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Vom Infotresen zur Baustelle

Edwin Kessler war drei Jahre lang auf der Walz

Wie weit kommt man mit 75 Euro? Edwin Kessler kam damit drei Jahre durch die Welt, von Hirrlingen bis nach Kanada, vom Harz bis in die Schweiz. In jungen Jahren begab er sich als Zimmermannsgeselle auf die Walz. Größere Reisen hat das Leben selten zu bieten.

31.08.2012
  • Ulla Steuernagel

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Ade, Eltern! sagte Edwin Kessler mit 17 Jahren. Und dann schnürte er sein Bündel, nahm seinen Stock und zog hinaus in die Welt. Es klingt wie im Märchen, aber das Ganze spielt im Jahr 1980 in Hirrlingen. Die Eltern waren nicht besonders begeistert über die Wanderlust des Sohnes, doch der ließ sich „durch nichts davon abbringen“. So jedenfalls stand es am 8. August 1980 in der ROTTENBURGER POST.

32 Jahre später ist klar, dass der Zimmermannsgeselle die Walz gut überstanden hat und ein gerüttelt‘ Maß an Lebenserfahrung davon trug. Die 150 Mark, die er damals mitnahm, mussten auch nicht für die ganze Welt reichen. Sie mussten nur bis zur nächsten Arbeitsstelle halten. Denn das Prinzip der Walz oder Wanderschaft ist, dass man sich Arbeit sucht und bei Kameraden Unterkunft und Verpflegung bekommt.

„Wenn du keine Lust auf Arbeit hast oder keine findest, dann kannst du die Gewerkschaftsbüros abklappern“, auch diese Möglichkeit nutzte Kessler ab und an. Ins „Wanderbuch“ gab‘s einen Stempel mit der Höhe der Spendensumme. Im Fachjargon oder der „Rolandsbrüder“-Sprache heißt das: „Schmalmachen“, also um Geld betteln.

Viele derartige Stempel sammelte Kessler allerdings nicht in seinem Buch, er ist nicht der Typ fürs „Schmalmachen“, eher fürs „Geniegeln“, was so viel wie Arbeiten oder Schuften bedeutet.

Doch zunächst musste Kessler erst einmal Land gewinnen. Grobe Richtung – Kiel. Öffentliche Verkehrsmittel sind unter den Burschen jedoch verpönt: „Wir sind getrampt und gelaufen“, erinnert sich Kessler. Handys waren damals auch noch nicht erfunden und wenn, dann wären sie wider die Regeln gewesen. Trotzdem funktionierte der Buschfunk der Innung ziemlich gut.

Die Standesorganisation der Zimmer- und anderen Bauleute heißt „Rolandschacht“, und die Rolandsbrüder haben überall ihre Stammlokale, bei denen man „aufklopft“, wie es heißt. „Da erfährt man, wo eine Baustelle ist, wo gut bezahlt wird und wo die beste Arbeit ist.“ Kessler musste also nur solche Infotresen ansteuern und wurde von dort aus weitergereicht.

Allerdings darf man sich diese Art des Vorwärtskommens dennoch nicht als Pauschalreise vorstellen. Hin und wieder gab es auch echte Reinfälle. Eine böse Überraschung erlebte Kessler beispielsweise im Harz. Irgendwo in der Nähe von Goslar. „Da geh‘ ich nie wieder hin“, schwört er auch noch 32 Jahre danach.

Es war nämlich im bitterkalten Winter des zweiten Jahres. Der Wanderbursche suchte ein Quartier und hörte von einem Naturfreundehaus tief im Wald. Unerschrocken begab er sich abends auf den Weg, doch dieser zog und zog sich. „Endlich sah ich das Haus und klopfte an die Tür.“ Eine Frau öffnete und beschied ihm unwirsch: „Geschlossene Gesellschaft – und zwar nur für Frauen.“ Dann warf sie ihm die Tür vor der Nase zu. Keine Chance auf Einlass und keine Kraft mehr zurückzuwandern, das war die Situation, vor der Kessler stand.

