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Mit Tübingerin Fabienne Renaud

Doku „Vierzehn“ zeigt 14-Jährige, wie sie mit ihrer Schwangerschaft und dem Muttersein fertig werden

Der Dokumentarfilm "Vierzehn" begleitet vier Mädchen, die mit 14 Jahren schwanger geworden sind, auf ihrem Weg zur jungen Mutter. Eine der Protagonistinnen ist die Tübingerin Fabienne Renaud, die mit ihrem Sohn vor einigen Monaten unser Redaktionsgast war. "Vierzehn" wird am Freitag, 7. Juni, um 18.30 Uhr im Kino Arsenal gezeigt. Fabienne Renaud und Regisseurin Grünberg , die bereits das Nachfolgeprojekt "Achtzehn" abgedreht hat, sind anwesend.

03.06.2013
  • von Ulla Steuernagel

Mit 14 schwanger, mit 15 Jahren Mutter. Das ist ein Tempo, das man keinem Mädchen wünscht. Fabienne Renaud ist es so gegangen. Jetzt ist sie 19 Jahre alt, ihr Sohn im Kindergarten und sie glückliche Mutter.

Auch solche Geschichten gibt es. Eigentlich scheint das Unglück vorprogrammiert, und dann kommt es doch anders. Wenn man Fabienne Renaud mit dem kleinen Valentin sieht, denkt man unwillkürlich: Au-pair-Mädchen oder große Schwester. Aber diese große Schwester ist die Mutter.

Doku „Vierzehn“ zeigt 14-Jährige, wie sie mit ihrer Schwangerschaft und dem Muttersein fertig
Fabienne Renaud mit Valentin: Zwischen Mutter und Sohn liegt ein Altersunterschied von 15 Jahren.

Ihr Sohn Valentin (er ist inzwischen dreieinhalb Jahre alt) ist ein munterer Kerl. Während des Gesprächs betrachtet er Spielzeugautos, sortiert sie und korrigiert selbstbewusst den Fotografen, als der ihn bittet, das rote Auto in die Hand zu nehmen. „Nein,“ sagt er, „das ist orange.“ Auch zum Interview trägt er nach bestem Wissen und Gewissen bei, erzählt, dass seine Mutter geraucht habe, aber setzt gleich zu ihrer Entlastung hinzu: „nicht während der Schwangerschaft“. Sie sei überhaupt kein Partymensch, sagt die Mutter und der Kleine widerspricht: „Du gehst schon ein bisschen tanzen. In die Disco.“

Valentin ist nicht nur ein Autokenner, er hat auch schon Widerspruchsgeist entwickelt. Will alles genau wissen. Zum Beispiel, warum der Spielzeug-Krankenwagen anders aussieht als die, die er kennt. Ein amerikanischer Krankenwagen? Was denn Amerika ist, fragt er und legt danach das Auto in Richtung Amerika.

Valentin und seine Mutter gibt es auch im Film. Er heißt „Vierzehn“, und gemacht hat ihn Cornelia Grünberg, beim Frauenwelten-Filmfest wird er gezeigt. Der Film handelt aber nicht allein von der Tübingerin, drei andere 14-Jährige werden darin ebenfalls porträtiert. Alle vier waren mit 14 schwanger. Die Berliner Dokumentarfilmerin Grünberg fand die vier über Jugendämter. Als die jungen Mütter ihr Einverständnis gaben, kam der Kontakt zustande. Fabienne Renaud zögerte nicht lange, sie fand die Idee richtig gut. „Viele stecken junge Mütter in so eine Schublade und sagen, die kriegen nix auf die Reihe.“ Viele glaubten auch: „Die haben nur Party im Kopf, gehen aus und lassen ihr Kind allein.“ Der Film zeigt nun, dass es nicht so ist, und das ist der jungen Frau sehr recht. Sie würde niemals feiern gehen und ihren Sohn sich selber überlassen. „Für mich ist mein Sohn das Wichtigste in meinem Leben.“ Und noch einen rührenden Satz sagt sie: „Ich liebe es, meine Zeit mit meinem Sohn und meinem Freund zu verbringen.“

Fabienne Renaud hat ihr Leben in der Zwischenzeit gut organisiert. Sie hat mit dem Kleinen eine eigene Wohnung, aber ihre Mutter wohnt im gleichen Haus. Das heißt nicht, dass Valentin ständig in der Obhut seiner Oma ist. Valentin geht morgens in den Kindergarten, währenddessen geht seine Mutter zu ihrem Ausbildungsplatz. Sie macht eine Teilzeitlehre in einer Bäckerei, mittags holt sie den Kleinen dann vom Kindergarten ab.

