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Foltern und gefoltert werden

Die Tübinger Studentin Annika Strauss hat als Kreischkönigin und Zombiejägerin in Horrorfilmen Karriere gemacht

Wenn ihre Kommilitonen am Tübinger Brechtbau die Semesterferien genießen, kommt Annika Strauss auf die Folterbank. Die 28-jährige Rhetorik-Studentin ist ein angesagtes Sternchen im deutschen Horrorfilm-Untergrund.

01.03.2013
  • Klaus-Peter Eichele

Wer mit Horror sanften Grusel à la „Dracula“ verbindet, ist bei Annika Strauss auf dem falschen Dampfer. Ihr bevorzugtes Genre ist der so genannte Slasherfilm. In „Schlaraffenhaus“ spielt sie eine reiche junge Frau, die in der väterlichen Villa von einem mordlüsternen Pärchen überfallen und aus purer Lust fast zu Tode gequält wird – unter anderem mittels eines mit Nägeln bestückten Muffins.

Auch der demnächst auf DVD erscheinende Nachfolger „Plastic“ führt sie, diesmal in der Rolle eines naiven Landeis in der Großstadt, auf die Streckbank eines Wahnsinnigen. Aber die zierliche Studentin kann auch anders. Im gerade abgedrehten Zombiestreifen „God Forsaken“ zieht sie als Schwertkämpferin selbst in den gnadenlosen Kampf gegen die Untoten.

Von Tabaluga in den Horrorfilm

Zwölf solcher Filme, produziert in Mallorca, New York und hiesigen Landen, hat Annika Strauss bereits auf dem Buckel; seit vier Jahren hat sie „jede freie Minute“, die ihr das Studium ließ, auf einem Filmset verbracht. Mit Erfolg: ein Magazin kürte sie jüngst zur „Scream-Queen“ (Kreischkönigin) des deutschen Horrorfilms. Für Strauss ein Ehrentitel: „Es zeigt, welchen Status ich mittlerweile in der Szene habe“, sagt sie beim Treffen in ihrer Wohnung in Reutlingen-Oferdingen.

Die Szene: das sind jene Filmfans, die sich gern anschauen, wie andere Leute – fiktiv, versteht sich – foltern und gefoltert werden. Nimmt man die amerikanischen Blockbuster dieses Genres („Saw“, „Hostel“) zum Maßstab, dürfte es sich in Deutschland um eine knappe Million Menschen handeln, die meisten männlich und jung.

Von solchen Exzessen des Kinos ahnte Strauss noch nichts, als sie vor 15 Jahren an ihrer Reutlinger Schule in Peter Maffays Kinderstück „Tabaluga und Lilli“ die Hauptrolle spielte. „Schon damals war es mein Traum, Schauspielerin zu werden“, erzählt sie.

Entsprechend ergatterte sie eine kleine Rolle in dem rund um Reutlingen gedrehten Kinofilm „Als Großvater Rita Hayworth liebte“ und belegte nach dem Abitur ein Schnuppersemester an einer Stuttgarter Schauspielschule. Auch nachdem sich Strauss dann doch für ein Rhetorik-Studium in Tübingen entschieden hatte, ließ sie die Sehnsucht nicht los. Um Erfahrung vor der Kamera zu sammeln, moderierte sie nebenher beim Lokalsender RTF1 ein Jugendformat.

2009 war es dann soweit: Über eine Annonce im Internet rutschte sie auf die Besetzungsliste für das Filmprojekt „La petite mort“, und zwar gleich in einer Hauptrolle.

Dass es sich dabei um einen Horrorfilm handelte, mehr noch: um einen Slasherfilm mit drastischen Gewaltszenen, bekümmerte sie nicht. Im Gegenteil: „Ich habe Horrorfilme schon immer gemocht, wenn auch nicht unbedingt die ganz brutalen“. Eher beschlich sie die Angst, als Anfängerin neben den Routiniers am Set nicht bestehen zu können.

Doch offenbar konnte sie: Marcel Walz, der junge Regisseur des Films, hat sie seitdem in allen seinen Filmen besetzt. Ihr größter Trumpf, sagt Strauss, sei ihr Einfühlungsvermögen. „Ich kann mich intuitiv in Menschen hineinversetzen, egal ob es die Guten oder die Bösen sind.“ Für den neuen Zombiefilm, der ihr körperlich einiges abverlangt hat, war allerdings auch hartes Kampfsport-Training vonnöten.

