Potenzielle Baugebiete Au und Saiben untersucht

Die Umwelt steht dem Tübinger Gewerbe nicht im Weg

Von Sabine Lohr

Der Landschaftsplaner Norbert Menz hat die Au und den Saiben nach Umweltaspekten untersucht. Beide sind artenschutzrechtlich unbedeutend.

Die Umwelt steht dem Tübinger Gewerbe nicht im Weg

Auf den Äckern im Saiben bei Derendingen leben Feldlerchen. Bild: ©mirkograul - stock.adobe.com

Im neuen Flächennutzungsplan soll, geht es nach der Stadtverwaltung, mindestens ein neues Gewerbegebiet ausgewiesen werden. Nachdem die Traufwiesen ihrer problematischen Lage wegen zumindest für Oberbürgermeister Boris Palmer aus dem Rennen sind, bleiben nur noch zwei Flächen übrig: das Wasserschutzgebiet Au und der Saiben. Beide hat der Tübinger Landschaftsplaner Norbert Menz genau untersucht und für beide hat er ein Umweltgutachten erstellt. Sein Ergebnis: Nach Umweltaspekten spricht nichts gegen die Bebauung der Au. Beim Saiben müsste man einen hohen, aber machbaren Aufwand betreiben, um ihn bebauen zu können.

Im Wasserschutzgebiet Au, so Menz, gebe es „keine naturschutzfachlich interessanten Pflanzen“. Die Bäume sind mit ihren knapp 70 Jahren zu jung, um für seltene Vogelarten, für Fledermäuse oder auch für Käfer Lebensraum bieten zu können. Und die Buschwindröschen, die im Frühling in der Au blühen, gibt es überall. Aber ein paar Vögel leben in der Au: ein Waldkauz-Brutpärchen und ein paar Stare. Beide Vogelarten stehen auf der Vorwarnliste. „Aber es sind Siedlungsfolger, die einen lockeren Baumbestand mögen – wie wir ihn überall entlang des Neckars haben“, sagt Menz. Auch in Zukunft werde sich in der Au nicht viel tun, denn das Gebiet ist eine Insel zwischen Straßen, Bahnlinie und Industriegebieten. Eine Insel, die nichts Besonderes an sich habe. „Sie ist wederbesonders feucht, noch besonders trocken.“

Auch was den Naherholungswert angeht, spielt die Au laut Menz keine Rolle, denn sie ist nicht zugänglich. Als Wasserschutzgebiet genießt sie Unantastbarkeit und ist deshalb eingezäunt. Allerdings, so Menz, könnte sie heute nicht mehr als Wasserschutzgebiet ausgewiesen werden, dazu sei sie zu klein und von der Umgebung her zu belastet. Und auch ein Brunnen würde dort heute nicht mehr zugelassen werden. „Das gilt für alle Tübinger Brunnen“, sagt Menz, „keiner davon wäre heute noch genehmigungsfähig.“

Würde die Au oder ein Teil von ihr bebaut werden, dann würde zwar der rechtliche Schutz wegfallen, die Wasserqualität, so Menz, würde darunter aber nicht leiden – es sei denn, es würden schädliche Stoffe in den Untergrund gelangen.

Als „völlig unspektakulär“ bezeichnet Menz den Schelmen, den westlichen Zipfel des Saiben zwischen Weilheim und Derendingen. Auch dort könnte ein Gewerbegebiet ausgewiesen werden – als Erweiterung des bereits bestehenden.

Im Schelmen leben keine seltenen Vögel oder sonstige artenschutzrechtlich relevante Tiere. Doch hinter dem Landgraben, auf der Ackerfläche, leben Feldlerchen. Diese Vögel haben eine ungewöhnliche Taktik, sich Feinde wie Sperber oder Krähen vom Leib zu halten: Sie brüten mitten auf dem Feld. Also dort, wo ihre Feinde wie Sperber oder Krähen sie nicht entdecken können. Denn die wiederum halten gern auf Bäumen Ausschau nach Opfern.

Lerchen also sind so genannte „Kulissenflüchter“, die vertikale Strukturen meiden. „Sie sind aber nicht so schlau, dass sie zwischen Bäumen und Gebäuden unterscheiden können“, beschreibt Menz den Intelligenzquotienten von Lerchen. Alles, was in die Höhe ragt, ist Lerchen also suspekt. Weshalb sie, wenn der Saiben bebaut wird, dieses Gebiet verlassen würden. Dann müsste man für Ersatzflächen sorgen. Weil es drumherum noch Äcker gibt, würden die sich gut für Lerchen eignen. Sie bräuchten allerdings noch einige Grasstreifen, damit Insekten kommen, von denen sich die Lerche ernährt. Die anzulegen, erfordert einigen Aufwand, „aber der ist machbar“, sagt Menz. Und die Lerchen suchen sich ohnehin jedes Jahr einen neuen Platz zum Brüten. Besonders beliebt ist bei ihnen die Fläche zwischen Weilheim und Kilchberg. „Dort gibt es so viele Lerchen, dass wir keine weiteren mehr hinbekommen.“

Der Saiben kommt aber nicht nur für Gewerbe in Betracht, sondern ist als neues Wohngebiet bereits gesetzt. Mitten drin, angrenzend an die Mühlbachäcker, soll ein breiter Streifen bebaut werden. Dort kommen Dohlen vor. Was laut Menz aber kein Problem ist. „Dohlen brauchen während der Aufzucht ihrer Jungen freie Flächen – aber davon bleiben genug übrig.“ Und auch, dass an der Bahnlinie vermutlich Reptilien leben, ist laut Menz kein Problem, denn die Bebauung soll gar nicht bis zur Bahn gehen.

Was den Erholungswert angeht, schlägt der Saiben die Au bei weitem. Er ist nicht nur zugänglich, sondern auch weitläufig und wird gerne von Spaziergängern und Radfahrern genutzt.

Auch das Klima von Au und Saiben hat Menz untersucht. Mit der Au ist er da schnell fertig: „Unbedeutend“. Das Au-Wäldchen spiele klimatisch keine Rolle. Ganz im Gegensatz zum Saiben. Dort sei es außerordentlich wichtig, einen Frischluftstreifen zwischen der Wohnbebauung und der Bahnlinie zu erhalten. Der Saiben diene der Kaltluftzufuhr und die müsse erhalten bleiben. Was trotz der Bebauung aber möglich sei. „Es kommt eben auf die Art der Bebauung an – auf die Höhe der Gebäude und darauf, wie sie stehen.“

Fürs Grundwassser gilt im Saiben dasselbe wie in der Au – beide haben denselben Grundwasserleiter. „Der Unterschied besteht nur im Schutz“, sagt Menz.


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07.06.2017 - 01:00 Uhr