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Angelika Bachmann über Second-Hand-Krücken

Die kranke Wegwerfgesellschaft

Jeder Schwabe braucht einen großen Keller, am besten noch einen Dachboden und eine geräumige Garage. Dort        stehen für gewöhnlich Dinge, die man sich mal gekauft hat, die man aber nicht mehr nutzt. Wenn die Sachen noch einigermaßen in Schuss sind, wird kein Schwabe sie wegwerfen. Man könnt’s ja mal wieder brauchen.

17.07.2017
  • Angelika Bachmann

Aber irgendwann ist der Keller voll. Und von manchen Dingen wünscht man sich sehr, dass man sie nie wieder braucht. So steckte auch in meinem Schirmständer ein Paar Krücken. Eine Freundin nahm sie irgendwann mit in die Türkei: Ihre Oma dort war froh über die Gehhilfen.

Hierzulande sind Krücken (Preis: 9,99 Euro aufwärts, je nach Ausführung und Polsterung) nämlich Wegwerfprodukte. Ebenso: höhenverstellbare Hocker für Duschen und viele andere medizinisch-technische Hilfsgeräte. Das stellte auch TAGBLATT-Leserin Sieglinde Hein fest, die nach Operation und Reha-Phase Gehhilfen, Keilkissen und Duschhocker zurückgeben oder verschenken wollte. Ohne Erfolg. Sie und ihr Mann schrieben Pflegeheime und soziale Einrichtungen an. Alle winkten ab. Schließlich schalteten die Heins eine „Zu verschenken“-Annonce im TAGBLATT. Prompt meldeten sich acht Interessenten, die Hilfslieferungen in andere Länder organisieren. Jetzt sind Krücken und Hocker auf dem Weg nach Kroatien.

Grundsätzlich würde man orthopädische Hilfsmittel schon annehmen, schrieb Isabell Kämmerle von der Tübinger Altenhilfe dem TAGBLATT auf Nachfrage. Allerdings würden diese immer individuell – sprich jedem einzelnen Patienten – verordnet, auch in Pflegeheimen oder für Menschen, die ambulant betreut werden. Stirbt ein Pflegeheimbewohner, werden die Krücken und andere Hilfsmittel zur Erbsache. Meist bieten die Nachkommen diese dann dem Pflegeheim an. Das Heim braucht sie aber eigentlich gar nicht. Weil jeder neue Bewohner ja wieder individuell von den Kassen versorgt wird. Auch sie sei im Übrigen der Meinung, dass durch dieses System sehr viel Geld verschwendet werde, schreibt Kämmerle.

In der BG-Klinik, wo ja sehr viele Leute an Krücken das Krankenhaus verlassen in der Hoffnung, diese nach wenigen Wochen wieder loszusein, werden ausschließlich neue Gehhilfen ausgegeben. Bringt ein Patient diese zurück, führe man sie „humanitären Zwecken“ zu, so die BG.

Mein Vorschlag zur Entlastung von Müllkippen und privaten Kellern: Die Kassen führen eine Börse für Second-Hand-Krücken ein. Wer sich daraus bedient, statt sich neu bestücken zu lassen, erhält einen Bonus und beim nächsten Mal, wenn er einen Facharzt braucht, einen Termin innerhalb von nur vier Wochen!

Die AOK will davon leider nichts wissen. Rollstühle oder Pflegebetten würden natürlich zurückgenommen. Bei Krücken oder gar Duschhockern sei es aber „wirtschaftlich nicht vertretbar“, diese wiederzuverwerten. „Die Instandsetzung der Krücken (Gummipfropfen) und die Logistik (Auslieferung und Rückholung) wäre viel teurer als eine Neuversorgung“, schreibt die AOK.

In anderen Ländern wird offensichtlich anders gerechnet. Eine Freundin von mir hat sich im Urlaub in Südtirol den Knöchel gebrochen und brachte als Souvenir Gipsbein und Krücken mit. Letztere gab sie ein Jahr später, beim nächsten Urlaub in Südtirol, wieder bei der Klinik ab. „Wir nehmen sie gerne zurück“, hieß es dort – samt einem zweiten Paar AOK-finanzierter Krücken, das noch in ihrem Schirmständer steckte.

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17.07.2017, 23:35 Uhr
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