Und dann stand er noch vor einem kleinen Haus – einer Hundehütte, in ihr war kein Hund, aber Stroh. Also legte Kessler sich hinein. „Ich habe da geschlafen wie das Jesuskind“, sagt er lachend. Am nächsten Morgen guckte eine alte Frau zur Hütte rein und schlug die Hände überm Kopf zusammen. „Ja, was“, entfuhr es ihr. „Was machst du denn in der Hütte?“ Dass er darin geschlafen habe, erschien ihr ungeheuerlich. „Ich habe den Hund extra ins Haus geholt“, sagte sie, „weil‘s draußen so kalt war.“

Er habe in der Nacht nicht gefroren, man sei schließlich warm angezogen, so Kessler im Rückblick. Dabei reisen die Zimmerleute mit äußerst knappem Gepäck. Außer der Kluft am Körper tragen sie noch eine zweite im Bündel mit sich herum. Aber das sei nie ein Problem gewesen. „Man hat jeden Tag geduscht und dabei einfach das Hemd angelassen.“ Das mache er heute noch so, sagt Kessler. Allerdings nur im Urlaub, wenn er campt.

Das Tuch, auch „Charlie“ genannt, birgt auch eine Säge, eine Stoßaxt, ein Stemmeisen und einen Winkel. „Die Säge ist das Gerüst, drum herum legt oder wickelt man die anderen Sachen.“ Mit dem Hut könne man auch tagelang durch Regen laufen, ohne richtig nass zu werden, behauptet Kessler und gibt zu: „Das macht natürlich niemand, denn sobald es regnet, sucht man sich eine trockene Kneipe.“

Edwin Kessler ließ sich nirgendwo lange nieder, er reiste von der Nordsee zur Ostsee, nach Polen, Frankreich, Spanien, in die Schweiz und nach Österreich. Er sei ein begehrter Handwerker gewesen, man habe ihn nie gerne gehen lassen. In Frankreich fiel ihm auf, dass die Zimmerleute dort zwar „sehr viel drauf haben“, aber für Treppenbau seien eher die Schreiner zuständig. Also trug Kessler das Treppenbau-Knowhow in die Zimmerer-Zunft.

Wie lange er irgendwo blieb, das sei immer davon abhängig gewesen, „wie nett die Leute waren, wie viel man verdiente und wie hübsch die Mädchen“. Einem dieser Mädchen folgte er dann nach Calgary. In Kanada habe er von Kirschenernte bis Holzfällen alles gemacht.

Auch wenn es nicht ganz den Regeln entsprach, nahm Kessler sich einmal drei Monate Urlaub von der Walz. Denn man machte ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Drei Monate lang half er einem Skipper ein Segelschiff von La Rochelle an der französischen Atlantikküste nach Florida zu überführen. „Das war schon immer mein Traum, einmal als Schiffszimmermann zu arbeiten.“

Die Wanderjahren hätten ihm sehr gut getan, sagt Kessler im Rückblick. Anfangs sei er ein wenig schüchtern gewesen, aber das habe sich dann gelegt. Den schlechtesten Part bei der Reise hatten wohl Kesslers Eltern. In den drei Jahren habe er vielleicht drei bis vier Postkarten geschrieben, vermutet der Sohn, der dann aber doch wieder nach Hirrlingen zurückfand.

Edwin Kessler war drei Jahre lang auf der Walz
Zwei Rolandsbrüder auf der Wanderschaft: Mit Edwin Kessler (rechts) machte sich auch der Hirrlinger Geselle Jürgen Knödel (links) auf den Weg.Privatbilder

Edwin Kessler war drei Jahre lang auf der Walz
Edwin Kessler, 50, ist gelernter Zimmermann, aber in vielen Handwerken zuhause. Derzeit arbeitet er vor allem als Weinbauer auf seinen Weinbergen in Wurmlingen und Hirschau.

Die erste große Reise – Erlebnisse aus einer Zeit, als Reisen noch Abenteuer war. Das TAGBLATT fragt in dieser Serie nach früheren Reiseeindrücken.

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31.08.2012, 12:00 Uhr

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