist eines von zwei Tübinger Projekten, die das TAGBLATT mit seiner diesjährigen Spendenaktion unterstützt. Der Verein vermittelt Coaching-Beziehungen zwischen Studierenden und den Schülern, die in der neunten oder zehnten Klasse kurz vor ihrem Abschluss stehen. Die „Rocker“ kooperieren dazu unter anderem mit der Gemeinschaftsschule West. Fritz Sperth war nicht nur langjähriger Rektor der Schule, sondern ist auch Mitglied im Beirat des Vereins.

23.12.2013
  • Interview: Madeleine Wegner

SCHWÄBISCHES TAGBLATT: Herr Sperth, Sie haben über 40 Jahre Erfahrung als Hauptschul-Lehrer. Davon haben sie über zwei Jahrzehnte die heutige Gemeinschaftsschule West geleitet und die Entwicklung von drei Schularten mitbestimmt. Was glauben Sie fehlt unseren Schulen?

Fritz Sperth: Unsere Schulen brauchen mehr Freiheit, ihre Konzeptionen, Inhalte und Ziele den Jugendlichen vor Ort anzupassen. Die Schulen, die Lehrer und die Verantwortlichen müssen sich noch stärker die einzelnen Schüler und deren individuellen Bedürfnisse anschauen. Und die Fragestellung muss lauten: Was braucht das einzelne Kind? Es herrscht im Moment eine zu struktur- und methodenlastige Diskussion. Sie orientiert sich nicht am höchst möglichen Erfolg und menschlichen Wachstum des Einzelnen, sondern stark an Kompetenzrastern, Niveaus und deren Überprüfung. Aber Erfolg ist für jeden etwas anderes und lässt sich nicht an einem vorgegebenen Durchschnitt messen. Nehmen wir die Pisa-Studie: Natürlich könnten wir auch versuchen, alle Kinder zu Mathe-Assen auszubilden. Aber wollen wir wirklich wie in Asien unterrichten?

Dass Kinder in der Schule möglichst viel lernen sollen, halte ich für eine Selbstverständlichkeit.

Bei uns herrscht seit Jahren eine Diskussion über die optimale Verwertbarkeit auch von menschlichen Ressourcen. Dabei ist Schule aber auch der Ort, an dem die humane und demokratische Basis unserer Gesellschaft gesichert werden muss. Gesellschaftliche Grundwerte wie Solidarität und Toleranz müssten der implizierte Lehrplan in allen Fächern der Schulen sein und die Grundhaltung im Umgang miteinander. Erfolg sollte an der Möglichkeit und Fähigkeit zur politischen, kulturellen und ökonomischen Teilhabe an unserer Gesellschaft gemessen werden.

Außerdem fehlt es unseren Schulen an Ausstattung und Personal. Unsere Investition in die Schulbildung ist – gemessen am Bruttosozialprodukt – kleiner als in anderen Ländern.

Ist es der richtige Weg, wenn Ehrenamtliche an Schulen zusätzliche Angebote schaffen?

An der Innenstadt-Schule haben wir nur mit Ehrenamtlichen gearbeitet, die sehr qualifiziert waren. Das waren zum Beispiel qualifizierte Fachleute vom CVJM, die ein Freizeitprogramm für Schüler angeboten haben.

Oft steckt bester Wille hinter der ehrenamtlichen Arbeit, doch manchmal gelingt dann nicht alles und die persönliche Enttäuschung ist groß. Und im schlimmsten Fall richtet es sogar Schaden an. Bei „Rock Your Life!“ haben die Leute eine sehr professionelle Organisation auf die Beine gestellt. Auf die Strukturen und auf die Ehrenamtlichen kann man sich verlassen.

„Rock Your Life!“ hat kürzlich den Ehrenamtspreis des Landes Baden-Württemberg erhalten. Was macht den Verein und sein Konzept aus Ihrer Sicht so besonders?

Ältere Erwachsene, Lehrer, Eltern: Sie alle meinen zu wissen, was gut für Jugendliche ist. „Rock Your Life!“ aber findet einen Zugang zu den Schülern, ohne ihnen gleich etwas vorzugeben, begleitet sie in der Orientierungsphase und konzentriert sich auf die Ziele und Stärken der Jugendlichen – das halte ich für eine gute Geschichte. Was den Verein außerdem sympathisch macht: Die Leute sind ehrlich. Sie behaupten nicht, dass sie das alles selbstlos tun, sondern sagen von vornherein, dass alle Seiten davon profitieren.

Einerseits erweitern die Jugendlichen ihren Horizont, wenn sie Studenten kennen lernen. Und die Studenten ihrerseits werden sensibilisiert für eine gesellschaftliche Gruppe, zu der sie sonst kaum Kontakt haben. Das kann ein großer Vorteil sein, wenn sie später in einer Führungsposition landen.

Schüler haben ein sehr indifferentes Bild von Studenten. Das Vorurteil lautet: Die studieren, die arbeiten nicht. Sie merken schnell: Studenten sind Menschen mit ähnlichen Zielen und Wünschen wie ich, für die sie hart arbeiten müssen. Und wenn der so normal ist und das Studium schafft, dann schaffe ich das vielleicht auch, meine Ziele zu erreichen.

Die Studenten sind mit ihren Beziehungen und Bekannten natürlich manchmal auch Türöffner. Das kann besonders bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz wichtig sein.

Wie haben Sie das bei ihren Schülern erlebt? Ist es tatsächlich so schwierig für Schüler mit einem niedrigeren Schulabschluss, einen Ausbildungsplatz zu bekommen?

