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Nur 15 Meter bis zum Flussbett

Dritter Stuttgart-21-Tunnel unterm Neckar wird fertig

Die Bergleute stehen kurz vor dem Abschluss der Sprengungen für die Röhre zwischen Wangen und Untertürkheim.

22.11.2017
  • RAIMUND WEIBLE

Stuttgart. Siegfried Schönmaier prüft noch einmal die Kabel an den gut 60 Bohrlöchern in der Felswand. Darin sind 80 Kilogramm Sprengstoff verteilt, den der Sprengmeister in den nächsten Minuten hochgehen lassen wird. Dann gibt er das Zeichen zum Rückzug. Der 46-jährige Mineur aus Schönrain in der Steiermark und sein Team nehmen Aufstellung in einem Seitenstollen, gut 80 Meter von der „Ortsbrust“ entfernt. So nennen die Bergleute die Stelle, wo sie sich in den Berg vorarbeiten.

Der Tunnel, den die acht Mineure bohren, ist die dritte von vier Unterquerungen des Neckars für das Projekt Stuttgart 21. Zwei sind bereits ausgehöhlt. Diese beiden Röhren verbinden künftig den neuen Tiefbahnhof mit der bestehenden Strecke im Neckartal in Richtung Plochingen. Über die dritte Unterquerung, die gerade fertig wird, fahren künftig die Züge aus Bad Cannstatt und Nürnberg zum Bahnhof ein. Der vierte, noch nicht begonnene Tunnel nimmt den Verkehr in der Gegenrichtung auf.

Furcht vor einem Absacken

Die dritte Röhre unterquert die Sohle des Neckars auf einer Strecke von 186 Metern. Der Abstand zwischen Tunneldecke und Flussboden beträgt gerade mal 15 Meter. Der Vortrieb „wird komplett im Sprengbetrieb erledigt“, sagt Andreas Dörfel vom Team Allgemeine Projektsteuerung der Projektgesellschaft S21. Die Mineure sprengen von sechs Uhr morgens bis 22 Uhr am Abend. In der Nacht pausiert der Sprengbetrieb mit Rücksicht auf die Anwohner. Die Arbeit läuft im Zweischichtbetrieb jedoch rund um die Uhr.

Einige Fachleute hatten das Vorhaben der Neckarunterquerung kritisch gesehen. Eine Befürchtung war, das Neckarbett könnte angesichts der geringen Überdeckung einbrechen. Die größte Sorge war, die Bohrungen schädigten die Thermalwasserströme der Stuttgarter Mineralbäder. Was für die Bäderstadt Stuttgart eine Katastrophe wäre.

Exaktes Bild der Geologie

Dörfel versichert, dass die Verhältnisse vorher genauestens geprüft worden seien. Man habe sich ein exaktes Bild von der Geologie und den Grundwasserströmen gemacht. So wurde der Untergrund unter dem Fluss durch Bohrungen erkundet. Bevor die Arbeiten begannen, „wussten wir ziemlich genau, was uns erwartet“, sagt Dörfel, der Wirtschaftsingenieur mit dem Schwerpunkt Bau ist. Er und seine Kollegen könnten ausschließen, „dass wir in Schichten kommen, die Thermalwasser führen.“

Beim Gestein unterm Neckar handele es sich um kein Sediment, sondern um Gipskeuper, erläutert Dörfel: „Das ist fester, kein Anhydrit führender Fels.“ Anhydrit ist bei den Tunnel- und Straßenbauern gefürchtet wegen seiner Eigenschaft, bei Wasserzufuhr zu quellen.

Komplett trocken

Die Experten von S21 sehen sich nach den Erfahrungen mit den ersten drei Tunnel in ihrer Einschätzung bestätigt. Sie verzeichneten keinen Wassereinbruch, die Röhren blieben, so Dörfel, „komplett trocken“, auch diejenige, die nur acht Meter unterhalb der Flusssohle liegt. Das ist der Tunnel, durch den Züge künftig vom Tiefbahnhof Richtung Nürnberg ausfahren.

Dörfel hat Verständnis für die Ängste. Was ihn aber trifft, sind Zweifel an der Kompetenz der Ingenieure von der Projektgesellschaft und der beauftragten Unternehmen sowie der eingeschalteten Sachverständigen. „Das Schlimmste ist, wenn uns vorgeworfen wird, wir machten unsere Arbeit nicht richtig.“ Ein solcher Vorwurf treffe auch die Mineure, fügt ein Sprecher der Projektgesellschaft hinzu.

Zu ihrem Stollen gelangen die Bergleute über einen 40 Meter tiefen Kessel an der Ulmer Straße von Stuttgart-Wangen. Ein scheppernder Lift bringt sie hinunter zum Zugangsstollen. Von dort aus fahren sie mit einem Geländefahrzeug an die Arbeitsstelle. Die Löcher bohrt ein Gerät mit zwei Bohrlafetten. Radlader entfernen das gesprengte Gestein und laden sie auf Muldenkipper. Am Ausgang des Zwischenangriffs schafft ein Kran die tonnenschwere Last an die Oberfläche.

Der Boden vibriert

Es ist 10.44 Uhr. Schönmaier gibt Warnzeichen mit seiner Tröte. Kurz darauf drückt er auf den Knopf der Zündmaschine. In genau berechneter Reihenfolge detonieren die Sprengsätze. Es wummert, der Boden vibriert, acht Sekunden lang. Bei einem Abschlag wird der Tunnel um 1,3 Meter länger. Letzte Woche haben die Mineure mit 34 Sprengungen 30 Meter geschafft.

Im Stollen wabern Staub und die Sprengstoff-Gase. Von Schönmaiers Stirn rinnen Schweißtropfen. „Wir müssen erst auswettern, bevor die Arbeit weitergeht“, sagt der Sprengmeister. Dicke, schwarze Kunststoffrohre führen frische Luft an die Ortsbrust. Etwa eine halbe Stunde lang warten die Mineure ab. Dann messen sie den Schadstoffgehalt in der Luft, bevor sie wieder an die Ortsbrust gehen.

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22.11.2017, 06:00 Uhr
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