Mit dem Paddelboot von Passau bis ans Schwarze Meer

Drei Hemmendorfer paddelten 2325 Kilometer die Donau hinunter

Von Werner Bauknecht

Von Passau bis ans Schwarze Meer: Drei Hemmendorfer sind die Donau hinunter gepaddelt, 2325 Kilometer durch zehn Länder.

Drei Hemmendorfer paddelten 2325 Kilometer die Donau hinunter

Lagerfeuer zum Sonnenuntergang – aber die Stechmücken lauern schon. Privatbilder

Eine Schnapsidee: 2325 Kilometer im Sitzen. Doch Schnaps spielte beim Entstehen des Plans gar keine Rolle. Eher Chillen und Langeweile. Dabei kamen die beiden Hemmendorfer Felix Breit (22) und Manuel Mehne (23) auf die Donau zu sprechen. Da könnte man doch mal Kanu fahren. Ein paar Stunden später stand der Plan: Die gesamte Donau gleich, ab Passau. Mit dem Kanu. Zweieinhalb Monate. Und Kumpel Ronald „Ronnie“ Augsburger (23) wurde auch noch an Bord geholt.

Zeit hatten sie. Zwei der drei Abenteurer studieren. Mehne in Freiburg soziale Arbeit, Breit in Stuttgart Kunst auf Lehramt. Und Ronnie wechselte gerade den Job und musste erst nach dem Sommer bei seinem neuen Arbeitgeber, der Firma Beuter in Hirrlingen, anfangen.

Ein eigenes Kanu hatten sie allerdings nicht. Sie liehen sich ein paar Mal eins aus und schipperten trainingshalber bei Nürtingen auf dem Neckar herum. Das war es auch schon. Was ihnen danach auffiel: Nicht die Muskeln in den Oberarmen oder Beinen schmerzten. Sondern die Gesäßmuskeln. „Ich sag mal so“, sagt Breit: „Uns tat dauernd der Arsch weh.“ Dieses Problem wurden sie die ganze Reise über nicht mehr los.

Ein Falt-Kanu vom Sponsor

Um an ein eigenes Kanu zu kommen, suchten sie sich einen Sponsor. Und gleich biss einer der Top-Ausrüster an. Das Unternehmen Bergans of Norway schickte ihnen einen Faltkanadier. Einfach so. Den konnten sie dann in Hemmendorf in aller Ruhe zusammenbauen. „Es funktioniert wie ein Zelt, mit Rundbögen, die man als Streben nimmt. Das geht ganz schnell.“ Das Boot wog 25 Kilo. Außerdem brauchten sie wasserdichte Seesäcke. Der Stauraum, klar, war begrenzt auf dem Boot.

Los ging es dann am 30. Juli in Passau. Devise: Immer möglichst in der Mitte des Stroms bleiben. „Wenn die Donau später dann um die zwei Kilometer breit wird, ist das schon ein komisches Gefühl“, erinnert sich Augsburger.

Nach einer Woche dann: Wien. Da durchzuschaukeln, sei ein erhebendes Gefühl gewesen. Insgesamt 349 Kilometer Donau hat Österreich, mit neun großen Schleusen. Auf der gesamten restlichen Strecke kamen dann nur noch vier weitere dazu. Solche Schleusendurchfahrten mussten sich die Ruderer mit riesigen Tankschiffen teilen. „Wenn da so ein Monster neben einem steht – Mannomann“, sagt Breit.

Sonnenstich und Stechmücken

Der August war heiß. Mitten auf einem riesigen Fluss ohne Schatten war es noch heißer. Felix Breit musste gleich am zweiten Tag ins Krankenhaus. Undefinierbare Symptome, verbunden mit Nasenbluten. Ein Arzt signalisierte ihm unter der Hand: So schlimm wird es schon nicht werden. Also zurück ins Boot.

Die drei hatten ein Zelt dabei. Aber fast immer schliefen sie einfach am Ufer im Freien. Nur wenn die Stechmücken unerträglich wurden, flüchteten sie ins Zelt.

