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Heimatgeschichte

Die illegale Tafel gehört heute zum Mahnmal

In der Gedenkstätte Tailfingen berichteten einige Tübinger und Rottenburger „Pioniere“ aus den 1980er Jahren über den damaligen Kampf um die Erinnerung an das ehemaligen KZ-Außenlager bei Hailfingen.

21.03.2017
  • Michael Hahn

Nun sind sie selbst schon zu Zeitzeugen geworden: Sieben „Pioniere“ der 1980er Jahre berichteten am Sonntagnachmittag in der Tailfinger KZ-Gedenkstätte über die umkämpfte Erinnerung an die Nazi-Verbrechen im ehemaligen Konzentrations-Außenlager bei Hailfingen (1944/45). Es ging also um die die Vorgeschichte der heutigen Gedenkstätte.

„Pioniere betreten Neuland, manchmal auch sehr gefährliches Terrain. Und sie bereiten den Weg für künftige Generationen“, sagte Harald Roth zur Begrüßung. Der 65-Jährige ist pensionierter Lehrer und – zusammen mit dem 75-jährigen Volker Mall – die tragende Säule der Gedenkstätte. Seit 15 Jahren erforschen die beiden akribisch die Geschichte des KZ-Außenlagers, der Toten und der Überlebenden.

Am Sonntag hatten sie gewissermaßen ihre Vorgänger/innen zum Zeitzeugen-Gespräch eingeladen. Mit etwa 50 Zuhörer/innen – fast alle grauhaarig – war der Seminarraum im Tailfinger Rathaus gut gefüllt. „Auch bei uns gab es Gegenwind“, sagte Roth über die Jahre ab 2002. Aber im Vergleich zu den Anfeindungen, die den „Pionieren“ in den 1980er Jahren entgegen schlugen, „hatten wir es viel einfacher“.

Nach 1945 war die Geschichte des Lagers auf der Gäu-Hochfläche zwischen Hailfingen und Tailfingen jahrzehntelang totgeschwiegen worden. Anfang der 1980er Jahre bekam der Tübinger Kreisrat Gerhard Bialas (DKP) die Zulassungsarbeit einer Ludwigsburger Studentin über das KZ-Außenlager in die Hand. „Das hat mich sehr erschüttert“, sagte er am Sonntag. Bialas gab eine Kopie weiter an den damaligen Landrat Wilhelm Gförer (1925 bis 1994): „Der hatte keine Ahnung davon, dass da mal ein Lager war. Da habe ich beschlossen, mich voll in die Sache reinzuknien.“

Gemeinsam mit seinen DKP-Genossen stellte Bialas im Mai 1985 eine hölzerne Gedenktafel an der ehemaligen Landebahn auf. Und er lud Kommunalpolitiker und Initiativen zur Gründung eines überparteilichen Trägerkreises ein. Etliche machten mit. Die Absage des damaligen Hailfinger Ortsvorstehers Franz Teufel hat Bialas bis heute aufbewahrt. Die Absage war höflich formuliert, für Bialas „ein positives Signal“.

Vor Ort war der Ton ruppiger. Die Rottenburger Grüne Liste hatte bereits im Januar 1985 beantragt, eine offizielle Arbeitsgruppe unter Vorsitz von Oberbürgermeister Winfried Löffler zu bilden: für eine Erinnerung „an das KZ und seine Opfer“. Der damalige Grünen-Sprecher Horst Gneithing berichtete am Sonntag, welche Ablehnung ihm damals entgegen schlug, auch im Hailfinger Ortschaftsrat. „Da war eine Mauer. Es war mir schnell klar: Die lässt sich nicht einreißen.“

Doch der Trägerkreis ließ nicht locker. Unter Führung des (2009 verstorbenen) Tübinger Kulturwissenschaftlers Prof. Utz Jeggle gründete er einen Förderverein für ein Mahnmal. Dessen erste öffentliche Veranstaltung (mit Landesrabbiner Joel Berger) war im November 1985 im evangelischen Gemeindehaus in Rottenburg, moderiert von Pfarrer Peter Häußer. Der war noch ganz neu in der Stadt. Am Sonntag erinnerte er sich: „Das war nicht einfach. Es gab Spannungen.“

Man sollte nicht an die alten Wunden rühren, hieß es häufig. Und schließlich hätten ja auch die französischen Besatzungssoldaten zwei Bondorfer Zivilisten zu Tode geprügelt – bei der Exhumierung des KZ-Massengrabs. Auch in den Leserbriefspalten ging es heftig ab.