Das klingt alles recht einfach, aber das war nicht immer so. Genauer, ab der 24. Schwangerschaftswoche wurde das Leben der damals noch 14-Jährigen schwierig. Sie durfte keine frühzeitigen Wehen provozieren und musste viel Zeit im Bett und in der Klinik verbringen. Und dann der Schock, als das Kind mit einem offenen Bauch zur Welt kam. „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagt Fabienne Renaud.

Vier Mal musste der Kleine operiert werden, inzwischen ist er gesund und munter. „Er isst wie ein Weltmeister“, sagt die Mutter stolz. Denn nur die wenigsten Kinder, die mit diesem Defekt geboren werden, gedeihen so prächtig wie er. Er ist gerade mal zehn Zentimeter kleiner als der Durchschnitt, sagt die Mutter.

Ohne ein gut ausgestattetes Selbstbewusstsein wäre Fabienne Renaud mit der frühen Schwangerschaft weniger gut klar gekommen. Ihr war egal, was die Leute denken, die Schwangerschaft empfand sie nicht als Schande, Abtreibung kam für sie nicht infrage. Von Anfang an konnte sie sich der Unterstützung ihrer Mutter sicher sein. „Sie war damit einverstanden“, betont die Tochter. Ansonsten plädierten um sie herum „alle für Abtreibung“.

Fabienne Renaud war damals gerade in der 8. Klasse der Mörikeschule, sie hatte einen Freund, mit dem sie schon eine Weile zusammen war, als der Unfall Schwangerschaft passierte. Bald nach der Geburt ging die Beziehung in die Brüche.

Die Schule hatte die 14-Jährige nicht besonders wichtig genommen. Irgendwelche Pläne, bevor sie denn schwanger wurde? „Nein“, sagt sie. Erst mit dem Kind kam der Wunsch nach Ausbildung und Beruf. Sie holte den Hauptschulabschluss nach und fand nach einjähriger Suche einen Teilzeitausbildungsplatz in einer Bäckerei: „Meine Arbeit dort ist echt super!“ schwärmt sie.

Es klingt alles fast zu schön, um wahr zu sein. Doch Fabienne Renaud hat auch weniger schöne Erfahrungen gemacht: Von den Freundschaften aus der Schulzeit hat keine einzige gehalten. Nur: Sie ärgert sich nicht darüber, es stört sie noch nicht einmal. Die Erklärung, die sie dafür bereit hält, klingt logisch: „Ich bin einfach viel weiter als die.“ Und sie sagt auch: „Ich bin viel älter im Kopf als andere.“ Viel Zeit für Jugend blieb ihr nicht. Diese Phase hat sie fast komplett übersprungen. Sie musste einfach rasend schnell erwachsen werden: mit 15 war sie es schon.

Die frühgeborene Vernunft ist ihrem Umgang mit ihrem Söhnchen anzumerken. Konsequent sein in der Erziehung ist für sie kein Problem: „Ich bin schon streng“, gibt sie zu. Höflichkeit sei ihr wichtig, die Ernährung soll ausgewogen sein, und auch mit Fernsehgucken hält sie den Kleinen kurz. Andererseits, so hat sie selbst beobachtet, tobt sie dann auch wieder so mit ihrem Kind herum, als sei sie selbst noch eins.

Manchmal wundert sie sich selber auch über ihren eigenen schnellen Rollenwechsel: „Diskutier jetzt nicht mit mir“, sage sie oft zu ihrem Sohn. Und bei diesem Satz hört sie dann ihre eigene Mutter sprechen.

Der Dokumentarfilm „Vierzehn“ zeigt vier 14-Jährige, wie sie mit ihrer frühzeitigen Schwangerschaft und dem Muttersein fertig werden. Cornelia Grünbergs Film ist am Sonntag, 25. November, um 16 Uhr im Studio Museum zu sehen. Die Regisseurin und Fabienne Renaud sind während der Vorstellung anwesend. Es wird noch zwei Fortsetzungen des Filmes geben. Die eine heißt „Achtzehn“ und zeigt die vier Frauen im Alter von 18. Dann ist auch noch ein weiterer Film „28“ geplant. Darin werden die Kinder so alt sein, wie ihre Mütter, als sie schwanger wurden.

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03.06.2013, 12:00 Uhr

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