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Nicht am Text kleben

Die große Literaturübersetzerin Swetlana Geier - Ein Porträt

Die Literaturübersetzerin Swetlana Geier zählt zu den bedeutendsten Übersetzern russischer Literatur in die deutsche Sprache. Die 86-Jährige ist in Kiew (Ukraine) geboren und lebt seit 1943 in Deutschland.

29.03.2010
  • FRIEDEMANN KOHLER, DPA

Freiburg Mit 86 Jahren wohnt man in Deutschland eigentlich nicht mehr so wie Swetlana Geier. Das ehemalige Verwalterhäuschen eines Sägewerks in Freiburg ist kein Stück altengerecht: Die Küche wird mit dem Holzofen geheizt, die Treppen sind steil. Aber gemütlich ist das Haus der großen alten Dame der Übersetzungskunst, die Räume sind holzgetäfelt, draußen wuchert das Grün. Und Geier wirtschaftet, kocht, bügelt in ihrem unpraktischen Haus, sie möchte nirgendwo anders leben.

Swetlana Geier übersetzt seit einem halben Jahrhundert russische Literatur ins Deutsche und ist vielfach dafür ausgezeichnet worden.

Die letzten zwei Jahrzehnte hat sie den überlebensgroßen Romanen von Fjodor Dostojewski (1821-81) gewidmet, nun nimmt sie Abschied von ihrem Lieblingsautor. "Dostojewski ist moderner als wir alle", sagt sie. Ein Zeitgenosse sei er, der in seinen Büchern nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel frage: "Gibt es ein Ziel, das ein fragwürdiges Mittel rechtfertigen würde?"

Wer Swetlana Geier im Freiburger Vorort Günterstal besucht, betritt eine eigene Welt. In der Küche tischt sie mit russischer Gastfreundschaft auf - in diesem Fall eine leckere Spinatquiche, überbacken mit reiner Sahne. Einen Liter handgeschöpfter Sahne lässt sich Geier jede Woche vom Bauern liefern. "Das ist Kiew für mich" - Sahne als Kindheitserinnerung an die ukrainische Hauptstadt, in der Geier als Swetlana Iwanowa 1923 geboren wurde. Man muss sich immer wieder vor Augen halten, dass die Frau, die dem deutschen Leser den bislang klarsten, werkgetreusten Dostojewski geschenkt hat, eine Russin ist. Eine russische Muttersprachlerin, die in eine zwar perfekt beherrschte, aber doch angelernte Sprache übersetzt. Seit 80 Jahren beschäftigt sich Geier mit Deutsch, aber sie denkt immer noch auf Russisch: "Wenn ich meinen Kalender suche, mache ich das auf Russisch."

Ebenso ungewöhnlich ist, dass Geier den Weg von Kiew nach Freiburg geschafft hat - durch die blutigen Mühlen zweier Diktaturen und des Zweiten Weltkriegs hindurch. Auf die behütete Kindheit in der frühen Sowjetzeit folgte der politische Terror unter dem Diktator Josef Stalin. Ihr Vater wurde verhaftet, kam zwar nach 18 Monaten wieder frei ("und das war ein Wunder"), doch er starb an den Folgen der Haft.

1941 überfiel Deutschland die Sowjetunion, Kiew wurde besetzt, alle Juden der ukrainischen Hauptstadt wurden ermordet. Mit ihren Deutschkenntnissen arbeitete die Abiturientin Swetlana bei einer deutschen Baufirma. Als die Rote Armee wieder vorrückte und die Wehrmacht floh, wurden die sprachbegabte junge Frau und ihre Mutter mit nach Deutschland genommen. Zunächst fanden sie sich in einem Lager für Ostarbeiter wieder. Doch gegen alle Nazi-Ideologie vom slawischen Untermenschen setzten ihre Gönner durch, dass die Sowjetbürgerin Iwanowa 1944 einen Studienplatz in Freiburg bekam.

Gearbeitet hat sie später mit den großen Namen der russischen Literatur: Leo Tolstoi (1828-1910) hat sie übersetzt, Romane von Alexander Solschenizyn (1918-2008), auch Iwan Bunin (1870-1973) und Michail Bulgakow (1891-1940).

Ihe Arbeitsweise ist ungewöhnlich. "Nase hoch beim Übersetzen" hat bereits die erste Deutschlehrerin in Kiew die kleine Swetlana gelehrt. Das soll heißen: Nicht am Text kleben, "nicht wie eine Gottesanbeterin von links nach rechts an der Zeile entlangkriechen", sondern den gesamten Text im Blick haben. "Das Wahre ist das Ganze", sagt Geier. Also memoriert sie die zu übersetzenden Werke, lernt vielhundertseitige Romane nahezu auswendig. "Jeden Abend schlage ich nochmals die fünf bis zehn Seiten auf, die ich am nächsten Tag diktieren werde." Für Geier ist Literatur vor allem gesprochene Sprache. "Je älter ich werde, desto mehr verstehe ich, dass Sprache nicht auf Holz, auf Papier angewiesen ist."

Geier diktiert, eine altbewährte Hilfskraft schreibt auf der Maschine. Dann liest ihr ein pensionierter Musiker den deutschen Text wieder vor, kritisiert; sie lauscht dem Klang und korrigiert. Ein aufwendiges Verfahren. "Das kann kein Verlag bezahlen", lacht Geier.

An Aufträgen hat es trotzdem nie gemangelt. Seit 1992 hat sie für den Schweizer Verleger Egon Ammann Dostojewskis Romane neu übersetzt. Sie hat den sanften "Idioten" Fürst Myschkin nachgezeichnet, den Vatermord der "Brüder Karamasow" gelöst. Die Arbeit an den fünf großen Romanen Dostojewskis hat ihr den Spitznamen "Die Frau mit den fünf Elefanten" eingebracht - so lautet auch der Titel eines Dokumentarfilms, den der Regisseur Vadim Jendreyko gedreht hat. Er zeigt Geiers Leben als Migrantenschicksal, ihre erste und einzige Rückkehr in die Heimat Kiew mit 85 Jahren. Sie habe an Deutschland eine Dankesschuld abzutragen, so begründet sie in dem Film ihre literarische Vermittlungsleistung.

Die große Literaturübersetzerin Swetlana Geier - Ein Porträt
Swetlana Geier, 86, hat unter anderem Fjodor Dostojewskis fünf große Romane neu übersetzt. Foto: dpa

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29.03.2010, 12:00 Uhr
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