Wer Filme mit Annika Strauss sehen will, darf nicht ins Kino gehen. Außer auf Spezialisten-Festivals werden diese Streifen ausschließlich als DVD oder Blue-Ray-Disc unter die Fans gebracht. In Deutschland, wo die FSK über den Jugendschutz wacht, gibt es sie in der Regel nur in geschnittenen Softversionen, aus denen die fiesesten Szenen getilgt sind. Wer sich dafür interessiert, greift nicht zur Zeitschrift „Cinema“ oder zum Feuilleton der „FAZ“, sondern schaut auf Webseiten wie horrorpilot.com oder filmbizarro.com vorbei.

Viel schlimmer ist die Tagesschau

In dieser Nische, meint Strauss, seien die Filme auch ganz gut aufgehoben. „Ich finde nicht, dass sie ins Kino müssen. Das sind kleine Filme aus der Szene für die Szene.“

Würde ein normaler Kinogänger zufällig darüberstolpern, wäre er von ihrer Drastik vermutlich entsetzt. Zudem ist jedenfalls im deutschen Horror-Untergrund das Talent, eine spannende Geschichte mit interessanten Figuren zu erzählen, eher gering entwickelt.

Marcel Walz, Strauss‘ Lieblingsregisseur, hat zwar ein Gespür für schauerlich atmosphärische Bilder. Die Drehbücher und Dialoge sind jedoch meistens holprige Angelegenheiten. Die Minimal-Budgets meist im unteren fünfstelligen Bereich sind dafür keine Entschuldigung. Die amerikanischen Regisseure von Sensationserfolgen wie „Blair Witch Project“ und „Paranormal Activity“ hatten schließlich auch nicht mehr.

Strauss‘ Faible für das Schock-Genre hat sich inzwischen auch auf ihr Studium am Brechtbau übertragen. In ihrer Masterarbeit im Fach Rhetorik schreibt sie unter dem Titel „Ästhetik der Grausamkeit“ eine Studie zu Bildsprache und Erzählstrategien in Horrorfilmen. Auch wegen der dabei gewonnenen Erkenntnisse kann sie den Vorwürfen, die Sittenwächter gegen Slasherfilme erheben („sittlich verrohend“, „gewaltverherrlichend“), wenig abgewinnen.

„Menschen finden eben nicht nur das Schöne anziehend, sondern auch alles, was sie in ihrer Existenz bedroht, was ihnen Leid und Schmerz zufügen kann“, erklärt sie die Vorliebe vieler Filmfans fürs Schauerliche. Zudem spiegelten gerade Horrorfilme kollektive Ängste wider. Strauss selbst empfindet Kriegsfilme als viel schlimmer, weil die Gewalt dort, anders als beim rein fiktionalen Horror, einen realen Hintergrund habe – „ganz zu schweigen von den Bildern der Tagesschau“.

Selbst ihre Mutter, die anfangs etwas schockiert war, ihre Tochter auf der Folterbank zu sehen, hat sich mittlerweile mit dem Genre arrangiert. „Früher ist sie bei jedem Tatort zusammengezuckt, jetzt war sie sogar schon mal mit mir bei den Dreharbeiten.“ Für sich selbst hat Strauss allerdings Grenzen gezogen. Ausziehen würde sie sich, zumindest für einen Horrorfilm, nicht, und auch zum so genannten „Torture Porn“, in dem die Gewalt in keine Geschichte mehr gebettet ist, hält sie Abstand.

Obwohl Strauss die Dreharbeiten immer noch „großen Spaß“ machen, wird ihr die etwas inzüchtige Szene des Low-Budget-Horrors allmählich zu eng. Zwar hatte sie in einigen Filmen auch schon charakterlich etwas anspruchsvollere Parts zu bewältigen – alles in allem sind die schauspielerischen Entfaltungsmöglichkeiten aber begrenzt. Außerdem ist in diesen Billigproduktionen selten mit einer Gage zu rechnen. Doch noch mangelt es an alternativen Angeboten.

Um ein zweites Standbein zu haben, hat Strauss vor kurzem ihr erstes Drehbuch geschrieben: Das „brutale, aber auch lustige“ Endzeit-Movie über rivalisierende Motorradgangs soll demnächst von Marcel Walz verfilmt werden.

Ihre Zukunft sieht die Reutlingerin allerdings weiterhin vor der Kamera: „Ich hoffe, dass ich in ein paar Jahren auch über die Horrorszene hinaus als Schauspielerin anerkannt bin.“ Vorbilder dafür gibt es einige: Brad Pitt, Jennifer Aniston, Renée Zellweger – sie alle haben ihre Karriere in der vermeintlichen Schmuddelecke des Horrorfilms begonnen.

Die Tübinger Studentin Annika Strauss hat als Kreischkönigin und Zombiejägerin in Horrorfilmen
Hat doch gar nicht weh getan: Die hiesige „Horrorqueen“ Annika Strauss mit berufsbedingtem Massaker-Make-up.

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01.03.2013, 12:00 Uhr

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