Eingekauft wurde einmal in der Woche. Dazu hatten sie extra eine Sackkarre an Bord. Während einer das Boot bewachte, machten sich die anderen zwei auf den Weg zum Einkauf. Alleine 25 bis 30 Liter Trinkwasser transportierten sie jedes Mal. Zu Beginn hatten sie es mal mit – abgekochtem – Donauwasser probiert. Das war keine gute Idee, mal abgesehen vom Geschmack: Danach mussten die drei immer rechts ans Ufer fahren und kurz aussteigen.

Party in Budapest

Frühstück gab es meistens morgens um sieben Uhr. Erst mit Gaskocher, doch nachdem der kaputt gegangen war, machten sie schön pfadfinderisch ein Lagerfeuer. Um zehn Uhr ging‘s aufs Wasser. Im Schnitt legten sie etwa 50 Kilometer am Tag zurück.

In Städten wie Bratislava oder Budapest ging es auch mal auf die Partymeile. Da konnten sie das Boot in die Obhut eines Kanuvereins geben. Besonders Budapest war beeindruckend. Da paddelten sie mitten durch die Stadt, und die Leute feierten sie von den Brücken herab. „Das war eindrucksvoll.“ Da hatten sie etwa ein Viertel der Reise hinter sich.

Ansonsten war abends ausruhen angesagt. Rotwein trinken, Uno-Uno zocken – die Tage waren anstrengend genug. „Wir hatten mal extremen Gegenwind“, berichtet Breit. „Da versuchst du stundenlang, vorwärts zu kommen, und es geht nichts. Das macht dich fertig.“

Mit ganzen Fischköpfen

Einmal kamen sie an ein defektes Stauwehr. Da hätten sie durch Stromschnellen fahren müssen – oder eben ihr Boot tragen. Also: Ausladen, transportieren, ins Wasser setzen, neu beladen. Das Boot wog mit Gepäck etwa 250 Kilo. Mit Besatzung fast 450 Kilo – die oberste Grenze seiner Tragfähigkeit. „Der Wassergang war entsprechend“, meint Augsburger grinsend.

Trotz der Gluthitze hatten sie viel Spaß auf dem Strom. Einmal jagten sie Biber, ein anderes Mal, in Serbien, begegneten sie einem Sportboot. Der Besitzer lud sie zur Geburtstagsparty eines Freundes ein. „Dort gab es dann die beste Fischsuppe unseres Lebens“, berichtet Mehne. „Dabei schwammen da ganze Fischköpfe drin rum. War gewöhnungsbedürftig.“ Dafür zog der Gastgeber sie am Sportboot auf einem Luftreifen mit Karacho durch das Wasser.

Hilfreiche Grenzpolizisten

Grenzen waren für die Abenteurer kein Problem. Immerhin führte ihre Reise durch zehn Länder. Nur selten erkannte man vom Fluss aus, dass man gerade eine Grenze überfahren hatte. In Rumänien fehlte ihnen eine Aufenthaltsberechtigung. Die Polizei griff sie auf. „Die waren derart freundlich, die haben uns 50 Kilometer zu dem Amt gefahren, wo man den Stempel kriegt. Und wieder zurück. Und dann haben sie uns noch zum Einkaufen gefahren und unser Zeug transportiert.“ Überhaupt hätten sie mit Behörden und Polizei nur beste Erfahrungen gemacht, berichten die drei Hemmendorfer.

In der Ukraine wachten sie eines Nachts erschrocken auf: lautes Gebrüll in einem Wäldchen. „Ein Bär“, konstatierte Mehne. Bei Tagesanbruch krochen sie aus dem Zelt und sahen vor sich: eine riesige Schafherde.

Am Ende, kurz vor der Mündung ins Schwarze Meer, streift die Donau noch Moldawien. „Gerade mal 570 Meter des Landes liegen an der Donau“, erklärt Breit. „Das wollten wir uns anschauen.“

Und dann tauchte zwischen den Bäumen das Meer auf. Wie auf ein Kommando sprangen die drei vom Boot ins Wasser. Salzwasser. Gigantische Schiffe.

Mehr als zwei Monate waren sie unterwegs gewesen. Sie waren noch immer beste Freunde und alle waren gesund. Zurück nach Deutschland ging es mit dem Fernbus. 48 Stunden im Sitzen. Eine letzte Herausforderung für die armen Gesäßmuskeln.


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


07.11.2017 - 01:00 Uhr