Bald darauf machte Jeggle einen Überlebenden ausfindig und interviewte ihn: den polnischen Juden Wolf Gimpel. Das TAGBLATT berichtete auf einer Sonderseite.

1986 stellten Rottenburg und Gäufelden einen Gedenkstein auf dem Tailfinger Friedhof auf, an dem Grab, an dem 73 Opfer aus dem KZ-Außenlager beerdigt sind. Um die Inschrift gab es „einen wochenlangen, beschämenden Streit“, sagte Volker Mall am Sonntag. OB Löffler und Bürgermeister Hermann Wolf verhinderten, dass das Wort „KZ“ erwähnt wurde. Am Ende hieß es ganz allgemein: „Den Opfern des 3. Reiches zum Gedenken.“

„Drittes Reich: Das ist authentischer Nazi-Jargon“, ärgerte sich Ulrich Hägele, der das Sonntagsgespräch moderierte. „Am Ende sind alle irgendwie Opfer. Auch die Hailfinger und Tailfinger, weil man ihnen ihre Äckerle weggenommen hat. Da schwang immer so eine Schlussstrich-Mentalität mit.“

Für den Förderverein war klar: „Wir wollten über das Lager informieren. Das kann man nicht auf einem Friedhof“, sagte Anka Österle. „Wir wollten raus aufs Gelände“ – also an den tatsächlichen Ort der Nazi-Verbrechen. Doch die kommunalpolitisch Verantwortlichen wiegelten ab. „Da draußen wird das geschändet“, war eine Begründung. Oder: „Der Förderverein ist von Kommunisten unterwandert.“ Der Verein stellte daraufhin einfach selbst eine Informationstafel auf. Sie steht bis heute.

Als 1988 der Überlebende Wolf Gimpel nach Rottenburg kam und von OB Löffler empfangen wurde, durfte kein Vertreter des Förderkreises mitkommen. Danach fuhr man gemeinsam raus zum ehemaligen Lagergelände. Und plötzlich, so erinnerte sich Anka Österle an die einheimischen Begleiter, „wussten sie alles, was sie jahrelang nicht gewusst hatten“. Die Erinnerungsblockade war gebrochen.

Schon 1982 hatte die Herrenberger SPD eine kleine Gedenkveranstaltung in Tailfingen organisiert, zum Antikriegstag am 1. September. Als die SPDler vom Rathaus die menschenleere Straße zum Friedhof hinaus gingen, lugten nur einige Tailfinger „hinter den Vorhängen“ hervor, erinnerte sich der Herrenberger Sozialdemokrat Walter Fischer. Aber auch er selbst habe sich bald darauf wieder „auf andere Prioritäten“ konzentriert.

Hinzu kam, so sagte der Herrenberger Volker Mall am Sonntag zu den Tübingern und Rottenburgern: „Wir haben nichts von euch gewusst.“ Das war auch umgekehrt so, entgegnete Hägele.

Erst im Mai 2002 kam alles zusammen. Auf Einladung des Herrenberger Vereins „Gegen Vergessen“ hielt Utz Jeggle einen Vortrag vor 400 Leuten in der Tailfinger Bürgerhalle. Von da an griffen Roth und Mall das Thema auf – sozusagen die Stafetten-Übergabe.

Seit Juni 2010: Hailfinger Mahnmal und Tailfinger Dauerausstellung

Die Tafel des Mahnmal-Förderkreises von 1987 war bis zum Juni 2010 die einzige öffentlich sichtbare Information über das ehemalige KZ-Außenlager. Doch dann errichteten die Stadt Rottenburg am ehemaligen Flugfeld ein Mahnmal. Es ist öffentlich zugänglich. Gleichzeitig richtete die Gemeinde Gäufelden im Tailfinger Rathaus eine Dauerausstellung mit Gedenkstätte ein. Sie ist jeden Sonntag von 15 bis 17 Uhr geöffnet.

In unregelmäßigen Abständen folgt um 17 Uhr ein Vortrag im Seminarraum im Rathaus. Das vorgestrige „Pioniere“-Gespräch war der 50. Termin in dieser Reihe. Am Sonntag, 2. April, um 17 Uhr folgt eine Buchvorstellung: „Die Wege der Überlebenden“.

Hailfingen gehört heute zu Rottenburg, das Nachbardorf Tailfingen zu Gäufelden. Die Landebahn mit Arbeits-/Konzentrationslager lag direkt auf der Markungsgrenze. Dort starben im Winter 1944/45 ungefähr 200 jüdische Häftlinge an Erschöpfung, Krankheiten und Misshandlungen. Viele weitere kamen bei Evakuierungsmärschen im April 1945 ums Leben.

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21.03.2017, 01:00 Uhr

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