Schule ist nur eine Übergangs- oder Durchgangsstation. Ein Schul-Abschluss sollte selbstverständlich sein, aber ein Abschluss ohne Anschluss ist nichts wert. Besonders große Industriebetriebe geben Hauptschülern mittlerweile kaum noch eine Chance. Ein Segment, das den Hauptschülern offen stand, war und ist das Handwerk. Aber auch dort sind die Anforderungen gestiegen. Wenn nur noch sieben Prozent eines Jahrganges die Hauptschule besuchen, sind darunter natürlich auch einige, die mit diesen Anforderungen überfordert sind. Um diese Jugendlichen muss man sich verstärkt auch noch nach dem Schulabschluss kümmern.

Schüler aus zwei Dutzend Nationen lernen in der Gemeinschaftsschule West unter einem Schuldach. Bei über 70 Prozent der „Rock Your Life!“-Schüler kommt mindestens ein Elternteil aus dem Ausland. Welche Rolle spielt Migration für die Bildung?

Der Zusammenhang zwischen Migration und Bildung hat mit unserer Einwanderungsgeschichte zu tun. In den 1960ern hat man die Leute nur als Arbeitskräfte gesehen, ohne sich um Integration zu kümmern. Beide Seiten dachten schließlich, die Arbeiter würden wieder zurück in ihre Heimatländer gehen. Auch hier die Sprache zu erlernen, hielt man nicht für so wichtig: Noch heute gibt es in der ersten Generation Zuwanderer, die immer noch fast kein Deutsch sprechen. Das bedeutete für die Kinder einen riesigen Startnachteil im Kindergarten und auch in der Schule. Es ist zum Beispiel schwierig für die Schüler, zu Hause Unterstützung bei den Hausaufgaben zu bekommen – so schaukelt sich das dann hoch.

Als es die Grundschulempfehlung noch gab, bekamen Kinder mit Migrationshintergrund – bei gleicher Leistung – seltener eine Empfehlung fürs Gymnasium, eben weil man davon ausging, dass sie zu Hause weniger Unterstützung bekommen könnten.

Hinzu kommt: Die Versorgung der Schulen ist heute schlechter als noch in den 1980er Jahren, beispielsweise was AGs am Nachmittag angeht. Außerdem waren früher Förderstunden für Kinder mit Migrationshintergrund in der Pflichtversorgung drin. Diese Ressourcen fehlen jetzt natürlich.

Früher war vieles besser?

Wir waren früher in mancherlei Hinsicht schon mal ein Stückchen weiter, glaube ich. Was ermöglicht optimales inneres und äußeres Wachstum? Das ist das Thema an Schulen. Und dabei geht es nicht nur um den Blick auf die Inhalte, sondern auf die Beziehung zu den Schülern. Das System Schule sollte die Chance bieten, dass Schüler Selbstwirksamkeit erfahren. Sie sollen Erfahrung machen können: Das, was ich tue, verändert etwas, ich habe einen Einfluss auf mein Leben.

Unsere Systeme heute sind stark am Defizit orientiert. Natürlich muss man sich um die Schwächen des Einzelnen kümmern, aber orientieren sollten wir uns an den Stärken. Nehmen wir zum Beispiel Legastheniker: Ich kann sehr viel Zeit darauf verwenden, einem Legastheniker ein kleines bisschen bessere Rechtschreibung beizubringen; aber der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Erfolg. Dabei übersehe ich dann vielleicht völlig, dass der Schüler besonders gut in Mathe oder auf einem anderen Gebiet ist. Ihn dort zu fördern würde viel mehr Sinn machen.

Durch die Gemeinschaftsschulen hat sich das Schulsystem im Ansatz verändert: Schüler, denen das Lernen aus sehr unterschiedlichen Gründen schwerer fällt, haben hundert Prozent der Kinder an den Hauptschulen ausgemacht, das ganze System war auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten. In den Gemeinschaftsschulen sind sie Teil eines größeren Systems und machen nur noch zehn Prozent darin aus, sie sind dort nur noch eine „Randgruppe“.

Aber es gibt eben nach wie vor Kinder, die sich mit vielen Geschwistern ein Zimmer teilen müssen oder solche, die von ihren Eltern nicht versorgt werden können und die keine zuverlässigen Beziehungen erfahren haben. Die Systeme müssen darauf achten, diese Kinder nicht aus dem Blick zu verlieren.

Info: Wenn Sie das Projekt „Rock Your Life“ unterstützen möchten, spenden Sie auf das Konto 171111 bei der Kreissparkasse (BLZ 64150020) oder bei der Volksbank (BLZ 64190110), Stichwort: „Projekt 2“. Falls Sie eine Spendenbescheinigung benötigen (ab 200 Euro), geben Sie bitte ihre vollständige Adresse an.

Ein Abschluss braucht Anschluss
Nach über 20 Jahren als Rektor verließ Fitz Sperth im vergangenen Jahr die Tübinger Gemeinschaftsschule West.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

23.12.2013, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 
Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Heute meistgelesen
Hechingen/Bodelshausen Radlerin stirbt nach Sturz
Prozess wegen fahrlässiger Tötung am Jugendschöffengericht Gute Absicht mit tödlicher Folge
Wirtschaft im Profil


In der aktuellen Ausgabe des Business-Magazins Wirtschaft im Profil : Schöner Arbeiten - Bedeutung von Architektur für Unternehmen der Region
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-0
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934166
wip@tagblatt.de

Zum Kontaktformular